Hiiumaa, 5.8.2014

In diesem Moment setze ich von der wunderbaren estischen Insel Hiiumaa auf das Festland über. Morgen werde ich in Tallin sein, und dann sind es noch 11 Tage bis mein Russland Visum abläuft. Wenn ich noch nach St. Petersburg will, sollte ich mich verdammt nochmal beeilen, und nicht noch tagelang Umwege über die Inseln abstechen. Vielleicht war es eine Art unbewusste Entscheidung nach meinen Erfahrungen in Kaliningrad und den baltischen Staaten.

 


"A safely place"
 Besonders hier in Estland habe ich das Gefühl dass die Leute sehr entspannt sind. Auf der Straße wurde ich noch kein einziges mal angehupt, selbst wenn ich mal wieder den Radweg nicht benutzt habe. Schon direkt nachdem ich vor ein paar Tagen bei Ainazi abends über die Grenze kam - es war Freitag Abend - war eine Gruppe dabei, die Dünen und Wälder am Meer  mit ihren Autos und Zelten zu besiedeln. Auf meine Nachfrage, ob das in Ordnung geht, oder potentiell Ärger geben könnte, lächelten sie nur, "no Problem, it's a safely place".
Generell scheint es in Estland niemanden zu stören, wenn man sein Zelt irgendwo aufschlägt, an diesem Wochenende war die ganze Küste besiedelt. An vielen Orten stehen Plumpsklos und es gibt eingerichtete Feuerstellen, und so ist es auch an stark frequentierten Abschnitten einigermaßen sauber. Ganz und gar auf der sicheren Seite ist man, wenn man einen der vielen offizielen Orte der Forstbehörde wählt, die man leicht findet, wenn man die am Straßenrand und Dorfplätzen  angeschlagenen Landkarten der Umgebung studiert, denn dort sind sie eingezeichnet. Ich habe mir angewöhnt, die mit dem Handy abzufotografieren. Mittlerweile habe ich eine stolze Sammlung zusammen. Aber der Reihe nach:

Inselhüpfen: Saaremaa, Hiiumaa und Co.
Von Riga über Pärnu bin ich also nicht direkt nach Tallin, sondern wählte einen Umweg einiger hundert kilometer, denn ich wollte die Inseln sehen, und obwohl die Landschaften dort nicht spektakulär sind, haben die Inseln ihren ganz besonderen Reiz. Inseln sind wie das Wort schon verlautet isoliert, und das ist meiner Meinung nach nicht rein geographisch zu verstehen. Entsprechend ist das Leben dort entkoppelt von dem auf dem Festland; langsamer, an manchen Orten scheint die Zeit sogar komplett still zu stehen. Die estnischen Inseln sind sehr dünn besiedelt und bieten eine Weite von Heiden und eine Fülle von Wäldern. Ich selbst ließ mich also über Saaremaa treiben, die südliche, größere  Insel, genoss den heißen Wind, besuchte einen See in einem Meteoritenkrater, scheinbar die einzige Erhebung auf Saaremaa, trank Kaffee im Schatten von Windmühlen, und ging zum Sonnenuntergang an den Strand. Dort war gerade eine Gruppe Menschen in meinem Alter dabei, ein paar Zelte aufzustellen und Feuer zu machen. Wie sich herausstellte eine durchaus internationale Gesellschaft aus Esten, Belgiern, Ungarn, Briten und Spaniern. Sie waren wegen einer Hochzeit auf der Insel. Ich fragte ob ich mich zum Feuer setzen dürfte, und Sie hießen mich sehr willkommen. Und während wir bei leckerem Inselschnaps über Gott, die Welt und Musik redeten stand die Zeit mal wieder still: Das schwindende Licht kam nun flackernderweise von Feuer, und die Wärme spendete es auch, das Knistern verband sich mit Meeresrauschen. Ohje, kitschigere Inselromantik kann man sich gar nicht vorstellen.

