Als erstes möchte ich mich bei den betroffenen Personen für die dreiste Lüge in der letzten email entschuldigen, ich sei in Berlin. In Wahrheit bin ich in Potsdam (aber ich war die Woche schon 2x in Berlin), und darüber bin ich sehr glücklich, denn hier ist es wirklich nett. Aber der Reihe nach:


Leute die mich kennen wissen dass ich gerne mal ein bisschen länger brauche. So dauerte auch mein Aufenthalt bei meiner Cousine + Familie in Coburg ein bis zwei Nächte länger als (eigentlich nicht) geplant. Glückliche Familienfotos wurden aber erst gemacht, als ich am Montag morgen nachmittag schon in meiner Radlerkluft am Aufbrechen war. Mit diesem Tip fällt es euch vielleicht etwas leichter herauszufinden, wer von den beiden Männern der Vater und wer der Onkel 2. Grades ist (danke Wikipedia!). Ziel an diesem Montag war Jena. Jenaer CouchsurferInnen sind glücklicherweise sehr spontan und so hatte ich auf meine kurzfristige Anfrage an jenem Tag schon nach einer halben Stunde eine Einladung. Es motiviert wenn man weiß: am Abend bekommt man eine warme Dusche und ein Dach überm Kopf. Meine Route wählte ich über die "Erlebnisstraße der deutschen Einheit" (Alternativen wären gewesen: Die "Porzellanstrasse" - mh, was soll ich damit? oder die "Bier- und Burgentrasse". Letzteres eigentlich mein Favorit, allerdings zu gefährlich. Bier wirds außerem noch woanders geben - Einheit vielleicht nicht). Ich "erlebte" also das neue Infrastrukturprojekt Deutsche Einheit Schiene Nr. 8 mit dem neuen Viadukt über den Froschgrundsee. Toll, so eine schöne Brücke!. Dann machte ich mich auf weitere tolle Einheitserlebnisse gefasst, musste mich jedoch nach weiteren 10 km fragen ob ich denn nun noch in Bayern oder schon in Thüringen bin. Der Blick auf die Karte ergab: das grüne Band auf das ich mich so gefreut habe, entzog sich meiner Aufmerksamkeit wahrscheinilch weil eh alles so grün ist in der Gegend. Keine weiteren Einheitserlebnisse. Aber von da an gings erstmal bergauf. Um genau zu sein ca. 800 Höhenmeter. Das ist mit den 45 kg unterm Poppes nicht zu unterschätzen, liebe Familie, ihr werdet demnächst ein Paket bekommen. Immernoch am Itz, mittlerweile nur noch ein kleines Rinnsal im Straßengraben, bis über den Rennsteig, mitten durchs Schiefergebirge, was man schon daran erkennt dass das Fachwerk den Schieferfassaden Platz gemacht hat, und dann an der Schwarza wieder runter bis Bad Blankenburg. Dort gehts aus dem Wald wieder hinaus, es gibt wieder Kornfelder, und bis Jena war es nur noch ein Katzensprung von 50 km. Bei meiner Gastgeber-WG bekam ich dann nicht nur eine Dusche, sondern auch Bier, Wein und leckeren Kuchen angeboten, wie im Märchen. Ich war nicht der einzige Gast, und es kam wie es kommen musste: Es war ein viel zu netter und langer Abend, um am nächsten Morgen zu weiteren 120 km zu starten, und spätestens als ich am späten Nachmittag immer noch nicht unterwegs war, war ein Anruf in Leipzig, meinem nächsten Etappenziel, nötig um meine Ankunft für erst den nächsten Tag anzukündigen.



Der zweite Abend in Jena war wie der erste auch von Plänen einer Weltrevolution geprägt, wobei unter anderem die umstrittene These aufgestellt wurde, dass diese wohl deswegen scheitern wird, weil die potentiellen Revoluzzer zum größten Teil Veganer sind, die sich aber viel zu sehr um Brotaufstriche sorgen als um den bewaffneten Widerstand (um es etwas überspitzt zu formulieren).

Die Strecke nach Leipzig führt halbwegs pittoresk durch den Burgenlandkreis (man beachte meine pflichtbewussten Aufnahmen einiger Burgen) zunächst an der Saale entlang. Die Hoffnung auf einen ausgeschilderten Radweg nach L zerschlug sich spätestens in Bad Dürrenberg. Keine Menschenseele zu sehen hier. Hab mich dann querfeldein irgendwie nach L durchgeschlagen, mit einer 1:300 000 Karte nicht so einfach, und Menschen die ich hätte fragen können habe ich keine getroffen. Irgendwie kam ich nach Einbruch der Dunkelheit noch bei meinen Gastgebern an, und fast wäre ich auch in Leipzig zwei Nächte geblieben, konnte mich aber um 17 Uhr nach einer ausgedehnten Stadtbesichtigung doch noch loseisen.

