Riga,29.07.2014
Ich bin schon ein Glückskind muss ich sagen:
Seit meiner Abfahrt aus Potsdam hat es genau 2 mal geregnet: Das eine mal für 15 minuten, die ich einfach unter einem Baum abgewartet habe - ich bin nicht mal nass geworden - und das zweite mal genau in diesem Moment ca. 20 Minuten nach meiner Ankunft im Hostel in Riga. Mit 9 € pro Nacht das günstigste aber auch das zentralste, von meinem Bett habe ich direkt Aussicht auf die Altstadt und kann den Menschen beim Musikmachen und Kaffeetrinken zusehen. Während draußen gerade die Welt geduscht wird, kann ich hier schreiben ohne was zu verpassen. Also der Reihe nach:

 

Russland "retrospective"

Russland ist vielleicht etwas schlecht weggekommen in meinem letzten Bericht. Das tut mir leid. Es war durchaus interessant dort gewesen zu sein, und gerade wo ich die Bilder gerade nochmal anschaue: Auch wenn es nicht ganz freiwillig war, das Radeln im Sonnenaufgang zwischen den Nebelfeldern war ein toller Moment. Vielleicht hatte ich einen Mini-kulturschock. Ich habe irgendwie das Gefühl dass in Russland weniger wert auf Ästhetik gelegt wird, kann das sein?
Litauen und Lettland sind halt recht europäisch geprägt: Sobald man die Grenze von Russland nach Litauen auf der kurischen Nehrung passiert, ändert sich vieles; es sind auf einmal hunderte Touristen da, die meisten aus dem Inland. Man kann sich überall Fahrräder ausleihen, viele Museen anschauen (das Thomas Mann Museum in Nida auf der kuhrischen Nehrung hätte ich gerne gesehen, aber ich hatte leider kein Geld mehr, weil mich die dumme Sau auf der Bank beim Geldwechseln übers Ohr gehauen hat. Aber ich habe zumindest sein Ferienhaus fotographiert. Das würd ich auch nehmen....). Überall gibt es offenes WiFi in Cafes und auf den Plätzen. In der Hinsicht sind die baltischen Staaten extrem fotgeschritten.

 

Meine Störche

Trotzdem ist auf dem Land alles noch viel ursprünglicher, eine extensivere Landwirtschaft, viele Heideflächen, tolle Landschaften, viele verwilderte Fridhöfe aus alter Zeit, wo man hauptsächlich deutsche Namen sieht (Hab ich schonmal erwähnt dass ich ein Fabel  für verwilderte Friedhöfe habe? Störche hat es auf einmal viel mehr. Sie waren überall meine treuen Begleiter. In jedem Dorf hatte es einige Nester, und ich habe den Kleinen sozusagen innerhalb der letzten Wochen beim Aufwachsen zugesehen. Gerade werden sie flügge und drehen mit ihren Eltern die ersten Runden. Und bis vor ein paar Tagen sah ich Störche halt so im Salat rumpicken nach Fröschen, und wenn sie flogen, dann vielleicht vom Nest aufs Feld und wieder zurück. Aber ich wurde gestern Zeuge eines atemberaubenden Schauspiels, als sich auf einmal 20 Störche in die Lüfte erhebten und wie die Geier in einer Thermikblase kreisend sich in den Himmel ziehen ließen. Was ich davor auch noch nicht gesehen habe, waren riesige Schwärme aus Staren, die wie eine wabernde Masse alle synchron in der Luft herumkreisten, um schließlich im Tiefflug zu ihrem Schlafplatz abzudüsen.


