Und übrigens: Die Fotos gehen grad nur bis Polen! Kaliningrad und Litauen folgt in Kürze!

kuzfassung: nach 4 tagen polen-marathon mit ca. 130km pro Tag, und 2 tagen gruslige mittelhölle russland (oblast kaliningrad)  sitze ich nun in einem hippen cafe in klaipeda in litauen mitten in der altstadt am fluss , wo der verdammt gute dj die strasse mit electro beschallt -  die leute sitzen am ufer oder tanzen auf der strasse- oh ja was für ein kontrast zu kaliningrad - und ich mache mich bei verdammt gutem bier daran, diesen bericht zu schreiben. also der reihe nach:

langfassung: unglaubliche 10 tage war ich in potsdam, eine zeit, die mir viel kürzer vorkam, und zum glück sahen das meine gastgeber wie ich das so mitbekommen habe, genauso. nochmal vielen dank, liebe steffi, liebe maree, liebe anne, liebe tina, lieber stevie, lieber klaus, lieber georg, lieber thomas!
dann war das russland visum da, und somit auch die zeit meines abschieds.
Der Plan sah vor, nach Kostrzyn/Polen und dann mehr oder weniger schräg durch auf mehr oder weniger dem kürzesten Weg nach Kaliningrad zu fahren.
Am ersten Tag, es war Dienstag, der 15.7. 2014, habe ich noch ein paar letzte Besorgungen in Berlin gemacht, und mir abends wie üblich zum schlafen wieder einen see gesucht (und das findet man in brandenburg ja im gegensatz zu allem anderen noch), um nicht verschwitzt in meinen schlafsack kriechen zu müssen. Es war sehr heiß in diesen Tagen - um genau zu sein, hatte es an keinem Tag zwischen potdam und hier klaipeda- weniger als 30°C, und leider auch konstanten gegenwind von ca. 4 bf. man kommt also gut ins schwitzen (Zum Gegenwind sei noch gesagt: Am ersten Tag denkt man sich: Ok, das hält man mal einen Tag durch. am 2. Tag ist man dann schon etwas genervt, am 3. Tag zieht er die Stimmung schon deutlich in den Keller. Ab dem 4 Tag allerdings hat man sich so sehr daran gewöhnt, dass es das normalste von der Welt ist, bei 15 km/h mit den Ellenbogen auf den Lenkergriffen zu guter Musik im mittleren Gang durchzuspulen,  und man denkt darüber nach, sich seinen ellenbogen zuliebe einen triathlonaufsatz zu besorgen).
umso besser dass es mit den seen fast durchgängig geklappt hat. Wenn ihr mal durch Brandenburg mit dem Fahrrad fahren wollt: Nehmt euch genug Wasser mit - und genug zu essen. Es ist nicht leicht dort was zu bekommen. Am Ende musste ich hausieren gehen. Ich war gottfroh, als ich zufällig mal zwei Leute in ihrem Garten sitzen sah, sonst sieht das dort ja aus wie nach einer Sperrzone nach Atomunfall oder so. Zugewucherte Straßen inklusive. Kein Klischee, es stimmt wirklich. Rainald Greve hat recht: In Brandenburg stehen zwei Nazis aufm Hügel und finden niemand zum verprügeln.


Genug Brandenburg bashing. Am Tag drauf bin ich nach Polen rüber, über die Oder, in die Ruinenstadt der Festung Küstrin (kostrzyn nad odra), und das fand ich sehr beeindruckend. Ich wusste nicht, dass es soetwas in unserer Nähe gibt. Allerdings ist die Stadt noch keine 70 Jahre zerstört. Meine Route orientiert sich ungefähr am Radwanderweg R1 von Frankreich nach St. Petersburg, auf den ich ein Potsdam stieß. Wenn mir der R1 aber zu große Umwege machte, habe ich auf größeren Straßen abgekürzt oder mir meine eignen kleinen Criss-Crossings auf Nebensträsschen zusammengeplant. Das ersparte mir in Polen bestimmt über 100 km Umweg und somit einen gazen Tag. Einen Tag, den ich morgen zum Beispiel außerplanmäßig brauchen werde. Dazu aber später mehr.
