Käsmu, 10.08.2014

Es kam erwartungsgemäß anders als geplant.
Ich sitze gerade in einem kleinen Dorf namens Käsmu im Nationalpark Lahemaa, das normalerweise nur ein paarhundert Seelen beheimatet, und dies wahrscheinlich auch nur im Sommer. Es liegt direkt an einer wunderschönen Bucht, in der riesengroße Findlinge aus dem Wasser ragen. Tatsächlich ist der ganze Nationalpark übersäht von Millionen von Findlingen, im Wald, auf Wiesen, Gärten, im Dorf. Die Bewohner benutzen die kleineren der Findlinge um Mauern zu bauen, die großen bleiben an Ort und Stelle. Straßen, Häuser und Gartenzäune werden um sie herum gebaut oder sie integrieren sie. Die allergrößten Steine haben liebevolle Namen wie z.B.  Majaviki ("Hausfelsen") und sind bis zu 7 Meter hoch. Das sieht sehr märchenhaft und stimmungsvoll aus. Momentan sind in Käsmu einige tausend Menschen anzutreffen, es platzt aus allen Nähten, denn es findet das Viru Folk Festival statt.

Ein paar Eindrücke vom Festival


Das Dorf hat gar nichts von seiner Friedlichkeit eingebüßt, viele Gärten sind offen und die Eigentümer bewirten mit riesigen Grills oder Verkaufsständen die Gäste , oder stellen ihren Garten als Zeltfläche zur Verfügung. Das ganze Dorf ist also aktiv dabei, und die Stimmung ist wirklich ganz besonders. Gerade spielt jemand hinter mir Klavier in einem kleinen Raum in einem großen Holzhaus, in dem 20 Stühle stehen, und gibt ein Hauskonzert im KüKu-Style. Leute kommen und gehen. Ich sitze auf der Terasse, weil es hier Strom und WLan gibt. Weiter hinten im Dorf ist eine große Bühne aufgebaut, vor der locker 2000 Menschen Platz finden, und dann gibt es noch eine Waldbühne, nur durch einen Fußweg vom Meer getrennt, auf der anderen Seite des Dorfes, dort wo die mannshohen Findlinge am Strand liegen. Für die Konzerte auf den zwei großen Bühnen braucht man ein Ticket (ich habe mir einen Tagespass zugelegt), aber der Rest des Festivalgeländes, i.e. des Dorfes, ist frei zugänglich. Auf den Terassen der Häuser, auf Wiesen, Wegen und an dem kleinen Minihafen (dessen Kaimauer aus meterdicken Findlingen besteht) spielen überall kleine Bands, manche verstärkt und als Programmpunkte des Festivals, und andere einfach so. Der Verkäufer eines Süßigkeitenstandes sitzt unermüdlich mit seiner Gitarre neben der Schoki und singt schöne Lieder, ab und zu höre ich das Wort Schokolade darin. Es sind alle Generationen vertreten, Familien rollen mit Kinderwagen herum, Omis verkaufen waffeln und setzen sich, wenn der Teig ausgegangen ist, mit einem Klappstuhl zu den Konzerten. Gespielt wird alles was auch nur im entferntesten mit Folk zu tun hat: Bluegrass, Blues, Singer Songwriter, es gibt indischen Reaggae, hardrockende Samen, swingende Russinen und Heavymetal-Yoik. Ich könnte den Computer und meine Spiegelreflex über Nacht hier stehen lassen, und es wäre morgen noch da. An den Mehrfachsteckdosen, die im Eingangsbereich dieses Hauses zu finden sind, hängen herrenlose Iphones, deren Besitzer sich wahrscheinlich gerade auf irgendeinem Konzert herumtreiben. Das Haus, ein kleines Museum, ist immer offen, und eingerichtet wie eine Wohnung, mit der Besonderheit dass überall Krimskrams aus alten Zeiten rumsteht. Der Besitzer muss wohl keine Sorge haben dass irgendetwas verschwindet. Auch ich habe keine Sorge um meine Sachen auf dem Zeltplatz. Als ich heute morgen aus dem Zelt kroch, waren meine Nachbarn -sie Estin, er Neuseeländer (@Konstanze: er war aus Nelson aber dich hat er nicht gekannt)- auch gerade aufgestanden, und ich habe ihnen spontan Kaffee angeboten und im Gegenzug selbstgepflückte Blaubeeren erhalten, und wir haben sofort angefangen, über das Leben, Reisen und die Gesellschaft zu diskutieren. Falls ihr mal im August nach Estland kommt, solltet ihr dieses Festival nicht verpassen.