Meine Schlafplatzsituation hat sich auch gebessert. Abgesehen davon dass Wildcampen legal ist, hat es überall im Land verteilt ganz einfache, offizielle Campingplätze an schönen Orten, oft nur mit nem Plumpsklo ausgestattet, aber dafür kostenlos oder für 1-3 Euro. Ganz anders mal wieder an der Küste, wo man das dreifache bezahlt. Einmal habe ich auch bei einer Familie auf dem Land im Garten gezeltet. Eigentlich dachte ich es wäre ein Bauer und wollte ihn fragen, ob ich bei ihm aufm Feld übernachten darf. Aber er hat mich direkt eingeladen, im Garten zu zelten und dann gabs auch noch Brotzeit und Bier mit der Familie. Dann zeigte er mir sein altes russisches Auto aus den siebzigern, frisch gewaschen, weil die Familie damit am Tag drauf nach Klaipeda auf eine Parade fahren wollte.

 

Aus der Sowjetzeit

Ich sah mir nächsten Tag allerdings ein anderes russisches Überbleibsel an: An einem streng geheimen Ort im heutigen Nationalpark Žemaitija hatten die Sowjets einen Atombunker und eine unterirdische basis für 4 atomraketen betrieben, was man heute als museum ansehen kann. die raketen sind weg, genauso wie ein haufen der einrichtung. aber dafür habe ich einiges über den kalten krieg dazugelernt. Und es war beeindruckend, in einen 30 m tiefen, 5 m breiten Raketensilo zu blicken. Von dort wollte ich in zwei Tagen direkt nach Riga düsen, allerdings habe ich nachmittags bei einer Kaffeepause in Mažeikiai kurz vor der lettischen Grenze mal n bisschen recherchiert, was denn in jener Zeit in Riga so los ist an Festivals, Konzerten, Theater und so weiter (Mažeikiai ist übrigens auch sehr geprägt aus der Sowjetzeit: Die Stadt scheint komplett aus riesigen Plattenbauten zu bestehen, die gerade vor sich hinbröckeln. Leider leider sehr abweisend. Andere Städte scheinen komplett verschont worden zu sein. Dort haben sich die Sowjets anders beholfen und Kirchen als Ställe verwendet - sehr pragmatisch, muss man sagen),

 

Kunstvoll vom Land in die Stadt

Meine Recherchen ergaben: Zwar sind fast alle Festivals schon durch, und Theater und Oper haben Sommerpause - aber ich habe entdeckt, dass das World Jazz Festival stattfinden wird und Cassandra Wilson, die ich ja als meine Lieblings Jazz-Sängerin äußerst verehre, ein Konzert gibt. Ich hab sofort gebucht, und meinen Riga-Aufenthalt dementsprechend nach dem Konzert ausgerichtet. Das brachte mir zwei Tage zusätzliche Zeit, die ich noch für einen Schlenker in den Westen Lettlands verwendete - für das schöne Kuldiga mit seinen alten Holzhäusern, verschlafenen Städten  im Albava-Tal (Sabile, Kandava) und nochmal einen kurzen Besuch der Ostsee an der Rigaer Bucht in Klapkalnciems - die immer noch arrrrrrschkalt ist, vielleicht 12-14°C, gefühlt ein Eissee. Die ganze Zeit getrieben mit einem Grinsen im Gesicht von der Vorfreude auf das Konzert- und an einem Tag sogar mit Rückenwind- kaum zu glauben. Was aus den Fotos vielleicht auch hervorgeht ist dass die Leute hier einiges für Kunst übrig haben. Überall in den Städten und auf dem Land hat es Parks die voll stehen mit Skulpturen, Kunstmuseen (eines der sonderbarsten die ich je besucht habe: Auf einem Riesengelände von mehr als einem Quadratkilometer bei Sabile (Pedvale Freilichtmuseum) stehen die verschiedensten Kunstwerke auf den Wiesen herum: Von einem Künstler und seinen Schülern während Workshops geschaffen - dafür ein eigenes Album:


Und draußen hat sich das Gewitter schon fast verzogen und auf dem Platz vor meinem Fenster spielt jetzt Live-Musik. und ich muss auch langsam raus. Ich wünsche euch zu Hause in erster Linie mal besseres Wetter.

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