Außerdem hatte ich dadurch den bisher besten Übernachtungsplatz: Nach dieser Tagesetappe über Gorzow bei unsäglicher Hitze  (35° von oben, der Asphalt brät von unten mit fast 50°C, so wurde es zumindest gemessen) wurde ich nach 140 km und mächtig Gegenwind mit einem genialen See (Jezioro Gostomie) belohnt, wo ich mein Zelt direkt am Ufer im Wald aufgestellt habe. Ich hatte sogar meinen privaten Steg. Hart verdient. Aber verdient! Ein Pfadfinderlager voller Teenies ca. 100m entfernt nahm mir die Angst, des nachts verjagt zu werden, denn wenn die Horde da zeltet, dann falle ich erst gar nicht auf. Und ich glaube tatsächlich, dass selbst die Pfadis mich nicht mal bemerkt haben. Als ich im Sonnenuntergang nach einem entspannenden Bad auf dem Steg mein Abendessen kochte, wurde mir bewusst, wie unglaublich frei ich mich gerade fühle, und wie unglaublich geil das Leben zu mir gerade ist. Ja, was will man mehr?
Der nächste Tag führte über Drezdenko und Pila wieder an einen See, wieder nach 140 km (nördlich von Kaczory). Der See konnte leider nicht mit dem von gestern mithalten - es stank nach einer Mischung aus Käse und Chemieunfall (die Luft, nicht das Wasser), und am nächsten Morgen um 6 Uhr wurde ich geweckt von einem aufheulenden Motor und einer hässlichen Hupe. Mitten in der Pampa! Ihr könnt euch vorstellen dass ich senkrecht im Zelt stand. Als ich meinen Kopf raus streckte, stand da ein fürchterlich wütender alter Mann und fuchtelte wild mit seinen Armen - weiß der Teufel wie der mit seiner alten Klapperkiste dahin gekommen ist. Als ich also schulterzuckend und Dzien dobre wünschend in boxer shorts vor ihm stand, hat er wohl kapiert, dass ich ihn nicht verstehe, und faselte dann was von privatem angelgelände und "musst du sagen"- er hat mich also offenbar sofort als deutscher entlarvt. schade. ich wollte doch gar nicht angeln, nur schlafen. für die Polen ist as wahrscheinlich nur schwer zu verstehen, angeln scheint hier der absolute volkssport zu sein. Tatsächlich sieht man an jeder Pfütze zu jeder Tages- und Nachtzeit Männer mit ihren Ruten, as ob es nichts anderes auf der welt gäbe. ich habe aber dadurch auch gelernt, dass man relativ sicher ist, wenn man wo zeltet, wo Mann mit dem Auto nicht hinkommt. Ab nun wurde ich etwas vosichtiger, was meine Schlafplatzwahl angeht, und suchte für die kommendene Nacht südlich von Koronowo in Samociążek einen Zeltplatz - auch am See natürlich - auf. Erstaunlicherweise War direkt neben dem Campingplatz ein schöner Picknickplatz am Ufer, gekennzeichnet mit einem Schild mit dem Piktogramm "Zelt unter einem Baum" und den Worten Zona biwakowa (o.ä.), also eine Lizenz zum wilcampen. Während also innerhalb des Zeltplatzes die Leute sich gegenseitig über die Zeltschnüre stolperten, baute ich mir mein Zelt wieder direkt am Ufer auf. Und selbst die Polizei grüßte mich am nächsten morgen freundlich, während ich gerade meinen Kaffee kochte, und wandte sich dann scherzend den Anglern zu.
