In Santiago im Packstress.

Meine Pläne haben sich etwas geändert.

Ich fahre zuerst ins Allgäu zu meiner Familie. In Konstanz werde ich vermutlich Ende der Woche oder Montag, 28.3.16, sein...

 

Am Ende


Das Ende der Welt ist klein. In Puerto Natales trafen wir zum vierten Male Monique, die wir zu Beginn der Carretera Austral 2000 km nördlich zum ersten Mal trafen - besser gesagt, an der wir vorbeifuhren als sie mit dem Daumen nach oben an der Straße stand. Das nächste Mal war in Coyhaique, wo sie "work away" im Hostel machte in dem wir abgestiegen sind (der Betreiber war nebenbei bemerkt Thomas Heidenbüchler (oder so ähnlich), ein Deutscher der die Carretera Austral vor 16 Jahre mit dem Rad abfuhr und einen Führer schrieb, den Jette überall versuchte zu bekommen aber nicht schaffte da er vergriffen war - herausgestellt hat sich das ganze als der Führer im Hostel auslag - gesichert an einer Schnur). Ich schweife ab...
Monique gab Jette dort ein Buch, "South" von Ernest Shackleton, in dem er über seine mäßig erfolgreiche aber sehr abenteuerliche Südpolexpedition von 1915 schreibt. Gelesen hat sie es bisher nicht, aber nur weil ich es so spannend fand dass ich es bis heute bei jeder Gelegenheit in Beschlag nahm. In dem Buch ist ständig die Rede von Hunger, Durst, Erfrierungen, Eiseskälte und sonstigen Entbehrungen, die man wohl erträgt, wenn man mit einem Rettungsboot ohne Trinkwasser im antarktischen Meer unterwegs ist. Wir waren bis zuletzt nie näher als 1000 km an der Antarktis dran - aber vom polaren Wetter bekommt man hier sehr viel mehr mit als auf der nördlichen Hemisphäre in entsprechender Breite. Der Einfluss der Antarktis mit seiner Zirkumpolarströmung und dem kalten Humboldtstrom sind auch im "Hochsommer" deutlich zu spüren, und so windet es in Feuerland in der Pampa mit selten weniger als 50 km/h, und selbst bei 15°C, was recht warm ist, hat man alles an was man besitzt, um nicht auszukühlen. Mir ist völlig schleierhaft wie die Männer das vor hundert Jahren in der Antarktis zwei Jahre überleben konnten, ständig nass bis auf die Knochen, und mit deutlich höheren Windgeschwindigkeiten.
In Puerto Natales trafen wir auch wieder Selwyn, den Kiwi, nachdem wir uns im Nationalpark auch beim Wandern trafen... Wir beschlossen, die letzten 700 km nach Süden, also nach Ushuai, zusammen zu fahren. Wir waren ja schonmal zwei Tage zusammen unterwegs (von El Chalten nach El Calafate), und das hatte gut funktionierte und wir hatten eine Menge Spaß zusammen. Er bemerkte treffend dass es sinnlos wäre in die gleiche Richtung zu fahren, aber nicht zusammen. So genossen wir noch einmal die zivilisierte Welt in Form von Pizzeria (wo wir 5 Pizzen zu dritt vertilgten), Eisdiele, Café mit hausgemachtem Kuchen, und Pfannkuchen mit Eis, bevor wir uns am Morgen des nächsten Tages aufmachten, die wenig  besiedelten Weiten der Pampa zu erradeln. Der Wind stand zunächst gut. 150 km am ersten Tag, ein lockeres dahingleiten mit 35 km/h brachte uns bis fast nach Villa Tehuelques. Erst die letzten 20 km gestalteten sich bei Wind von schräg vorne schwierig. Jette schlüpfte in den großzügigen Windschatten von Sel, während ich versuchte meine Windjacke als Segel einzusetzen, mit mäßigem Erfolg. Ich sparte ungefähr soviel Energie wie im Windschatten. Mit besserem Segelprofil und Trimmung sowie einem ordentlichen Masten wäre da sicher was drin um auch am Wind noch Vortrieb zu bekommen. Ich beschloss die Sache zu entwickeln und habe mir mittlerweile schon einen Bambusstecken zugelegt*.  Selwyn musste mal wieder eine Speiche auswechseln, aber ansonsten war der Tag sehr erfolgreich.
Der Wind hatte am nächsten Morgen etwas gedreht, und aus seiner Richtung kamen dicke, schwere Wolken. Regen erwischte uns volle Kanne von der Seite und ruck-zuck hatten wir alles an was wir hatten. Der Chill-Faktor war enorm. Selwyns "Regenhose" war eine leuchtend Arbeitshose aus Vinyl, die er irgendwo in Equador mal Second Hand kaufte, für 6 Dollar, und die beim ersten Aufsteigen aufs Rad spektakulär im Schritt riss. Wir radelten bis kurz vor Punta Arenas, die gelbe Hose war mittlerweile nur noch ein Fetzen, und übernachteten hinter Büschen in einem Park (woanders hatte es zuviel Wind), um am nächsten Morgen die Fähre über die Magellanstrasse nach Porvenir zu nehmen. 15 km galt es ohne Frühstück und Kaffee noch im Morgengrauen zu meistern - für mich eine echte Herausforderung, und so kam ich den anderen beiden auch kaum hinterher. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen drastischen Effekt ein nicht vorhandener Kaffee auf meine Leistung hat. Auf der Fähre hatten wir dann aber zwei Stunden Zeit um uns die Mägen vollzuschlagen. In Porvenir auf der großen Feuerlandinsel angekommen, 4 km vom Fähranleger, viel mir auf, dass ich meine gute Edelstahl-Trinkflasche an Bord vergessen hatte. In 40 Minuten sollte die Fähre wieder ablegen, und ich musste alles geben, denn es hatte Gegenwind.
Ab hier war wieder Schotter angesagt, bis zur Grenze nach Argentinien, und die erwarteten Kilometerzahlen mussten natürlich heruntergesetzt werden. Wir deckten uns wieder für 4 Tage mit Lebensmitteln ein, die nächste Versorgungsmöglichkeit erwarteten wir erst wieder in Rio Grande in Argentinien.