Am nächsten Tag setzte ich nach Hiiumaa über, und da es sehr heiß war und ich sehr müde, und die Insel außerdem eher klein ist, suchte ich einen schönen schattigen Platz in der Nähe des Wassers und wurde ganz im Süden fündig, wo der mythische Held der Insel irgendwann mal eine Brücke bauen wollte, damit ihn sein Bruder von Saaremaa leichter besuchen konnte. Dieser Ort heißt Sääre tirp, und ist eine immer dünnere Landnadel, die in das Meer hineinführt. Man kann bis zur Spitze laufen und dann noch weiter, denn die Nadel führt unter dem Wasserspiegel noch weiter, und so läuft man wie Jesus übers Wasser, immer weiter in das Meer hinein, bis um einen herum nur noch Meer ist. Auf der linken Seite brechen die Wellen, auf der rechten Seite ist aber mulmigerweise kein Land, sondern auch Wasser, aber das Wasser ist spiegelglatt. Ich fand es eine gute Idee dort meine Wäsche zu waschen (ohne Seife natürlich, aber das reicht vollkommen aus. Sie wird zwar nicht richtig sauber, aber den Geruch bekommt man ohne weiteres raus. Bestimmt war ich der erste Mensch, der dort gewaschen hat.) Dies ist in der Tat ein ganz besonderer, magischer Ort, und dieses Erlebnis und der Abend am Strand zuvor waren gleich zwei Highlights auf dieser Reise. Auf der Weiterreise entdeckte ich am Straßenrand eine Windmühle - keine Menschenseele weit und breit - aber die Tür war offen und drinnen standen nette Sofas um einen Tisch. Eine Holzleiter führte nach oben, insgesamt über drei Bretterplattformen bis unters Dach, so dass man von den Fenstern ganz oben sich enen kleinen Überblick verschaffen konnte. Etwas heikel mit den Flipflops und der Kamera in einer Hand - aber ich hab schön aufgepasst dass mir nix passiert. Ich mag Windmühlen. Wenn ich groß bin möchte ich mal in einer wohnen und mit dem Mühlrad Strom produzieren. Hat jemand eine übrig?
Inseln - ich sags euch - haben mich immer fasziniert. Sollte ich also nicht mehr nach St.Petersburg kommen so ist dies gar nicht schlimm. Ich denke die Chance mal nach St. Petersburg zu kommen wird sich viel eher nochmal ergeben als auf diese abgelegenen Inseln zu kommen. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja noch. Denn:

Ich bremse nicht für Bremsen.
Auf so einer Reise bin ich weißgott nicht allein. Die Insekten sind meine ständigen Begleiter. Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich mit ihnen rede. Meine größte soziale Interaktion habe ich mittlerweile mit Insekten. Meistens halte ich ihnen vor, wie doof sie sind, wenn sie zum Beispiel den Zeltausgang wieder nicht finden. Oder ich sage ihnen Sachen wie: "Ich fände es ganz gut, wenn du aus meinem Ohr bald wieder herauskämst." Im Baltikum hat es verdammt viele nervige Insekten. Ab Polen wurde man sobald man an schattigen Stellen kurz angehalten hat, sofort von Bremsen angefallen. Und die wurden abends von den Moskitos abgelöst. So kam es dass ich nach Kurzem ohne hinzusehen zuschlug, wenn ich irgendein Insekt auf der HAut spürte. Das tut mir leid für alle unschuldig getöteten, allerdings war die Wahrscheinlichkeit schon sehr hoch, einen Blutsauger zu erwischen. In Estland änderte sich die Situation schlagartig. Dort hat es auf einmal keine Bremsen mehr, dafür Ameisen und Wespen. Mit den Ameisen habe ich mich inzwischen angefreundet. Ich sorge dafür dass sie nicht ins Zelt und an meine Lebensmittel gehen, indem ich beides gut verschließe, dafür machen sie für mich den Abwasch: Ich lasse mein Geschirr nach dem Abendessen einfach draußen stehen, und am nächsten Tag ist es blitzsauber. Ist übrignes auch eine gute Maßnahme um Wasser zu sparen.

Wasserprobleme
Es ist in der Tat nicht immer ganz einfach, Trinkwasser zu finden. Mittlerweile habe ich meine Flaschenkapazität auf 4 Liter aufgestockt, denn gerade auf dem Land hat es zwar viele Brunnen, aber deren Wasser ist nicht gerade farblos. Heute habe ich bei der Feuerwehr nach Wasser gefragt, die hatten immerhin noch welches. War aber auch braun. Die Skrupel, mit Flaschen im Anschlag in irgendwelche Restaurants oder Museen aufs Klo zu marschieren, schwinden. Das Wasser der Ostsee enthält zwar kaum Salz, aber Trinken will ich es trotzdem nicht.

Tallinn
Mittlerweile bin ich in Tallin angelangt, wo ich für eine Nacht bleibe. Morgen fahre ich Richtung Osten in den Nationalpark Lahemaa. Ein paar Bilder von Tallinn gibts schonmal.

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