Am nächsten Tag spulte ich 143 km runter (Stazki, Chelmno,dort über die riesige Weichsel, Kwidzyn, Brachlewo), bei ca 4 bf Gegenwind und auf richtig schlechten Straßen - das hieß fast 9 h auf dem Sattel zu verbringen. Da lindert auch die gute Weledacreme kaum die Schmerzen - und am Abend in Kwidzyin fand ich den auf meiner Karte eingezeichneten Campingplatz nicht. Uff- also wieder See suchen? Ich fragte ausnahmsweise mal nach dem Weg anstatt ihn zu finden- und musste noch 10 km weiterradeln, ungewiss ob ich je einen campingplatz erreichen werde - aber ich hatte glück, die beschreibung passte, und ich kam an einen winzigen campingplatz an einem winzigen see an. es stand sonst nur ein zelt dort, und auch sonst war der campingplatz eher ein überbleibsel aus sowjetzeiten - plumpsklos, verwitterte miefige bungalows, eine wasserrutsche die schon lange kein wasser mehr führte, dafür blätterte die farbe ab - alles in allem seeeeer "ostalgisch" aber eben genauso reizvoll. Ich wurde individuell betreut, von einem jungen Kerl der mal in deutschland wohnte und sehr gut deutsch konnte. wir unterhielten uns sehr nett- er brachte bier, wir stießen miteinander an und saßen noch ne weile vor meinem zelt herum und rauchten seine zigaretten. kostenpunkt waren 4 euro (18 zloty) für mich und mein zelt, 24 cent (1 zloty) für das fahrrad (sic!) und stolze 6 zloty für das bier. Und damit ist das nach 13 Reisetagen die erste Übernachtung für die ich Geld bezahlte - dafür hatte ich den besten am-platz service auf einem campingplatz jemals! thomasz kam mit 6 verschiedenen gut gekühlten biersorten vor mein zelt und gab mir seine individuelle meinung zu jedem. Und das an einem Sonntag. Once again: Was will man mehr im Leben?
Von Brachlewo fuhr ich dann über elblag bis fast an die russische grenze nach fromberg. und da das an der küste liegt und dort alles touristischer ist war mit see und wildcampen nix los und ich suchte wieder einen campingplatz auf - zum dreifachen preis vom vortag - ohne individuelle betreuung, klar. schon erstaunlich dass alleine die tatsache dass ein ort an der küste liegt die preise so nach oben schnellen lässt. Dort traf ich dann zum ersten mal nicht-polnische touristen. viele deutsche radreisende zum beispiel. aber auch solche mit vw bus mit dem hippen kennzeichen B - US 3400. Dort habe ich dann auch die letzten meiner Zloty in Lebensmittel und Bier umgesetzt und bin am nächsten Tag nach Kaliningrad durchgestartet.
Das Resumee von Polen:  irgendwie wie brandenburg. ein bisschen runtergekommen, ein bisschen kommunismus-mief, wenig leute und viele schöne seen, viele getreidefelder und schöne alleen, dafür sehr schlechte straßen. aber das letztere ändern sie gerade fleißig - im gegensatz zu brandenburg. in ein paar jahren kann man hier echt super radfahren.
Schade, gerade wo ich ein paar brocken polnisch kann und es zum einkaufen und so reicht (es sprechen sehr wenige deutsh und noch viel weniger leute englisch), verlasse ich das land. wobei das letzte einkaufserlebnis echt lustig war. ich ging in ein kleines geschäft am straßenrand. der besitzer war ca. 60 jahre und stand hinter dem tresen, und noch weiter hinten war ein kühschrank, in dem so alles mögliche durcheinander lag. ich musste ihm also sagen, was ich wollte und konnte mich nict wie im supermarkt einfach bedienen. nachdem ich also erfolgreich käse und brot und ein paar früchte erstanden habe, deutete ich auf das durccheinander im kühlschrank, wobei ich auf die eier zielte. zwei an der zahl sollten es sein, weiter kann ich eh nicht zählen. leider verstand der herr nicht was ich wollte und nachdem ich selbst mit händen und füssen und pantomimischer nachahmung einer eierlegenden henne keinen erfolg hatte, griff ich zum letzten mittel, was einem mann bleibt, und deutete auf die ausbeulung meiner radlerhose. da fiel der groschen plötzlich und wir brachen beide in schallendes gelächter aus..