Leipzig-Hypezig hat große einladende Parks und einen fast uninteressanten Stadtkern. Die Bezirke drumherum sind schöner, aber leider auch sehr stark von Gentrifizierung betroffen. Überall wird gebaut, renoviert, gekauft und investiert, und ich habe mir sagen lassen, dass sich die Mieten in den letzten Jahren vervielfacht haben, viele Leute aus- oder umziehen mussten, absurderweise trotzdem viele Wohnungen plötzlich leerstehen, die sich ebenso plötzlich niemand mehr leisten kann. Ich bin also einige Kilometer aus Leipzig rausgefahren (war gar nicht so leicht raus zu finden), nach Norden, und man kommt sehr bald in eine Gegend, in der ich froh war, dass ich genug zu Essen und zu Trinken dabei hatte. Man kommt durch Käffer in denen entweder kein Schwein wohnt oder kein Schwein wohnen will. Selbst  die zuverlässigsten Wasserquellen - Friedhöfe - waren öd und leer, und ich weiß nicht mehr wo ich das Wasser her hatte - als ich abends in einer "Tagebau-Folgelandschaft" nach einem Schlafplatz suchte: Der Muldestausee sah auf der Landkarte zwar einladend aus: Es war ein Campingplatz eingezeichnet (nicht dass ich auf den Campingplatz wollte, aber ich dachte wo ein Campingplatz ist kann es so hässlich nicht sein) und auch Wald drumrum stellt man sich dann ganz idyllisch vor. Als ich dort war, hatte ich noch ca. 1 h Tageslicht, aber über den meterbreien Algenteppich um diese stinkende Riesenpfütze (mit den komischen Rohren die da rausguckten) wollte ich nicht rüber. Lieber wäre ich salzig und verschwitzt in meinen Schlafsack gekrochen als mich darin zu waschen und wahrscheinlich anschließend aufzulösen. Ich musste nicht überlegen um zu entscheiden noch 10 Kilometer weiter zu fahren um es in der nächsten "Tagebau-Folgelandschaft" zu versuchen: Der Gröbner See sah schon auf der Karte jünger aus und auch nicht an den Fluss angeschlossen, es kann nur besser werden. Ich schob meinen Kometen also die sandige Düne wieder Richtung Straße hoch, kam an besagtem Campingplatz vorbei, wo ein paar traurige menschliche Gestalten- vielleicht waren es auch Dauercamper-  gerade bierbauchfrei am Kiosk zu Wolle Petri für eben ihren Bierbauch sorgten. Ich lag mit der Entscheidung weiterzufahren goldrichtig. Der  Gröbner See war tatsächlich bis 1993 noch ein Tagebau und hatte keinen Drecksfluss als Zulauf. Das Wasser war klar und kalt und das Ufer sandig und perfekt für mein mobiles Taj Mahal. Keine Menschenseele war zu sehen, nur ein paar Windräder die in der Ferne gemächlich den Strom mahlten, ihre Rotoren mir zugewandt als ob sie mir etwas zuzuwedeln versuchten. Ihre Blinklichter wurden so von den vorbeiziehenden Rotorblättern verdeckt dass sich  ein ganz spezieller Rhythmus ergab, und so konnte ich noch entspannt kochen, und trotz der Armeen von Moskitos die sich so sehr aufs Abendessen gefreut haben wie ich - fand ich es richtig gut mal wieder im Freien zu übernachten. zuerst hatte ich nur das Innenzelt als Moskitoschutz aufgebaut - am Himmel war kein Wölkchen zu sehen - jedoch legte sich der Tau schnell hernieder und so verzichtete ich auf den Sternenhimmel zum Einschlafen und spannte noch das Überzelt darüber.