Über Feuerland - Einsamkeit mit Pinguinen, Fischern und Grenzern. Und viel Wind!
Ich bin der zweimaligen Aufforderung meines Onkels Frieder nachgekommen und wählte die Route über die Inutil-Bucht. Dort brütet seit einigen Jahren eine Kolonie von Königspinguinen, die ich mir ansehen sollte, aber natürlich auch wollte. Dies ist die nördlichste der Erde, andere Kolonien findet man erst in der Sub-antarktis zum Beispiel auf den Sandwich-Inseln, oder den Süd-Orkneys. Von Porvenir starteten wir auf Grund unserer Fress-aktion auf der Fähre und meiner Vergesslichkeit erst nachmittags, und zu den Pinguinen waren es noch 140 km auf bergiger Schotterstraße. Nach 10 km fehlte auf einmal Sel, und es war mir sofort klar dass er ein Problem mit seinem Fahrrad haben muss. Gerade als ich nach 20 Minuten warten beschloss, gegen den Wind zurück bergauf zu fahren (das kostet ordentlich Überwindung!) um nach ihm zu schauen,  kam er die Piste heruntergeholpert. Zwei Löcher im Schlauch waren Schuld an der Verzögerung. Nach 20 weiteren Kilometern kam ein Speichenbruch dazu, aber da es schon Abend wurde, sicherten wir die Speiche nur mit Klebeband ab, um sie später zu reparieren. Mehr als 15 weitere Kilometer kamen wir eh nicht mehr, denn dann war es bereits Abend und es drohte uns eine Regenfront einzuholen, doch wir waren gerade an einem günstigen Ort dafür: Ein Strand mit Mündung eines kleinen Baches, an dem ein Fischer einen Wellblech-Schuppen hatte. Am Strand trieb ein Netz, Aus dem Ofenrohr im Dach quillte Rauch den der Wind waagerecht nach Osten wirbelte, es war also jemand "zu Hause", und so fragten wir nach Unterschlupf. Da die Kollegen nicht da waren, bekamen wir sogar unseren eigenen, privaten Teil-Schuppen für die Nacht, mit 3 Pritschen ausgestattet und einem aus einem alten Ölfass improvisierten Ofen. Gerade als wir unsere Räder abgeladen hatten, setzte der Regen ein. Die tiefstehende Sonne sorgte für einen bezaubernden Regenbogen, und 50 m vom Strand entfernt sprangen ein paar Delphine, die wir vom Unterstand aus beobachten konnten. Vom Fischer bekamen wir Holz, und ich war mal wieder verblüfft, wie viel Glück wir mit diesem schönen Ort und wieder einmal einem äußerst netten Menschen hatten. Gerade Jette war sehr glücklich, denn sie bekam etwas Fisch und 5 Katzen wohnten auch dort. Die ganze Nacht rüttelte der Westwind am Wellblech und ließ uns schonmal davon träumen wie wir am nächsten Tag weitergeblasen werden. Tatsächlich waren wir dann sehr schnell unterwegs, nur der 15 km- Abstecher zu den Pinguinen war etwas mühsam. Die Radfahrer, die Feuerland in die andere Richtung fahren, sind nicht zu beneiden. Aber selbst schuld. Am Ende des Tages hatten wir 125 km auf Schotter hinter uns, und den Posten der chilenisch-argentinische Grenze vor uns. Sonst kein Windschatten, und die Sonne ging gerade unter.  Wir fragten bei der Ausreise die chilenischen Grenzer, wo man zelten könnte, und sie boten uns direkt an hinter ihrem Haus, zwischen hohen Antennen und riesigen Satellitenschüsseln zu zelten. Mit dem Stempel schon im Pass gingen wir also ums Eck und trafen 3 Motorradfahrer, die sich auch schon dort verschanzten. Das war sehr angenehm. Wir hatten einen Wasserhahn, beheizte Klos und durften zum kochen sogar in ein kleines Nebenhaus. Selwyn reparierte mal wieder einen Schlauch, und ich stelle mir mal vor, an der deutsch-schweizerischen Grenze hinterm Haus zu zelten. Undenkbar.
Der nächste Morgen musste noch mit 14 Kilometern Schotter im Niemandsland hinter sich gebracht werden (Selwyn hatte nach 7 km seinen ersten  Speichenbruch für den Tag) bis am argentinischen Grenzposten der Asphalt begann, der dann bis Ushuaia reichte. Seitenwind ließ mich meine Segeltechnik weiter verfeinern, doch eine Regenjacke hat einfach kein optimales Profil, und der Körper als Mast hat den Nachteil dass man entweder nichts sieht (weil man die Kapuze über dem Kopf hat, aber auch vor dem Gesicht), oder einem der Kiefer irgendwann schmerzt, weil man den Reißverschluss im Mund hat. Beides ist nichts für die Dauer, und so musste ich wieder treten. In Rio Grande übernachteten wir bei Graciela, einer überaus netten und zuvorkommenden Frau mit Pfiff und Lebenserfahrung, die aus Müll Kunst und Handwerk macht, ein Tipi im Garten stehen hat und zwei weitere Plätze für ein Zelt. Gefunden haben wir sie weil ihr Garten als Campingplatz in Openstreetmap eingetragen ist. Es ist ein nicht sehr ertragreicher Campingplatz, aber sie hat einfach Spaß daran, Menschen zu Gast zu haben. Sie machte uns Frühstück, fuhr mit uns zum Einkaufen und zur Bank während Sel zum Fahrradladen radelte. Er brauchte neue Speichen. 500m bevor er den Radladen erreichte brach seine Kurbel. Um halb vier nachmittags kamen wir schließlich los. Bis zu unserem Tagesziel waren es aber noch 105 km. Wir hörten vorab viel von der "Panaderia de Ciclistas", eine Bäckerei eines sportbegeisterten, wo man als Reiseradler kostenlos übernachten dürfe. Obwohl wir so spät losgekommen sind, schafften wir die 105 km im Tolhuin noch komplett im Tageslicht. Der Wind blies uns dorthin. Auf einem geraden Flachstück versuchte ich zum Spaß mal auf Windgeschwindigkeit zu beschleunigen, aber ab 58 km/h konnte ich nicht mehr mittreten, und der Rollwiderstand war zu hoch. Aber selbst leicht bergauf musste man eigentlich nicht treten, und Geschwindigkeiten von 40 km/h waren gemütlich.