Völlig blank machte ich mich also am Dienstag (22.7.2014) auf in richtung russischer grenze. als ich dort ankam fuhr ich an einer kilometerlangen schlange an autos vorbei, um vor einer geschlossenen schranke zuvorderst zu warten dass sie aufgeht. zöllner kamen und gingen, die straße hinter der schranke führte auf ein grenzhäuschen zu, aber alles hinter der schranke war leer, trotzdem rührte sich eine halbe stunde lang nichts. dann endlich- die schranke ging auf, und die erste kontrolle am grenzhäuschen war schnell überstanden. dann kamen 500 meter wald, und wieder eine autoschlange, die ich komplett überholte, am ende musste man sich einordnen in russische, EU- und sonstige Bürger, die spuren jeweils getrennt durch 5 m breite grünstreifen. an der russlandschlange kamen alle 2 minuten ein auto, ansonsten war da nix los. in meiner schlange, also die eu-bürger, warteten hinter mir bereits 100 autos, aber vorne am grenzhäuschen ging wieder gar nichts. nach einer stunde warten wurden die ersten nervös und fingen an zu rufen, zu hupen, von einem bein aufs andere zu hüpfen und sonstige komische verhalten musste ich beobachten. janosch würde sagen: "unglaubliches spielt sich ab". da also die russen über die grenze durften, wurden die eu-bürger gedisst und einfach mal ne stunde hingehalten, also wahrscheinlich länger, und wenn sie nicht gestorben sind, warten sie noch heute. aber ich machte mich gaaaaanz langsam, also soooo langsam dass man meine bewegung fast nicht wahrnahm (das habe ich aus "die entdeckung der langsamkeit" gelernt) über den grünstreifen rüber zur russenschlange und war nach ca. 2 minuten am schalter vorne. der grenzer dort las meinen pass ein, verlor aber kein wort darüber dass ich in der falschen schlange stand, und blickte 4 minuten abwechselnd auf seinen monitor, auf mein visum und mein passbild und auf mich. als ob er in einer schleife gefangen war. Schließlich hatte er doch den Stempel in der hand, und war gerade dabei zu drücken, .... ja.... nein doch nicht. nochmal schauen, rausgehen, kollegen fragen, nochmal drücken.... nein. mhh, weiß er nicht wie man den stempel bedient? ich musste mich zusamenreißen nicht zu lachen. so ging das spiel noch weitere 5 minuten. Ca. 5 mal hatte der Typ den Stempel schon angessetzt gehabt, aber wieder abgehoben. am ende hatte es doch geklappt, der stempel war drin. also auf zum schlange stehen - diesmal zur gepäckkontrolle. ich bin also wieder an allen autos vorbeigerollt, ganz langsam, und dann- siehe da- niemand hat sich auch nur annähernd für mein gepäck interessiert- yes. also ab nach russland - zunächst 1 km noch in einem eingezäunten korridor, und dann - nochmal eine schranke, davor wartete eine 20jährige blondine mit schlagstock auf mich- ohhhyeah. deren job war aber offensichtlich nur "welcome to russia" zu sagen, und die schranke aufzmachen. Nach 50 km war ich in Kaliningrad - eine Stadt die man ehrich gesagt nicht unbedingt gesehen haben muss - Das schöne Stadtviertel wurde für reiche Touris billig aufgemotzt - Die einzigen Häuser die keine Sowjetplattebauten sind: Das alte "Fischerdorf". Vom Wasser aus ganz pittoresk anzusehen, und halbwegs geeignet um hübsche Fotos von Kaliningrad zu machen, allerdings beschränkt sich das auf genau eine Häuserreihe mit klasse Hotels drinnen. Dahinter siehts genauso schäbig aus wie im Rest der Stadt. Einzig die Kant-Insel lädt zum verweilen ein, mit ihrem Dom, dem Grabmal von Immanuel Kant, und ihrem Skulpturenpark. In Sichtweite davon die Bauruine des "Haus der Räte", ein hässlicher 60er-Jahre Prestige- Betonbau, der nie fertiggestellt wurde. Da auch das einzig günstige Hostel in der Stadt zugemacht hatte, entschloss ich mich, noch aus der Stadt rauszufahren und mir außerhalb ein nettes Schlafplätzchen zu suchen - darin war ich ja mittlerweile geübt. Ich entschied mich - auf Grund der Preise und um mir das Kochen zu sparen - auf dem Weg nach draußen noch in einer Kneipe namens "Francis Drake" zu Abend zu essen. Eine Kneipe mit WLAN - zum Glück - denn so konnte ich zusammen mit der sehr geduldigen Bedienung und der Hilfe von Google translator die Sprachbarriere zumindest zum Teil überwinden und