28. 6.2015

Die letzten Kilometer in Europa

Gerade bin ich ca. 40 km vor Istanbul. Sicher eine der weniger sehenswürdigen Ecken der Welt, ich würde jedem Radler empfehlen, einen ganz großen Bogen um den europäischen Küstenstreifen des Marmarameeres zu machen. Aber der Reihe nach:

Flüchtlingsströme in Macedonien



von Skopje aus fuhr ich auf der alten Nationalstraße, neben die sie direkt die Autobahn gebaut haben, aber die ganzen LKW trotzdem noch die Nationalstraße benutzen um die Maut zu sparen, so dass für mich als Radfahrer sicherer (und bequemer) gewesen wäre, die Autobahn zu benutzen. Tatsächlich kamen auch immer wieder Radfahrer auf der Autobahn entgegen. Irgendwann wurden es mehr, und dann kamen auch auf der Landstraße große Gruppen von Menschen entgegen, zu Fuß oder auf Fahrrädern. Ich habe mit einigen gesprochen, sie dürfen keine ÖV benutzen, sonst werden sie von der Polizei rausgeschmissen, manche sind schon Tage auf den Landstraßen unterwegs, schlafen im Straßengraben, dann geht es weiter. Die meisten kamen aus Afrika, aber auch sehr viele aus Syrien, Irak, Afghanistan usw. Es waren hunderte, die ich am Tag sah, sie quälten sich durch Regen und schwüle Hitze hunderte Kilometer von Griechenland nach Serbien. Glücklich sind die, die ein Fahrrad haben, ich weiß aber nicht, wo sie die herbekommen haben. Manche fragten mich auch, wo man welche "leihen" könnte.  Über die Grenzen geht es dann irgendwo im Grünen.
In Macedonien traf ich dann auch zufällig einen englischen Reiseradler, den ich in Albanien kennengelernt habe, wieder. er ist mit dem Rennrad und weniger Gepäck unterwegs und radelt zwar schneller, aber etwa die gleichen Kilometer wie ich am Tag. Er holte mich ein als ich Pause machte, auf einer Schotterstraße kam er auf dem Rennrad fluchend dahergekrochen. Als wieder Asfalt unter unseren Gummis war hängte ich mich in seinen Windschatten und wir sind zusammen nach Griechenland gefahren, wo sich kurz hinter der Grenze unsere Wege vorläufig wieder trennten, weil ich einen Abstecher nach Thessaloniki gemacht habe, eine Stadt voller junger Menschen, gestopft voll mit Autos, hohen Wohnhäusern, engen Straßen, und die Stadt mit der höchsten Café-Dichte der Welt. In fast jedem Haus ist unten ein Café, die meisten gut besucht, und abends verwandelt sich die Stadt in eine einzige Partymeile.

Vom griechichen Himmel in die türkische Verkehrshölle

Und somit kam ich endlich wieder ans Meer, habe mich in Griechenland von Strand zu Strand gehangelt. Vielerorts bevölkern die Bulgaren mit ihren Wohnmobilen die Strände und betreiben auf diese Weise sehr indiskretes Wildcamping, so dass es erst recht nicht stört, wenn ich mein Zelt hintern den Dünen aufschlage, wozu mich die Einheimischen auch immer ermunterten. An verlassenen Stränden mit glasklarem Wasser und weißem Sand, witzigen Begegnungen mit Anglern inklusive, zum Beispiel Sokratis, der in seinem Mercedes am Strand saß, mich herzlich zum Angeln einlud, irgendwann kam seine Freundin noch mit dazu. Er sagte immerzu "Jacop, Jacop, Jacop..." gefolgt von Fragen oder Ratschlägen, zum Beispiel ich müsse doch unbedingt nach Bulgarien, sehen wie die Menschen dort leben (mit Betonung auf leben). So oft habe ich meinen Namen noch nie in einer Woche gehört wie von ihm in einer Stunde. An der Küste ging es dann (im Nachhinein sehr gemütlich, doch damals habe ich noch nicht gewusst was mich in der Türkei erwartet) an vielen altertümlichen Ruinen vorbei in die Türkei, wo von der Grenze weg eine vierspurige schnurgerade Straße ca. 260 km nach Istanbul führt, ohne Rücksicht auf Berge einfach gerade über alles drübergepflastert. Wer braucht schon Kurven, wir machen die lieber in der Vertikalen. Also ordentlich Höhenmeter kurbeln...