Panaderia de Bicicletas in Tolhuin
In der Panaderia angekommen staunten wir nicht schlecht als zwischen tonnenweise Mehl, Butter und Zucker eine Tür zu einem kleinen fensterlosen Kabuff mit 4 Betten drin aufgemacht wurde. Eine heiße Dusche gabs auch noch, und weil schon ein Radfahrer aus England da war und es zu viert doch ein bisschen eng gewesen wäre, durften Jette und ich im hauseigenen Fitnessstudio übernachten. Morgens fraßen wir uns mit Empanadas und Facturas, so nennt man in Argentinien süße Stückchen, voll. In diesem winzigen Kaff sind sie sehr stolz auf René Favarolo, den Erfinder des Koronararterien-Bypass, der hier mal gewohnt und praktiziert haben soll. In der Bäckerei kann man neben seiner Wachsfigur für ein Foto posieren, auf jeder Plastiktüte ist er abgedruckt, und das einzige Nachtlokal des Ortes heißt "By Pass". Überall liest man den Spruch dazu "vergessen ist wie zweimal töten",  und sogar die Hauptstraße ist nach ihm benannt. Auf Wikipedia wird der Ort in dem Artikel über ihn nicht mal erwähnt, lediglich dass er sich sehr für bessere medizinische Versorung in der Pampa eingesetzt hat (ich liebe es wenn diese Metapher gar keine ist).

Ushuaia - die letzte Stadt der Welt
Zwei kurze Tagesreisen später waren wir dann da - Ushuaia am Ende der Welt, wie es alle hier nennen. Der Beagle-Kanal trennt uns noch von ein paar kleineren Inseln die nur noch mit dem Boot zu erreichen sind. Zur Feier des Endes einer langen Reise nach Süden, ca. 2600 km auf dem Rad seit Start in Puerto Montt vor 2 Monaten, und für Selwyn fast 10 mal so weit seit Mexiko, gingen wir in ein Restaurant mit Buffet und ließen unsere Mägen dehnen. 
In einer Mail von meinem Vater erfuhr ich, dass 1930 vor Ushuaia das Kreuzfahrtschiff Monte Cervantes gesunken ist, auf dem mein Großonkel Schiffsjunge war. Der Schlepper, das das Schiff dann in den 50er Jahren versuchte zu bergen, liegt heute ebenfalls aufgelaufen im Hafen.