da ich nur einer von 2 Gästen war, hielt das den Laden auch nicht weiter auf. Sie servierte mir anschließend ein Menü aus salat, bortsch und hauptgericht und dazu ein riesiges glas bier und zeigte mir ein Foto von dem Haus aus dem Jahre 1945. Es zeigt russische und deutsche Soldaten, wobei die einen in Dreierreihen die Straße hinuntergehen, und von den anderen bewacht werden. Sie meinte, die russischen würden marschieren, und die deutschen bewachen. Ich war der Meinung, die deutschen marschieren, und die russischen wachen. Wir konnten es nicht klären, dafür war das Foto zu ungenau. Es war etwas sonderbar, dieses Foto anzusehen, und in genau diesem Haus das da abgebildet war, bei einem Glas Bier in dieser Seefahrerkneipe Bortsch zu essen und zu versuchen, als fremder deutscher die Sprachbarriere mit der Russin zu überwinden, in jenem Haus, das vor nichtmal 70 Jahren genauso wie heute dort stand: als die Russen dort fremd waren, und Kaliningrad Königsberg hieß, und Russen und Deutsche ganz andere Probleme miteinander hatten als nur die Spracbarriere. Ich leerte das Bierglas, denn draußen wurde es schlon langsam dunkel. Einen See hatte ich auf der Karte in ca. 4 km entfernung ausgemacht. Bevor ich jedoch dort ankam, schreckten mich Schilder ab mit hässlichen Piktogrammen und dem Wort "3OHA" was ich aus kyrillisch noch als "ZONA" entziffern konnte - kein gutes Wort, wie mir schien. Ob es Militär- oder Gefahrenzone ist - im Moment ist es jedenfalls keine gute Idee, irgendwelche Zonen in Russland zu verletzen. Ich machte kehrt und fuhr einen Pfad am Waldrand entlang, nun schon fast dunkel - und gerade als es so aussah als ob ich auf einer Stromleitung-Trasse mitten in der Pampa mein Zelt aufbauen könnte, entdeckte ich in ca. 20 m entfernung mitten auf der Wiese ein Auto, und ich täuschte mich nicht, als ich einen Mann hinter dem Steuer ausmachte. Warum zur Hölle fahren die mit ihren Autos ins letzte Eck und stellen sich da hin und bleiben in der Karre sitzen? Ich hatte keine Ahnung, aber jetzt umzukehren und das weite zu suchen schien mir das falsche Signal an diese Person und so ging ich auf das Auto zu bis der Mann ausstieg. Alles klar liebe Sprachbarriere, eine neue Herausforderung ist da. Ich hab ihm irgendwie klargemacht dass ich auf dem Weg nach Litauen bin und einen Schlafplatz suche, und er hat mir klargemacht, dass das hier kein guter Platz zum Schlafen sei. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Kommunikation doch möglich ist ohne auch nur mehr als 2 Wörter der Sprache des anderen zu verwenden. Also zog ich wieder von dannen und er sich wieder ins Auto zurück. Auf dem Weg zurück zur Straße schaute ich noch links und rechts nach Plätzen im Gras und am Waldrand, doch schienen mir sämtliche Orte ungeeignet die man auch mit einem Auto erreicht, und als ich dann noch von einem Landrover mit dickem Thor Steinar-Aufkleber überholt wurde, hatte ich das Gefühl, hier einfach nicht willkommen zu sein und fuhr in mittlerweile kompletter Dunkelheit weiter Richtung Zelenogradsk. Ein Hotel auf dem Weg hatte keine Zimmer frei und wollte mich auch nicht im Garten zelten lassen. Als ein weiterer Versuch in einem Wald-und Wiesenweg nach einem Platz zu suchen (mittlerweile natürlich mit Stirnlampe) damit endete dass ganz in der Nähe ein Schuss fiel fasste ich nach ein paar weiteren Kilometern den Entschluss, mich einfach in die Büsche neben der Straße zu schlagen, kein Zelt aufzubauen sondern nur mit Regenbekleidung im Gras eine Mütze Schlaf abzholen und im Morgengrauen bis ans Meer zu fahren und am Strand zu weiterzuschlafen. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht mehr. Ausgerechnet in Russland, wo ich dachte die Leute lassen einander einigermaßen in Ruhe. Russland ist echt gruslig, ich sags euch! Tatsächlich habe ich in der Nacht nur gefroren, nicht geschlafen, konnte dann aber mit dem ersten Tageslicht völlig gerädert bis zum Strand fahren. Entschädigt hat mich immerhin die atemberaubende Morgenstimmung über den Weiden, als die Sonne den Nebel ablöste und die ersten Störche majestätisch zur Pirsch flogen. Ich legte mich im Sand unter einen Baum und schlief bis zum Mittag.