Ab Tekirdag wird es dann unerträglich voll, der Seitenstreifen immer schmaler, der Verkehr immer dichter, die Bebauung hört ab Sivilri (ca. 60 km vor Istanbul) nicht mehr auf, und damit bin ich nun, 40 km vor Istanbul, eigentlich schon mitten drin, und muss mich nun noch einen Tag durch die Verkehrshölle quälen. Volle Konzentration, der kleinste Fehler könnte fatal sein, immer gleichzeitig nach vorne und in den Rückspiegel schauen. Ampeln? Nette Discobeleuchtung, mehr nicht. Einbahnstraßen? Pffff!

Es hilft, von zwei Dingen auszugehen (folgende Schilderungen enthalten Übertreibungen):

Erstens: Türkische Auto- und LKW-Fahrer sind wildgewordene Affen ohne Hirn und Verstand. Sie fahren wie die Henker, ausweichen auf die völlig freie Linke Spur ist unnötig, es sind ja noch 5 cm Platz zum Lenkerende. Es gibt 2 Strategien dagegen. Bei mäßig viel Verkehr hilft: In der Mitte der Spur fahren und somit ein deutliches Hindernis darstellen, das man bewusst überholen muss. Wird es doch knapp, hat man nach rechts noch Reserve. Bei viel Verkehr könnte das heikel werden, denn siehe "zweitens" unten. Dann hilft nur noch: fluchend ins Bankett zu flüchten oder eben versuchen, durch irgendwelche Seitengassen einen Weg zu finden. Dann mäandert man 20 Minuten durch Gassengewirr und Kopfsteinpflaster. Fragt man nach dem Weg, wird man eh nur wieder auf den "Ikvai" geschickt (hat mich ne Weile gekostet zu kapieren dass die "Highway" meinen), und meist kommt man automatisch nach spätestens 1 km wieder darauf.

Zweitens: Man ist völlig unsichtbar, und zwar für KFZ und Fußgänger gleichermaßen. Man muss lernen, bewusst und immer auf seine Vorfahrt zu verzichten. Autos kommen aus Seitenstraßen und biegen auf jeden Fall ohne zu bremsen ein. Ein beliebtes Manöver türkischer Fahrer ist übrigens: Überholen und praktisch gleichzeitg rechts abbiegen. Fußgänger rennen einem direkt vors Rad weil der Bus kommt. Den stärksten Verschleiß meiner Bremsbeläge habe ich nicht von den Pässen in Montenegro, sondern hier.

Dass man doch noch existiert merkt man dann am Gehupe. Ein kurzer Huper heißt: "Schau dass du weggkommst oder du bist platt", oder auch "Bleib wo du bist oder du bist platt". Was gemeint ist, muss situationsgerecht blitzschnell entschieden werden. Bei manchen Fahrern wird der Hupreflex verzögert ausgelöst, und zwar direkt wenn sie auf selber Höhe sind, also praktisch schon vorbei. Dann erschrickt man gleich doppelt. Viele Kurze Huper hintereinander heißen dann übrigens: "Hey, ist ja irre!  ein Radler, yeaah, willkommen in der Türkei". Nett gemeint, aber wenn man eh schon im Vollstress ist und tagelang durch diesen Lärm fährt, sind diese Grüße auf Dauer nervtötent.Man will einfach nur die Kilometer hinter sich bringen, aber sich zu motivieren fällt schwer. Und so machte ich eine etwas längere Übernachtung auf einem der seltenen Campingplätze, und wahrscheinlich dem einzigen mit Windsurfverleih, und bin mittags noch 2 Stunden surfen gewesen, leider bei etwas ablandigem Wind, was ihn durch die Küstenbebauung sehr turbulent machte. Und so kam ich mir zwischendrin vor wie der erste Mensch und hatte in den Böen der Stärke 5 selbst mit einem 4qm Segel und Trapez Mühe und spielte manchmal menschliches Katapult mit der Surfausrüstung. Der Baywatch mit seinem Jetski war zum Glück immer in der Nähe. Allerdings ist das Marmarameer wirklich das dreckigste Meer das ich je sah, eine stinkende, trübe, veralgte Brühe, und wenn man aus dem Wasser kommt sieht man aus wie ein Weihnachtsbaum mit grünem Lametta, bäh.
Am Nachmittag wollte ich dann noch etwas näher nach Istanbul kommen um das schlimmste Ende nicht zu müde zu meistern und fuhr noch ein Stück weiter. Leider kam kein Campingplatz mehr und auch Herbergen konnte ich keine erkennen, und so fragte ich mal wieder Leute, wo ich denn schlafen könnte.