Good Eyes
Es ist jetzt Sonntag, ich bin seit Freitag Abend hier, und habe am Vorabend im Rahmen folgender Geschichte von diesem Festival erfahren: Ich wollte mal wieder am Strand schlafen, zwei Halbinseln oder ca. 20 km westlich von hier (Juminda, auch in diesem Nationalpark), von Tallin Richtung Osten fahrend. Mein Wasser war fast aus, und ich kam an einer Reihe von Sommerhäusern vorbei. Bei einem der letzten war ein Mann gerade dabei mit einem Gartenschlauch seine Pflanzen zu gießen und sah gedankenversunken dem Strahl nach, und so rief ich ihm vom Zaun aus zu und winkte, aber er bemerkte mich nicht. Nach einigen Versuchen gab ich auf und fuhr 200 Meter zurück und fragte an einem anderen Haus. Die Antwort war "Of course, come in". So schob ich mein Fahrrad in den Garten und er nahm mir direkt die Flaschen ab und verschwand damit im Haus. Bevor er sie mir gefüllt zurückgab, bemerkte er dass ich bestimmt Hunger hätte, es gerade Suppe und Brot gäbe, und bat mich auf die Terasse zu Tisch. Es waren ganz offensichtlich wohlhabende Leute, das wunderschöne alte Holzhaus war von einem riesengroßen Garten umgeben, und etwas neben dem eigentlichen Haus stand noch ein kleines längliches, mit 2 Zimmern und einer Holzofensauna, alles unglaublich stilvoll, viel Holz, viel traditionelle Handarbeit aber überhaupt nicht protzig. Hinter diesem Nebenhaus qualmte etwas, und er sagte: "In 5 minutes, the fish will be ready, I hope you have some time". Es waren zwei Dutzend kleine Flundern, die 2 Stunden vorher noch zappelnd im Netz hingen, und nun ohne zu zappeln in der Räucherkammer. Und so kam eines zum anderen, es kulminierte in einem spektakulären Feuerwerk an Gastfreundlichkeit, welchem ich mich nicht entziehen konnte, denn sie hatten offensichtliche Freude mich einzuladen, und mir wäre es unhöflich vorgekommen, abzulehnen und zu gehen. Zusätzlich zur 5-köpfigen Familie waren noch 4 Freunde zu Gast, und so saßen und aßen wir und unterhielten uns gut. E., diese herzerwärmende Frau bat mich inbrünstig, mich auf keinen Fall beim Essen zurückzuhalten. Die die mich kennen wissen dass mir Fisch ja eigentlich nicht schmeckt. Aber unter diesen Umständen war ich bereit mal wieder zu probieren. Frischster Fisch geräuchert konnte so schlecht nicht sein.  Ich aß den Fisch dann vollkommen auf, tatsächlich fand ich ihn sehr lecker. Eine Singularität. Es war sozusagen der beste Fisch den ich je zwischen die Kiemen bekam. Klammheimlich hatte A. zwischenzeitlich die Sauna angeheizt, nur für mich, wahrscheinlich dachte er ich würde abehnen wenn er mich fragen würde. Aber so war die Sauna schon bereit, als er es mir mitteilte, und ich hatte mein erstes rein privates Holzofensauna-Erlebnis mit Birkenaufguss. Am Ende blieb ich natürlich über Nacht, im Gästezimmer, sie bestanden darauf dass ich mich am nächsten Tag nicht vor dem Frühstück aus dem Staub machte. Als es dann schließlich so weit war, dass ich mich verabschiedete, steckte mir E. noch eine Tüte mit Sandwiches, Schokolade und Früchten zu. Sie bedankte sich dann bei mir für meinen Besuch und meine Gesellschaft. Das muss man sich mal vorstellen. Ihre Bemerkung, dass sie vielleicht nicht jedem dahergekommenen so vertraut und eingeladen hätten, "but you have good eyes", brachte dann tatsächlich Pipi in selbige.

An jenem Abend erfuhr ich von dieser Familie also vom Festival, und ich habe die beiden hier schon zweimal wiedergetroffen. Sehr schade dass heute das Festival zu Ende geht. Sie haben mich für den Rückweg wieder bei ihnen eingeladen. Der Rückweg wird bestimmt stattfinden, denn ich werde nicht nach Russland fahren. Meine Entscheidung, auf dieses Festival zu gehen war eine Entscheidung gegen Sankt Petersburg, denn meine eigene Deadline, bis zum 10.8. eingereist zu sein, läuft heute ab, und es wäre noch eine Reise von 2 Tagen bis zur Grenze. Und ich kann mir nicht vorstellen diese Entscheidung jemals zu bereuen. Außer wenn die 5 Zecken die ich mir heute rausgezupft habe mich mit fiesem Zeug infizieren. Nun fahre ich also zurück nach Tallinn und werde die nächsten Tage ein Schiff nach Helsinki nehmen.


14.08.2014 Helsinki


Gerade habe ich in Helsinki eingecheckt. Ich wohne hier im Olympiastadion, das billigste Hostel der Stadt, aber doppelt so teuer wie mein letztes in Tallinn.
Helsinki empfing mich am Hafen mit einem kostenlosen Konzert von Riika Timonen am Hafen, wo ich dann erstmal eine halbe Stunde zugehört habe, bevor ich mich aufmachte die Stadt zu erkunden. Helsinki lebt meiner Meinung nach vielmehr als Tallinn, wo die Innenstadt tagsüber nur aus Massentourismus und abends aus Partypeople besteht. In Helsinki hat man das Gefühl, als Tourist wieder in der Unterzahl zu sein, und das gefällt mir ganz gut. Es gibt hier noch Punks, aber auch viele Emos und Hipster, aber alle durchmischen sich ganz gut und geben der Stadt ein angenehmes Flair. Vor dem neuen Konzerthaus trifft sich die Skaterszene, und Jung und Alt sitzen auf den Treppen vor der Kathedrale zum ratschen. Ich würde gerne ein paar Tage in der Stadt bleiben, aber leider ist sie sehr teuer, und ich muss auch mal schauen dass ich Land gewinne, hier reden schon alle davon dass der Sommer jetzt vorbei ist und der Winter kommt. Gruselige Vorstellung.

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