Gerade sitze ich bei schönstem Wetter in einem Cafe in Bollnäs, und habe beschlossen, mal auf meinen Körper zu hören und zumindest einen halben Pausentag einzulegen. Die letzten zwei Wochen bin ich praktisch durchgeradelt. Deswegen, und weil ich Probleme mit dem Rechner hatte, und weil es in Lappland wenig Ortschaften gibt und noch weniger mit Internet, hat es diesmal etwas länger gedauert mit einem Update. Aber der Reihe nach:
 
Folgen Sie dem Leuchtturm
In Finnland war es weiterhin nass und kühl, mit einigen Aufhellungen meteorologischer und gemütlicher Art. Ich wollte den Rückenwind ausnutzen und so schnell wie möglich nach Schweden, und das gipfelte dann in solchen Harakiri-Aktionen wie einer 172 km-Etappe in mittelmäßigem Wetter nach Oulu, wo ich abends im Busch mein Nachtlager aufschlug und mich dann auf den 1 km entfernten Campingplatz schlich um eine halbe Stunde heiß zu duschen... Ich weiß nicht ob es am Wetter oder an den langen Etappen lag dass ich das Gefühl habe langsam etwas gaga zu werden. Warum träume ich nachts davon, wie mir der Besitzer eines Kebap-Ladens im Hinterhof ein klappriges altes pinkes Damenrad mit Pineon-Getriebe UND Rohloffnabe für 650 € verkaufen will? Und warum brauche ich nach dem Aufwachen dann einen halben Tag um festzustellen, dass ein Pineon-Getriebe UND eine Rohloff-Schaltung am selben Fahrrad totaler Quatsch ist? Ich wusste dass an dem Deal was faul ist.
Und warum - und das ist kein Witz!!! - traf ich am nächsten Tag in der Realität zwei Jungs, die mit einem pinken Tandem unterwegs waren - Zusammengeschweißt aus zwei klapprigen Damenrädern, und mit einer NuVinci-Nabe ausgestattet. Hilfe! Was ist hier los? Zum Glück musste ich in Finnland selten mein Hirn ernsthaft gebrauchen. Die Orientierung ist denkbar einfach. Man folgt einfach dem Pfeil mit dem Leuchtturm und bleibt so immer auf dem bestmöglichen Weg, möglichst an der Küste und die E8 vermeidend. Nach ein paar Tagen kam ich auf diese Weise in Tornio an einen Fluss, und sah keinen Leuchtturm und keinen Pfeil mehr. Aber auf der anderen Seite prangte ein dickes IKEA Schild an einem blauen Gebäude. Kombiniere, kombiniere - das muss also die schwedische Grenze sein. Dazu war mein Hirn gerade noch in der Lage.

In Schweden war es nicht so einfach die Hauptstraße (die E8) zu vermeiden. Dann steht man wieder an der Auffahrt und denkt sich "Will ich mir das antun oder doch einen Umweg von 60 Kilometern in Kauf nehmen? bei dem Wetter?" An einer dieser Auffahrten hat mich dann der schwedische Journalist Carl Helgegren aufgegabelt und 20 km mitgenommen, und mir in dieser Zeit diese Story erzählt.

Ganz schön kalt obenrum
Das zweite was ich in Schweden gesehen habe: ein Outlet von Fjäll Räven. Das erste was ich mir da drinnen gekauft habe: eine neue Regenjacke. Ein Superduper geiles Hightech-Teil von einer schwedischen Edelschmiede. Das erste was passierte als ich dann weiterfuhr: es hat in Strömen geregnet. Und wie ich das gefeiert habe. Ich hatte selten so viel Spaß im Regen.
Das war bisher dann auch der letzte Regentag. Das Wetter ist wieder richtig schön, nur leider nicht mehr so warm. Ich koche mittlerweile nicht mehr mit Benzin sondern mit Gas, und das geile daran ist, dass man den Schlafsack morgens nicht verlassen muss, weil man den Kaffee in der Zelt-Apsis kochen kann. Dadurch heizt man das Zelt von 3° auf ca. 15° auf, was es überhaupt erst ermöglicht, ans Aufstehen zu denken.
Zum Glück ist es jetzt wieder etwas wärmer geworden, ich muss nachts nicht mehr frieren.

Und ansonsten:
- Nordschweden ist verdammt schön. Wilde Flüsse, gewaltige Entfernungen, wenige Menschen, viele Tiere.
- Ich baue jeden Abend an einem anderen See mein Zelt auf, mache ein Feuer (ohne ist es zu kalt), koche lecker Bohnen mit Nudeln, oder Linsen mit Nudeln, oder was anderes mit Nudeln, und freue mich an der Wildnis und der Einfachheit des Lebens.
- Tagsüber fahre ich zig Kilometer durch Wald und Sump, um dann an einem wunderschönen See anzukommen, um dann wieder zig Kilometer durch Wald und Sumpf zu fahren, usw. Alle 80 km oder so kommt eine etwas "größere" Ortschaft, mit einem Laden und ner Tanke.
- 200 Meter hinter der Grenze zu Lappland stand ein Rentier auf der Straße.
- Hier gibt es sehr wenige Touristen (und wenn dann sind es vereinzelte schwedische Wohnmobile, mit denen man nichts zu tun hat). Radler habe ich auch noch keine anderen getroffen. Ich werde oft angesprochen, und zweimal wurde ich schon eingeladen, im Garten von Leuten zu zelten.
- Mitten in Lappland kam mir auf einmal ein rennender Schweizer entgegen. Er rennt schon seit Monaten mit seinem Wägelchen von der Schweiz in Richtung Nordkap, und sein Blog verdient den ein oder anderen Besuch: http://nomada.ch/capnord/english.html
- Ich arbeite mich weiter Richtung Süden vor. Die Ortschaften werden häufiger, die Landschaft ändert sich, wird ländlicher.
- Ich habe wieder STROM am Fahrrad. Also Handy laden geht wieder, auch Musikhören ist wieder drin. Den PC habe ich auch wieder hinbekommen. Der Sattel ist wieder in Form. Faszinierend wie auch die Ausrüstung sich freut dass wieder gutes Wetter ist.

Comments   

0 #1 Molle 2014-09-15 18:32
Hey Du,

schön, wieder was von dir zu lesen und Bilder zu sehen. Wir müssen morgen wieder in der Schule ran. Genieß' deine freie Zeit und die Natur!
Übrigens "Moralmodus an":Wild campen und dann heimlich 30 Minuten duschen? Mittelschweres Foul, schließlich gibt's den Camping da nur, weil Leute dafür zahlen..."Moral modus aus".
Gute Weiterfahrt und bleib' gsund!
Quote

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