Abgezockt, oder: In der Business Class zurück nach Bariloche
Weil wir nicht die gleiche Strecke bei Gegenwind wieder nach Norden strampeln wollten, gönnten wir uns einen Flug nach Bariloche, das liegt in der Nähe von Puerto Montt, aber auf der argentinischen Seite. In Puerto Natales hatten wir den Flug schon gebucht gehabt, mit 160 € günstiger als eine Busfahrt. Der Tarif für Übergepäck waren laut Internetseite sensationelle 1€ pro Kilo, also nichts. Das kam uns sehr entgegen, mit 2 Fahrrädern und jeder Menge anderer Ausrüstung. Als beim Check-In die Dame sagte, wir müssten für die 37 kg ca. 400 € bezahlen, klappten bei uns die Kinnladen nach unten. Was preislich sogar ein wenig günstiger kam, war, die Tickets verfallen zu lassen und uns Business-Class Tickets zu kaufen, denn dort durften wir mehr Gepäck mitnehmen. Im Endeffekt zahlten wir also den dreifachen Preis, dafür bekamen wir dann ein größeres Sandwich. Das ist doch was (Wenn auch nur ein Abbild der Gesellschaft)! Naja, jedenfalls war es ganz interessant, die Strecke die wir zurückgelegt haben, nochmal aus der Luft zu sehen, die Magellanstraße, die großen Weiten der Pampa, die größten Flüsse sind doch nur kleine Rinnsale, und die Ruta 40, die alles durchschneidet, ist unübersehbar. Abends am Flughafen in Bariloche angekommen mussten wir dann noch unsere Räder wieder zusammenbauen (da wir die kleinen Kartons hatten war das wieder eine längere Bastelaktion, aber das kenne ich ja schon), und damit dann noch 25 km bis in die Stadt fahren, besser gesagt ans andere Ende der Stadt, wo unser Warmshowers-Gastgeber Miguel wohnte.
Bei Miguel fanden wir aber einen perfekt Ort vor um uns von dem ganzen Stress und der Abzocke zu erhohlen. Das Klima ist hier warm, man spürte und roch den Sommer, und wir deckten unsam folgenden Morgen erstmal mit frischen Früchten ein und aßen damit Pfannkuchen in unserem kleinen, privaten Apartment im Gartenhäuschen, mit Küche und Dusche, und alles war dekoriert mit alten Fahrradteilen. Miguel baut noch selbst Fahrräder, und das komplett, also vom puren Rohr bis zum Dekor, und hat uns stolz seine Werke und seine Werkstatt gezeigt. Ein bedingsloser Fahrrad-Enthusiast, so etwas sieht man selten, vor allem in diesen Breiten.

Im Moment sind wir unterwegs von Bariloche nach Concepción, durch das Vulkan-Land. Dazu mehr ein anderes Mal, denn ich habe noch nicht mal die Bilder von der Kamera gezogen. Hier gibt es grad sehr viel zu erledigen. Denn: Das Wichtigste zum Schluss:
Ich komme nach Hause !!!
Am 24. März landet mein Flieger in München, und im laufe des Tages werde ich wohl in Konstanz eintrudeln. Ist wer dort und will ein Bierchen trinken gehen? Ich freue mich euch wieder zu sehen! Antworten bitte per mail.

*mittlerweile benutze ich den Bambusstock als Krücke, ich bin gestern in ein Loch gefallen. Auch hierzu das nächste mal mehr.

Bis bald. euer Sauseonkel.