Als ich aufwachte, war mir immer noch kalt, imer noch in Jacke und zwei Hosen gehüllt, während alle anderen schon in der badehose in der Sonne lagen - aber mir wurde und wurde nicht warm. Erst als ich 200g Nüsse intus hatte, die Lebensmittelvorräte aufgefüllt waren, und auf die Kuhrische Nehrung rollte, ging es wieder steil nach oben. Die Nehrung ist ein ca. 100 km langer und 1-2 km breiter Landstreifen zwischen Zelenogradsk im Süden, und dem litauischen Klaipeda im Norden (dort sitze ich gerade wieder im Hostel - die Kneipe von vorhin hat zugemacht). Sie trennt die Ostsee auf der linken Seite (wenn man nach Norden fährt) mit einer beeindruckenden Sanddüne ab vom kurischen Haff auf der rechte Seite. Das Haff ist zwischen 1 und 5 meter tief und entstprechend schlammig, und ist mit seiner Schilfzone und dem Land komplett drumrum im Prinzip fast ein Binnengewässer. Die Ostsee hinter der Düne hat einen Strand und am gestrigen Tage durch den Wind richtige Brandung. Ein schöner Gegensatz, und man fährt mittendurch. Allerdings sieht man, solange man auf der Straße bleibt, nicht viel davon, denn links und rechts ist Wald. Ab und zu kommt ein kleiner Ort. Anfangs gibt es viel Verkehr, doch die allermeisten Autos sind russische Touristen die auf die Nehrung fahren und sich nach ein paar Kilometern ein schönes Plätzchen am Strand hinter der Düne suchen. Tatsächlich ist der Sandstrand so weit das Auge reicht einfach wunderschön und auch je weiter man fährt, immer leerer. Es gibt ohne probleme überall Strandabschnitte an denen man ganz alleine sein kann. Liegt vielleicht daran dass es verboten ist, die Düne zu betreten, aber das habe ich erst im Nachhinein festgestellt und es hat überall Wege druch den wald und über die Düne die auch von behördlichen Fahrzeugen genutzt werden. Der Wald selbst ist sehr schön, und ändert ständig sein Erscheinungsbild. Mal ist es ein Kiefernwald, bald wieder ein lichter Birkenwald, dann wieder sumpfiger Urwald. Genau in der Mitte der Nehrung, also nach 50 km, befindet sich die russisch-litauische Grenze. Auf russischer Seite kündigt sich dies schon durch Straßenposten und Schilder an, die besagen, dass man sich hier nur noch mit spezieller Erlaubnis aufhalten darf, nicht anhalten und auch nicht aussteigen darf. Dann flogen dicht über der Nehrung Hubschrauber hin und her, Militärfahrzeuge und Feuerwehrautos fuhren alle paar Minuten an mir vorbei, ein Riesentheater. Ich glaube mittlerweile aber dass es wirklich irgendwo gebrannt hat, das kann nicht immer so sein. Und auf litauischer Seite fuhr ich auch mal durch ein paar Kilometer abgebranntes Waldgebiet. Am Abend passierte ich also völlig problemlos die russisch-litauische Grenze und tauchte in einen komplett anderen Kosmos ein. Gleich auf rechter Seite ein riesiger, überfüllter Campingplatz, Touristen aus aller Herren Länder, wirklich schön herausgeputze Dörfer, ein Wanderwegenetz über die großen Dünen, Cafes, etc pipapo. Es war schon Abend und ich suchte sofort den Campingplatz auf, und hatte Glück noch ein kleines Stück Waldboden für mein Zelt zu ergattern.