Als mich der Wecker um 6 Uhr morgens aus dem Schlaf holte, stand die Sonne schon höher am Himmel als ich erwartete und hatte die Feuchtigkeit und Kälte der Nacht schon verdrängt. Beim Kaffeekochen fiel mir auf dass die Windräder mitterweile nach Süden blickten und einen Zahn zulegten, und nach einem kurzen Blick in den Himmel war mir klar: es wird der perfekte Tag. Zum ersten mal durfte mein ärmelloses Radtrikot aus der Tasche, und ich freute mich auf den Weg nach Norden. Die 25 km nach Wittenberg gingen fast mühelos in unter einer Stunde.  Mit derartiger Windunterstützung hatte ich für heute nie gerechnet, und so entschied ich mich für ein ausgedehntes zweites Frühstück in der Stadt Luthers. Ich ging zur Schlosskirche um nachzusehen, ob seine Thesen denn noch dranhängen, denn ich hatte im Reli-Unterricht nicht gut aufgepasst und sah Nachholbedarf für meine Allgemeinbildung. Doch oh Schreck - was muss ich sehen: Die Schlosskirche erinnerte eher an ein Kunstwerk von Christo - die ganze Kürche verhüllt und von den Thesen nix gewesen - dafür seinerseits Luthers Konterfei ganz groß am Kirchturm angeschlagen. Welch Ironie des Schicksals. Darunter der zynische Spruch "Wir erhalten ein Weltkulturerbe - erhalten sie sich ihre Geduld". Jaja!, heißt LMAA!  Also zog ich thesenlos weiter. Ganz geduldig auf der Suche nach der Luthereiche, die der Legende nach einen Tag nach der Verbrennung des Bannbefehls gepflanzt wurde. Warum das jetzt etwas besonderes ist erschliesst sich mir nicht ganz, vor allem da die Originaleiche schon längst nicht mehr lebt und an ihrer Stelle eine andere ge- pffff - lanzt wurde, wie dann dort zu lesen war. Satt aber mit ungestilltem Wissenshunger zog ich also von dannen. Von Wittenberg bis Potsdam kann man den Euro-Radfernweg R1 fahren. Nach 2 km Kopfsteinpflasterfrust (mal ehrlich liebe Radwegplaner, die ihr wohl noch nie auf einem Rad saßt:  Lieber fahre ich auf der Autobahn oder über einen Acker. Kopfsteinpflaster ist die Höchststrafe) entschied ich mich, stattdessen die "Deutsche Alleenstraße" zu nehmen. Kann ja nur besser werden. Und es war mal wieder ein voller Erfolg: Zwar ohne Radweg, dafür super Belag, wenig Verkehr (wundert ja auch nicht in dieser Ecke der Nation) und dank der Bäume immer im Schatten (Temperatur war an diesem Tag 35°C), sauste der Onkel immer noch mit Rückenwind in Rekordzeit der Landeshauptstadt Potsdam entgegen. Irgendwann gabs auf den Friedhöfen auch wieder Wasser, was mich nochmal zu einer Kaffeepause veranlasste, und am Freitag um 17 Uhr und nach 130 km an diesem Tag und 922 km insgesamt hatte ich dann mein erstes Zwischenziel erreicht. Potsdam, die nette WG von Steffi in der Scholle - direkt gegenüber des Park Sanssouci. Natürlich sind bei einem ausgedehnten Spaziergang auch ein paar schöne Fotos davon entstanden. Vom Schloss selbst habe ich keines gemacht. Ich bitte das zu entschuldigen. Ich fotografiere Dinge nicht so gern, wenn sie pro Tag schon 40 000 mal fotographiert werden. Hier lebt es sich bis jetzt ohne Sorge. Die Menschen in diesem Haus sind sehr nett, wir kochen lecker Essen, gehen schwimmen, schauen Fussball, und so weiter. Und ich war immerhin auch schon zweimal in Berlin- einmal um alte Freunde im Biergarten zu treffen, und einmal um nach gebrauchten Kameras und einer kurzen Hose zu suchen und den Friseur meines Vertrauens in der Sonnenallee aufzusuchen. Es war leider nicht von Erfolg gekrönt. Ne gute Kamera gabs in keinem der 5 Läden, die ich abklapperte, die Second Hand Läden hatten dann schon zu, und den Friseur meines Vertrauens habe ich nicht mehr gefunden. Ich bin dann zu einem anderen Friseur an der Ecke gegangen. Manuel wäre nicht zufrieden. Ich bin es auch nicht. Die WG lachte mich aus. Meine Frisur sehe ich auch als Opfer der Gentrifizierung. Zum Glück sind Friseure in Neukölln immernoch nicht teuer. Ich sollte es nochmal beim nächsten versuchen. Kann ja nur besser werden.

Comments   

0 #2 Markus Z 2014-07-14 19:07
Moin,

na wenn de schon so fleißig schreibst teste ich auch mal deine Kommentarfunkti on....scheint zu funktionieren:) ! Na dann mal weiterhin gut Rückenwind und lass ordentlich laufen.

Gruß
Markus
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0 #1 Stanzi 2014-07-11 15:32
Lieber Jacob,
darf man hier eigentlich kommentieren oder findest Du das doof? Ist doch schön wenn Du siehst, dass jemand Dein Geschreibsel liest oder? (Sagen wir überfliegen, nicht lesen, ich muss ja auch noch Diss schreiben). Nicht dass ich offiziell eingeladen worden wäre dies zu tun, aber das macht ja nix. Deine Fotos sind schön, besonders 17,50 und 52. Sag bescheid wenn Du Dir eine neue Kamera kaufst, vielleicht mache ich Dir ein Angebot für Deine alte. Wo ist das Foto von Deiner neuen Frisur? Ich hoffe nicht die 44, das war doch vor Deinem Friseur Besuch, oder? Da stellt sich mir die Frage, kann es wirklich schlimmer werden? Ich vermiss Dich hier und freu mich auf neue Abenteuer aus Deinem Theater. Liebe Grüße an Steffi falls Du noch da bist! Bis bald, Stanzi
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