Update: Argentinien Bilder jetzt online

"Rad-Wandern" nach Argentinien - ein Grenzübertritt mal anders

Von Villa O'Higgins, dem Ende der Carretera Austral, fährt dreimal die Woche ein Boot über den Lago O'Higgins, vorbei am Gletscher O'Higgins. Sehr kreativ waren die Pioniere bei der Namensgebung offenbar nicht. Bernardo O'Higgins war der Befreier, der die Unabhängigkeit von Chile von den Spaniern erkämpfte, und nach ihm ist so ziemlich viel benannt in Chile. Die Landschaft ist zum Glück abwechslungreicher. Zusammen mit einigen andern Radlern, die in den vergangenen Tagen eintrudelten, machten wir uns früh morgens auf den Weg zum Anleger, und kurze  Zeit später tuckerten wir über den türkisgrünen, trüben See. Nach einigen Stunden stoppte das Boot als wir nur noch 100 Meter von der 30 Meter hohen Eiswand entfernt herumtrieben. Das Beiboot düste kurz zu einem Eisberg, die Crew pickelte einen Brocken heraus, und dann gab es als Gag für jeden Passagier ein Glas Whisky auf jahrtausende altem Eis. Ehrfürchtig betrachtete ich den Klotz mit seinen faszinierenden Einschlüssen aus Luft und Sediment. Er schimmerte in allen Farben, und einmal mehr wunderte mich, warum manche Menschen Tausende oder Millionen von Dollar für einen lupenreinen Diamanten ausgeben, nur um ihn in der Schublade zu haben, jedoch wohl nie die Schönheit eines einfachen "Eiswürfels" erkannt haben. Dann gab ich ihn dem See zurück und widmete mich meiner Kamera und fotografierte Menschen beim Fotografieren eines Whiskyglases vor einem Gletscher. Abends legte das Boot dann am südlichen Ende des Sees an. Dort gab es einen Karrenweg an einem Grenzpolizeiposten vorbei nach oben zur Grenze zu Argentinien. Die Grenzer waren die entspanntesten denen ich seit langem begegnet bin. Kein Wunder, kommen doch gerade viermal die Woche zwei Handvoll Touristen mit Rucksack oder Fahrrad vorbei. Keine Autos, keine LKW, nichtmal Motorräder. Den Rest der Zeit verbringen sie wohl mit Mate trinken und in die Landschaft-gucken. Sie heizen auch ganz gerne mit ihrem Quad in der Umgebung herum.  Mit dem Ausreisestempel im Pass machten wir uns auf den Weg: 14 Kilometer bergauf bis zum Pass. Teils zu steil um es zu fahren, teils verschüttet, und teils von Sturzbächen weggespült. Um Sonnenuntergang standen wir vor den Trümmern einer Brücke, aber auf der anderen Seite entdeckten wir am Ufer schon den perfekten Übernachtungsplatz, und so balancierten wir unsere Räder noch auf einem Balken über den Fluss und ließen uns auf der anderen Seite 30 Meter neben den Trümmern nieder. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen eines Baggers aufgeweckt, der die Brücke noch komplett abriss, und wir waren froh, die letzen Menschen gewesen zu sein, die diese "Brücke" überquerten, denn sonst wären wir nicht trockenen Fußes und nur mit erheblichem Aufwand mit trockener Ausrüstung auf die andere Seite gekommen. Zur Grenze waren es nun noch 2 Kilometer, und zum Argentinischen Grenzposten 10 km Wanderweg. Der Fitz Roy grüßte uns schon durch die Wegschneise noch auf chilenischer Seite, und kurz darauf zeigte er sich in seiner vollen protzigen Pracht. Schon ein besonderer Moment, ihn so unverhofft und wolkenlos zu sehen. Überhaupt war das Wetter so gut wie wohl selten, wir erwischten die beste Woche des Jahres, und in El Chalten erfuhren wir, dass das gute Wetter schon seit 20 Tagen anhielt, so lange wie seit Jahrzehnten nicht. Das hat aber leider auch zur Folge dass das Eis schmilzt und das Bergsteigen gerade sehr gefährlich machte, was gerade manchen Bergsteigern zum Verhängnis wurde. Der Wanderweg von der Grenze hinab war bis auf ein ekliges Schlammloch, in das ich meinen Drahtesel bis über die Naben versenkte, und eine nasse Flussdurchquerung ganz gut zu meistern, auch wenn ich mit meiner Konstruktion aus 5 Fahrradtaschen auf dem hinteren Gepäckträger so manchen Frust ertragen musste, weil mein Vorderrad einfach keinen Bodenkontakt beim Schieben haben wollte, ständig wegrutschte und die ganze Kiste dann umfiel und alles verfriemelt war. Aber die Lowrider waren einfach zu tief um damit irgendwie durch die Wegrinne oder das Gestrüpp zu kommen und so musste sämtliches Gepäck hinten drauf. Unten angekommen drückte man uns den Einreisestempel Argentiniens in den Pass, von Grenzern die sonst mit ihren Hühnern beschäftigt zu sein scheinen, und zwei Stunden später schipperte uns ein Boot über den Lago del Desierto. Von dort waren es noch 38 km nach El Chalten, wir aber zu erledigt um das noch am selben Tag zu machen, denn es stand mal wieder fürchterliche Schotterpiste bevor. Aber so hatten wir am nächsten Tag genug Zeit um uns eine schöne Unterkunft in El Chalten zu besorgen, die wir dann in der "Casa de Ciclistas" bei Flor fanden.


Die Casa de Ciclistas in El Chalten
Flor ist eine radbegeisterte Chilenin, die ihr Haus und ihren Garten Radreisenden ganz nach warmshowers.org-Manier zur Verfügung stellt,  und wer will schmeißt was in die Spenden-Box, die auf dem Kühlschrank steht. Alle die durch El Chalten mit dem Rad unterwegs sind, kommen hierher oder werden hierher geschickt. Hier verbrachten wir im Endeffekt 3 Tage mehr als wir wollten ("un dia mas!?" war das Motto), was sehr sympathischen Menschen, einer tollen Gemeinschaft, entspannter Atmosphäre und gutem Essen geschuldet ist. Gleich am ersten Abend gab es ein Asado! Den deutschen Beitrag dazu  gab es in Form eines Kartoffelsalates. Jeden Tag fand sich ein Koch-team zusammen, zum Glück oft geführt von einem fleißigen Italiener - mhhh, und ein französischer Bäcker schaffte es am letzten Abend, die beste Pizza die mir je außerhalb Italiens begegnete, zu zaubern. In Flors 50 Quadratmeter großen Garten standen eines Nachts 16 Zelte, dicht gepackt vom Komposthaufen bis auf die Terasse, und es war erstaunlich, wie gut sich die 25 Menschen mit der winzigen Küche und dem einen Badezimmer arrangierten.
So einiges war am Haus noch zu tun, und vieles bestand aus einem dauerhaften Provisorium. Die Wände haben wir zum Teil erst gestrichen, und eines Abends stürzte in der Küche der Hängeschrank ab, weil sich jemand beim Entnehmen einer Tasse daran festhielt, und hinterließ einen grauen viereckigen Fleck auf der sonst weiß gestrichenen Wand. Zum Glück waren zwei Zimmermänner anwesend und reparierten das geborstene Möbelstück mit Brettern, die sie ums Haus fanden, und da es schonmal unten war, haben wir es am folgenden Tag noch abgeschliffen und neu gestrichen. So ist das Leben im Ciclistas. Wer Lust hat, schafft was, oder kocht, und so entsteht eine win-win-situation. Flor sucht jemanden der es übernimmt damit sie selbst auf Reisen gehen kann. Ich habe es mir kurz überlegt, aber das Problem ist: Was macht man in den  9 von 12 Monaten, wenn keine Touristen da sind und das Wetter einfach nur noch... mh, also halt nicht gut ist?). Am Fuße von Cerro Torre und Fitz Roy ist es nicht so hässlich, wie wir auf zwei Wanderungen feststellen durften. Eine zur Laguna Torres, und die andere habe ich gleich zwei mal gemacht: Tagsüber mit Selwyn, einem netten Kiwi, den wir danach auch immer wieder trafen, und dann nochmal um 2 Uhr nachts, zu fünft, nach einigen Messbechern "Fernando" (einem Cocktail aus Fernet Branca und Cola). Eine Schnapsidee, den Fitz Roy im Mondschein zu betrachten, denn leider war er in den Wolken, so wie schon am Tage, aber ja, so eine Nachtwanderung ist eh was schönes, und man konnte schön die Sterne sehen und den silbernen Mond in den Flusschleifen des Rio Vueltas.