Und dann geschah der erste Raub. Es war ca 3 km von hier entfernt. Es ist nicht viel passiert, der Typ hat mein Bargeld was ich in meinem kleinen Geldbeutel hatte erbeutet, das waren 10 türk. Lira und 1000 albanische LEK mit denen ich eh nichts mehr anfangen konnte, zusammen ca. 12 Euro. Es war auch kein konventioneller Raub, ich kannte den Täter schon ca. 1 Stunde, er hat mir einen Platz am Meer gezeigt, unterhalb von seinem Wohnhaus, und habe mit ihm am Meer gesessen und ein Bierchen mit ihm getrunken. Ich merkte dann, dass vermutlich der Alkohol auch eine Rolle gespielt haben könnte, und große Augen seinerseits, er wurde auf einmal sehr neidisch,  hat sich an meinem Geldbeutel vergriffen und ihn mir weggenommen, weil er schon wusste dass er in der Lenkertasche ist (hatte ihn zum Bezahlen rausgenommen gehabt und dann wieder reingesteckt). Die Kamera hatte er auch schon in der Hand aber wohl nicht kapiert was das ist, da sie in ihrer Tasche drin war. Er wollte den Geldbeutel nicht wieder hergeben und dann dachte ich, ok ich nehm mein Rad und gebe mir die Sporen, bevor irgendetwas weiter passiert. Es wär ein Leichtes gewesen für die Polizei, den ausfindig zu machen, ich habe auch gesehen, mit welchen Leuten er geredet hatte, die ihn kannten und ich kannte sogar auch seinen Namen, aber ich wollte einfach nur noch n Platz für die Nacht, es war schon fast dunkel, und hatte einfach keine Lust auf irgendeinen weiteren Stress, wegen so nem lächerlichen Betrag. was mich halt nervt ist dass er damit durchgekommen ist und für seine dummdreiste Scheiße nicht bestraft wird. Da es mittlerweile dunkel war bin ich ca. 2 km weitergefahren und hab ich mich zu einem einigermaßen bezahlbaren Hotel durchgefragt, das ist trotz der dichten Besiedelung hier nicht so einfach.
Als ich mir die Sache noch ein paar mal durch den Kopf gehen ließ und analysierte sind mir doch einige Dinge aufgefallen. Zuerstmal: Tatsächlich war es nicht so, dass ICH IHN angesprochen hatte. Ich hatte jemand anderen angesprochen, und er kam dann dazu, die ursprüngliche Person verabschiedete sich dann. Zweitens: Ich hatte bei ihm schon irgendwie ein seltsames Gefühl. Warum wollte er immer wieder wissen wie viel mein Fahrrad gekostet hat (worauf ich ihn anlog, ich wüsste es nicht da ich es mir nur ausgeliehen habe, aber es ist nicht viel)? Er hat sich sehr für den Inhalt meines Geldbeutels interessiert. Warum immer die Frage warum ich nicht in ein Hotel ginge, ich hätte doch Geld. Vielleicht dachte er auch, die 1000 albanischen Lek wären Lira (und damit das 50-fache wert). Und noch ein kleines Detail: Allein die Art wie er ging war mir schon seltsam aufgefallen. Und das dachte ich mir NICHT erst hinterher. Es ist aber schon unglaublich wie so etwas, ein astreines Vorurteil, einem doch intuitiv viel über einen Menschen aussagen mag. In der Situation selbst sagt man sich aber: Ja was denn, es ist halt sein Gang, warum sollte ich ihn darüber urteilen? In Zukunft werde ich soetwas wohl doch mehr Beachtung schenken, ob ich will oder nicht.


Leider habe ich von der Türkei dieses mal dadurch einen eher negativen Eindruck. Wenn ich nicht wüsste, dass sie auch anders ist, nämlich mit sehr netten Menschen und tollen Landschaften, würde ich direkt umkehren. Aber so bekommt der asiatische Teil auf jeden Fall seine verdiente Chance.

29.6.15

Ein kurzer Nachtrag: Ich habe es geschafft! Befinde mich derzeit in Asien :-), im anatolischen Teil Istanbuls, bei meinen äußerst netten Gastgebern. Und Istanbul ist toll!

der Sauseonkel

 

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