Wohl noch die Nacht davor in den Knochen, schlief ich 3 Stunden länger als üblich, und es dauerte bis ca. 12 Uhr, bis ich endlich loskam. Tagesziel war Klaipeda, also nur ca. 50 km und außerdem - ich hielt es nicht für möglich- ohne Gegenwind! Das machte gleich mal 5 km /h mehr aus und nach gut vier Stunden war ich schon in der Stadt (inklusive kurzem Besuch der Thomas-Mann-Villa auf der Nehrung und Strandpause). Der Radweg ist auf der ganzen litauischen Seite bis Klaipeda deutlich von der Straße getrennt und wird von hunderten Radlern benutzt. Kein Mensch fährt die Nehrung komplett wie ich von Russland nach Litauen. In Russland war ich der einzige verrückte auf nem Rad. Auf litauischer Seite fahren selbst die Reiseradler von Klaipeda 50km auf die Nehrung nach Nida und am nächsten Tag wieder zurück.  Und damit komme ich schließlich zurück zum zusätzlichen Tag, den ich brauche, wie ich oben erwähnte: Mir ist nämich vorhin beim Geldautomaten aufgefallen dass meine Kreditkarte weg ist. Nicht mehr im Geldbeutel, und im Hostel im Gepäck hatte ich sie sicher nicht gelassen. Ich wusste dass ich sie in Nida (das ist der Grenzort auf der Nehrung auf litauischer Seite) noch draußen hatte, weil ich übers Internet das Hostel in Klaipeda reserviert habe. Und nun sitze ich hier in Klaipeda ohne einen einzigen Lita, und konnte weder das Hostel zahlen noch was zu essen kaufen. Aber die sind hier total cool. Das Hostel ist eigentlich eine 4-Zimmer-Wohnung, und fast genauso eingerichtet: 3 Mehrbettzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad. Entsprechend gibt es hier nur eine Studentin, die den Laden hier als Sommerjob schmeißt, und die Atmosphäre ist sehr familiär. Sie hat mir dann völligst unbürokratisch 50 € in Litas gewechselt, zum besseren Kurs als auf jeder Bank, und beim Campingplatz angerufen. Die Karte war tatsächich dort, und so fahre ich morgen also wieder zurück auf die Nehrung und hole die Karte ab. Wahrscheinlich nehme ich aber den Bus.  Edit: Mittlerweile ist es einen Tag später, und die Karte wieder bei mir.
Litauen gefällt mir bis jetzt sehr gut. Fast alle Leute sprechen englisch, die Leute sind auch sonst sehr offen (diesen Punkt finde ich persönlich einen sehr wichtigen in der Entwicklung eines Landes - die Offenheit), und gehen gerne an den Strand. Sie ziehen sich gut an, und achten auch drauf, dass ihr Land sauber bleibt, schmeißen aes brav in den Müll, richten ihre Häuser schön her, haben Geschmack! Und all dies macht sie zum totalen Gegenteil von dem was ich in Russland gesehen habe. Bin gespannt wie es weitergeht.

Comments   

0 #1 Molle 2014-07-28 13:19
Servus Doc,

geile Geschichten! Nur eine Bitte: Nicht dauernd Fließtext, ein paar Absätze und ggf. Zwischenübersch riften. Dann macht das Lesen noch mehr Spaß. Danke und allzeit gute Fahrt.
Quote

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