Ins Nichts
Eines Tages beluden wir unsere Räder wieder, noch ein paar Kilo mehr als sonst, denn für 5 Tage mussten wir Essen mitschleppen. Zusammen mit
Selwyn machten wir uns auf den Weg nach Süden. Es ging raus aus dem Schutz der Berge, in die durch Sonne und Wind gnadenlose Argentinische Pampa, auf der berühmten Ruta 40. Für ca. 400 km wird es keine Einkaufsmöglichkeit bis auf eine kleine Tankstelle geben, und die hat nur Schokoriegel und Kekse im Angebot. Reiseradler sind gut vernetzt, und durch Austausch mit den vielen Radlern in El Chalten wussten wir bestens Bescheid, welcher Fluss noch Wasser führt, unter welchen Brücken man Schutz vor dem Wetter findet, und bei welchen Streckenposten nette Polizisten sogar eine Dusche anbieten. Die erste Etappe führte uns 125 km zu einem verlassenen, pinken Haus an der Straße, bei dem Fenster und Türen fehlen, das bei allen Reiseradlern Patagoniens aber bestens als "Casa rosada" bekannt ist. Tatsächlich kann man an den Inschriften an den Wänden sehen, dass fast jeden Tag Radler dort übernachten, und dem ein oder anderen ist man in den Tagen und Wochen zuvor auch schon mal begegnet. Tatsächlich waren wir in dieser Nacht zu fünft im Haus: Zwei entgegenkommende Liegeradler aus Deutschland suchten auch dort Zuflucht. Vier weitere Tage radelten wir durch die endlosen Weiten, für den Menschen nicht einladend da windig und trocken, doch für Guanacos, Kondore und Nandus ein beliebter Lebensraum, da sich in den flachen, buschlosen Weiten keine Pumas anschleichen können. An einem Tag cruisten wir mit 40 km/h gemütlich dahin, am nächsten Tag quälten wir uns mit 6 km/h bei 70 km/h Gegenwind eine üble Schotterpiste hinab, nach 50 km total am Ende, aber die rettende Polizeistation war erreicht. Dort durften wir wie erhofft duschen und unser Zelt im Schutz der Hecken aufstellen, und als ich in ihrer Küche anfing Linsen und Nudeln zu kochen, stellte ein Kamerad fest, dass da doch das Fleisch fehlt, nahm sich eine Säge, verschwand aus der Tür und kam 15 Sekunden später mit einem riesigen Bein eines Kalbs wieder herein und säbelte uns einige dicke Stücke ab. Ich ging einfach davon aus dass dieses Bein mal Teil eines glücklichen Kalbs war, das da draußen frei auf den unendlichen Weiten grasen durfte, und es schmeckte so sagenhaft gut! Überhaupt habe ich den Eindruck dass die Argentinier eigentlich nur Rindfleisch essen. Andere gebeutelte Radfahrer trudelten im Laufe des Abends noch ein, alles alte Bekannte aus dem Casa de Ciclistas in El Chalten. Es ist schon witzig, dass man hier in der endlosen Pampa überall die gleichen Leute trifft, aber auf der Carretera Austral, wo jeden Tag ca. 6 bis 8 Radler entlang fahren, trafen wir nie zweimal die gleichen.

Zurück in die Zivilisation zum Massenwandern
Auf geteerter Straße ging es nun bei moderatem Gegenwind und dann Rückenwind 105 km bis nach Puerto Natales, wieder in Chile. Weil Lebensmittel in Argentinien billiger sind, deckten wir uns in Rio Turbio noch ein, schleppten alles über den Grenzpass, wo uns die Grenzer die Linsen dann gleich wieder abnahmen. Rohe Früchte darf man nicht einführen, aber dass dies auch für sterilisierte getrocknete Linsen gilt, war uns nicht bewusst. Den Knoblauch und die Erbsen fanden sie zum Glück nicht.
Nach Puerto Natales ging es jetzt nur noch bergab, und im Garten von Casa Lili fanden wir eine günstige Campinggelegenheit. Puerto Natales ist wieder sehr touristisch, hier decken sich tausende Backpacker ein um im Nationalpark Torres del Paine wandern zu gehen. Nach einigen Tagen Pause machten auch wir uns auf den berühmten "W"anderweg, 5 Tage liefen wir durch Grasland und Berge an Seen und Flüssen entlang. Mit vielen Menschen teilten wir uns fantastische Blicke. Alleine ist man hier kaum, die Pfade sind breit und ausgetreten,  und die Zeltplätze im Park muss man einige Tage im Voraus reservieren. Wenn man sich drauf einstellt, erlebt man aber ein schönes miteinander Wandern. Jemand hat es schön ausgedrückt und meinte, es sei wie ein Festival. Anstatt Musik gibt es Natur und Berge. Manche Guardaparques sind auf Grund der Menschenmassen leider etwas unentspannt und schießen bei ihrer Arbeit etwas über das Ziel hinaus, wie zum Beispiel derjenige der mich anschiss und bei der Parkverwaltung anzeigen wollte, als ich mitten im Nirgendwo aus dem Gebüsch kam. Ich habe mit diplomatischem Geschick und auf rudimentärem Spanisch erklären können, dass ich dort etwas tat was ich ungern direkt auf dem Weg tue, im Interesse aller Menschen.
Auch hier trafen wir wieder die Leute aus El Chalten, Selwyn tauchte aus dem Nichts abends am Zeltplatz auf, und nun sitzen wir gemeinsam wieder im Casa Lili in Puerto Natales. Morgen geht es weiter. In 10 Tagen müssen wir in Ushuaia sein. Ein recht straffer Zeitplan für entspannte Radler, die überall hängen bleiben. Also am Ende nochmal klotzen. Hoffen wir auf viel Rückenwind.

