31.5.2015, bei Visoko, Bosnien and Herzegowina

Abends so...


Ich sitze gerade in einem kleinen Unterstand am Waldrand oberhalb von einem Dorf. Der Mond ist schon aufgegangen und in der Ferne schimmern die Lichter von Visoko, irgendwo ruft ein Muhezzin zum Abendgebet. Bis eben war noch der Schäfer, der diesen Unterstand gebaut hat, mit seinem Sohn und seiner "Herde", etwa ein Dutzend Tieren, hier. Er saß im Gras, rauchte und sang, und sein Sohn konnte etwas Englisch und hat mir einiges über Bosnien und Herzegowina erklärt. Er  sagte mit groß ausschweifender Geste, Bosnien sei ein wunderschönes Land, "doch die wenigsten wüssten es", und da musste ich ihm einfach beipflichten. "Und die Menschen sind sehr nett", fügte ich hinzu, und dass wissen wahrscheinlich auch die wenigsten. Man würd überall freundlich begrüßt und bewunken, und wenn die Menschen einen ansehen wie ein dreiköpfiges Pferd liegt es wahrscheinlich daran dass sie noch nie einen Reiseradler gesehen haben. Wenn man dann freundlich lächelt und winkt, kommt das auch meistens zurück. Auf dem Land frage ich am Abend meist mit Händen und Füßen und dem Wort "schator" für "Zelt" Menschen nach Erlaubnis, auf ihrem Land oder im Garten zu zelten. Dann wird meist über das Feld gebrüllt, der Familie Bescheid gegeben, die Nachbarn wissen dann meistens auch schon Bescheid, und manchmal stehen dann 7 Leute um einen rum und schauen zu wie man das Zelt aufbaut. Wenn man Glück hat, ist jemand dabei der Deutsch kann, meistens war einer schonmal ein paar Jahre in A/CH/D arbeiten. Dann packe ich noch die Ukulele aus und spiele ihnen das einzige Lied vor dass ich bis jetzt darauf kann, und später kommt noch jemand vorbei und winkt einen zu einer Tasse Kaffee auf die Terasse. Versucht man wild irgendwo zu zelten (Stichprobe n=1) wird man sowieso entdeckt, sei es vom Landbesitzer, einem Angler oder sonstwas, aber anstatt fortgeschickt zu werden, wurde ich belehrt, dass das hier doch kein schöner Platz ist, und ein paarhundert Meter entfernt sei doch ein viel besserer Platz. Wo man mit dem Auto auch nur ansatzweise hinkommt, wird auch früher oder später jemand auftauchen, und es ist erstaunlich, wo die Kerle mit ihrem Auto überall hinfahren können.
Während ich diese Zeilen schon bei Dunkelheit in meinem Buch notierte, kam übrigens an oben benanntem Platz mit dem Unterstand des Schäfers tatsächlich noch ein Auto an, es stieg ein großer, dicker, besoffener Mann aus und kam direkt auf mich zu. Ich war der Überzeugung dass ich wahrscheinlich zusammengeschlagen werde und danach um einige Dinge leichter bin, aber er ging mir einfach nur 20 Minuten tierisch auf den Sack, hat alle möglichen Argumente herausgezogen warum ich mit zu ihm kommen soll zum "schlafen"  - das einzig deutsche Wort dass er kannte  (Zelt stünde schief, es ist kalt, es ist dunkel, es gibt nichts zu trinken, es ist laut - erstaunlich wie viel man von einer Sprache versteht, obwohl man kein Wort versteht). Es war sehr schwer freundlich zu bleiben, aber am Ende konnte ich ihm doch zu verstehen geben, dass er jetzt in sein Haus schlafen geht, und ich ich in mein Zelt, und alles sei dobro, dobro... Es war eine wirklich ungemütliche Situation, und ich war froh, darin keine Frau zu sein. Schade, denn kurz vorher hatte ich ja diese Wahnsinnsbegegnung mit dem Schäfer und seinem Sohn.

 2. Juni 2015, Sarajevo

ein paar Brocken Politik kann hier jeder

Der Schäfersjungen bei Visoko erzählte mir unter anderem dass BiH 3 Präsidenten hat, einen serbischen, einen kroatischen und einen bosnischen. Später habe ich in Sarajevo von einem Deutschen, der für die GIZ arbeitet, erfahren, dass es entsprechend auch drei Parlamente, drei Regierungen, entsprechend jeweils drei Ministerien für alles, und so fort, dann wiederholt sich alles auf Kantonebene, alles in allem gibt es also 150 Minister, entsprechend geht in BiH nichts vorwärts und auch nichts zurück, alles blockiert sich gegenseitig und ist wohl ein noch größerer Kindergarten als bei uns zu Hause. Dazu kommen - wie ich von meinem Couchsurfing-Host in Sarajevo erfahren habe - Korruption, hohe Staatsverschuldung, immernoch Probleme in den Köpfen vieler, die Konflikte von damals wurden nie ausgefochten, internationale Truppen hätten Friedensverträge forciert, die aktuelle Frontlinie wurde angeblich als Staatsgrenze festgelegt. Viele fühlten sich ungerecht behandelt, aber daran ändern kann man auch nichts mehr, ohne die Konflikte wieder aufflammen zu lassen. Die einzelnen Menschen allerdings kamen mir alle sehr nett vor und vermittelten den Eindruck, dass es doch egal sei von welcher Ethnie man jetzt kommt.

Stadtleben

In Sarajevo sieht man noch so einige Spuren des Krieges.  Aber man merkt auch wie die Stadt lebt, auf den Straßen ist was los, es gibt viele Bars, Restaurants, man trifft sich in Parks zum Schachspielen. Die Einschlagkrater und Einschusslöcher sind halt immer noch mit dabei und erinnern an die Zeit, das ist schon speziell. In Sarajevo wurde ich dann von einem etwas angeheitertem langhaarigen Traveller aus Frankreich angesprochen, der schon 3 andere Backpacker im Schlepptau hatte, und irgendwann waren wir dann zu siebt und sind ein paar Bierchen trinken gegangen. Er hatte seine Schuhe am Strand in Kroatien gefunden, davor war er barfuß unterwegs, und seine Kreditkarte wurde gesperrt. Alles kein Problem sagt er, alles egal, er reist trotzdem weiter - ohne Geld, ohne Gepäck, irgendwann stirbt er sowieso, denn er spuckt seit gerade eben blut - auch eine Art zu reisen.

Und sonst so:
Hauptbeschäftigung neben Radfahren: Winken
Aufgefallen: Auf dem Land hat jede Familie ihre eigenen Felder, die sie mit der Hand bestellen.
Abgefallen: Der Blutdruck, wenn man sich vom Schock erholt wenn mal wieder von einem LKW überholt wurde
Gut gefallen: Die Berge und Wälder und die vielen Trinkwasserbrunnen an der Straße.

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