Am Ende der Welt

Villa O'Higgins, Gestern Abend 23:30 Uhr:
Unsere liebe Hostel-Besitzerin kam aufgeregt in die Küche, jetzt wäre der LKW mit den Früchten endlich angekommen, man konnte sie in der Bäckerei kaufen. Die Bäckerei ist gleichzeitig der bestsortierteste Laden des Ortes, und die Dame hinter dem Tresen war schon morgens um 10 Uhr dort und hat mir Brötchen verkauft. Nun stellt sie sich einem Ansturm Touristen und Dorfbewohnern, die seit 3 Wochen das erste mal frisches Obst und Gemüse sehen. Wir haben unsere Pokernacht abgebrochen um uns auch welches zu sichern. Den Tomaten sieht man die 500 km Waschbrettpiste jedenfalls an. Immerhin konnten wir die letzten Tage vom Nachbarn Salat kaufen - er hat ein Gewächshaus. Im Bäckerei-Supermarkt findet man wenn man Glück hat sogar Eier - nicht mal das ist selbstverständlich (in Cochrane - dem nächstgrößeren Ort 250 km weiter nördlich gab es keine. Jette klapperte morgens sämtliche Läden ab).  Zum Frühstück  gab es deshalb heute morgen Pfannkuchen mit Obstsalat - etwas was man nicht jeden Morgen macht wenn man mit dem Fahrrrad unterwegs ist. Und das haben wir uns nach 1240 km verlassener, meist geschotterter Straße durch die Patagonischen Berge verdient. Villa O'Higgins hat außerdem eine Bushaltestelle, eine Landepiste für Kleinflugzeuge die länger ist als das Dorf, eine Plaza, und einige Hostals und Campingplätze.
Das Hostel "El Mosco", in dessen Garten man für den halben Preis von einem Bett zelten darf,  ist wirklich liebevoll mit Holz eingerichtet, mit einer Wohnküche mit Holzofen der die ganze Zeit vor sich hinbollert und Teewasser bereithält, und ich sitze schon zwei Tage hier vor meinem Rechner und bearbeite Bilder und mache anderen Kram der in den letzten zwei Wochen zu kurz kam. Radfahrer und Backpacker kommen und gehen -und feiern hier das Ende der Carretera Austral - oder den Anfang falls sie zu Fuß von Argentinien kommen. Denn mit dem Auto ist hier definitiv Schluss. Gerade kam ein Mädel mit dem Rucksack angetrampt - und ihrer 182. Mitfahrgelegenheit. Jeder hat ein paar andere Stories zu erzählen, aber sie wiederholen sich zum Teil auch sehr. Die Route ist bei Reisenden aller Art sehr beliebt, vor allem Radfahren und Backpackern - und es ist interessant, die verschiedenen Blickwinkel zu sehen - das wurde uns bewusst als wir von einem Abstecher zurück auf die Straße auf einem Pickup hinten drauf mitfuhren. Zum Fotomachen wurde nicht angehalten, und die Landschaft rauscht nur so vorbei - viel zu schnell um sie aufzunehmen - und in einer Stunde fahren die so viel wir wir an ein bis zwei Tagen. Wenn ein Bus überholt sind entweder die Vorhänge zugezogen oder man sieht schlafende Backpacker an der Scheibe kleben. Die großartige Szeneri -weswegen wir hier entlang fahren- bleibt ihnen zum Großteil im Verborgenen.
Die meisten Backpacker und Radfahren kommen oder gehen von bzw. nach El Chalten in Argentinien: Dazu muss man von hier mit einem Boot über den Lago O'Higgins fahren, über einen Schotterweg bis zur Argentinischen Grenze schieben, und dann über einen Fußweg über Stock und Stein zu einem weiteren See, um dann wieder ein Boot zu nehmen und dann über einen steinigen Weg nach El Chaltén. 22 km zu Fuß sind zu meistern, das Gepäck und das Fahrrad wird abwechselnd getragen. Aber das ist die übliche Route von den meisten Fernradlern hier, und das Abenteuer im Blick von Fitz Roy klingt durchaus erlebenswert.

Tourismus

Mein letzter Eintrag entstand in Puerto Rio Tranquillo, ca. 500 km nördlich. Dort besichtigten wir vormittags die wunderschönen Kalkhöhlen im Lago General Carrera und entschieden uns nachmittags, doch noch 60 km weiter zu fahren, weil wir kurzfristig im Internet von einem Eco-Hostel in Puerto Guadal - auf der anderen Seite des Sees- erfahren haben, das so klang als ob man dort einen Tag gut Pause machen konnte, und es hieß "Destino no turistico". Das klang vielversprechend und entspannt. Angeblich durfte man auch dort zelten, in nachhaltige Lebensweise eingeführt werden, selbstgebackenes Brot essen, mit selbstgelegten Eiern und anschließend in eine selbstabbauende Komposttoilette scheißen. Im Ort angekommen war es eine Höllenodyssee bis zum Hostel, denn über eine steile Schotterstraße und anschließend durch den Busch musste man noch für eine Stunde bzw 3 km vom See nach oben keuchen. Wir stellten uns auf zwei kiffende Öko-Hippies die uns in ihr Leben einführen. Wir fanden stattdessen eine überraschte und hippelige Frau, die uns neben tausend anderen Dingen erklärte, dass man hier nicht zelten dürfte, denn das sei nicht nachhaltig (sic!), und uns stattdessen das Doppelzimmer (mit zwei getrennten Betten) für 45 Dollar versuchte schmackhaft zu machen - mit privater Komposttoilette en suite! Wir waren zwar körperlich total fertig, aber geistig noch auf der Höhe und nach dieser etwas unlogischen Argumentation (Ich frage mich bis heute warum es nachhaltiger ist, für eine Nacht in Bettwäsche zu schlafen die anschließend gewaschen werden muss, als in den eigenen Schlafsäcken draußen auf der Wiese) machten wir uns im Dunklen von deren Acker um direkt am See für 10 Dollar auf einem Campingplatz einer Mutti ganz alleine in einem Quincho mit grandiosem Blick auf See und Berge für zwei Nächte unser kleines Luxushotel einrichteten: Unser Innenzelt im Quincho mit Feuerstelle verwandelte diesen zum Luxusbungalow mit Himmelbett und offenem Kamin. In der Lodge nebenan hätte man dafür das zehnfache hingelegt.
9 Tage brauchten wir von dort hierher nach Villa O'Higgins. Durch wilde Flusstäler, an riesigen Gletschern vorbei, mit einem Abstecher nach Caleta Tortel - einem Ort an der Küste wo der Rio Baker mündet, der wasserreichste Fluss der Region. Caleta Tortel ist erst seit 2003 an die Carretera Austral angeschlossen - und besteht aus Häusern auf Holzpfählen, die seit den 80er Jahren auch mit Holzwegen verbunden sind - davor watete man mit Gummistiefeln durch den Schlamm oder bewegte sich mit Booten vorwärts - je nach Tide oder Jahreszeit. Ein anderes Ende der Welt - aber immerhin gabs dort Eier.

Auch heute ist nicht viel Verkehr auf der Carretera Austral. Auf manchen Abschnitten begegnet man 10 Fahrzeugen am Tag. Den meisten Verkehr stellen ohnehin die Touristen dar, die hier in der Überzahl sind - ob mit dem Auto, zu Fuß oder dem Fahrrad. Daher fällt es auch deutlich schwerer, mit den Chilenen hier in Kontakt zu kommen - erstens trifft man wirklich wenige, zweitens sind sie natürlich an Touristen gewöhnt und nicht wirklich interessiert, es sei denn sie leben von ihnen. Man unterhält sich dann doch eher mit anderen Touristen, und einige von ihnen sieht man auf Grund der Eindimensionalität des Weges immer wieder. Die Menschen die hier wohnen scheinen aber sehr entspannt zu sein, und die man im Laden oder im Hostel kennenlernt sind wirklich nett. Eine etwas längere private Begegnung hatten wir dann doch mal als wir an einem Haus fragten ob wir auf ihrem Grundstück zelten dürfen. Nach etwas Scheu am Anfang entpuppten sich die Besitzer dann als Einsiedler bzw. Aussiedler aus dem Norden Chiles, die sich hier vor kurzem eine neue Existenz aufgebaut haben. Wir verbrachten den Abend dann zusammen mit Rotwein, Gitarre und erfuhren so einiges über das Denken der "Anderen".
Leider ist es hier wegen der Abgelegenheit sehr teuer. Am Fähranleger, der die Straße zu diesem Dorf 100 km weiter nördlich mit der Außenwelt verbindet, konnte man Empanadas kaufen - Teigtaschen mit Käse. Ich bestellte 8 Stück: zwei für jetzt und zwei für die Fahrt für zwei Personen - und war direkt 20 Euro ärmer. Für eine schwarze Banane bekommt man hier auch noch was - und Tomaten kann man eh in jedem Zustand verkaufen und sich mit Silber aufwiegen lassen.  Kaffee findet man leider nicht - das war am Anfang schwer zu fassen, aber mittlerweile habe ich auch die Mate-Trinkregeln drauf.
Die Natur ist hier aber unbezahlbar - und das zeigen wieder mal die Bilder. Liebe Grüße vom Sauseonkel