(sorry, I felt like writing this in German, check by another time or meanwhile enjoy the pictures, I might do some translation if I find time)

Nachdem ich mir tagelang überlegt habe, ob ich dieses Land lieben oder hassen soll, präsentiert sich Armenien auf den letzten Kilometern nochmal von seiner Schokoladenseite. Und ich muss mir eingestehen: Warum sollte ich dieses Land hassen? Es hat mir nichts getan, im Gegenteil. Ich ging nur von meiner Stimmung aus. Runtergezogen von Lebensmittelvergiftung, nasskaltem Wetter und der aus dieser Interaktion hervorgerufenen Erkältung war ich sauer, kraftlos, müde und arrogant geworden. Dabei habe ich mich vielleicht nicht so auf die Leute eingelassen wie sonst. Vielleicht gibt es hier auch mehr Leute als bisher die die Mundwinkel und Zähne nicht auseinander bekommen wenn man sie grüßt oder anspricht, doch gibt es auch derer, die einen heftig und lachend zu sich heranwinken, herzerwärmend viele. Armenien, es tut mir leid, ich habe dir Unrecht getan.
Vor ein paar Kilometern bin ich an einem Haus vorbei gefahren und zum Essen eingeladen worden, das gerade fertig war. Der Opa fand das VW-Emblem, das ich in Georgien am Straßenrand fand und meinem Fahrrad verpasste um ihm als Auto getarnt mehr Respekt zu verschaffen, so toll, dass ich es ihm schenkte. Er hat sich gefreut wie ein Schneekönig, mich abgeknutscht und mir einen Rubel aus Sowjetzeiten mit Lenin drauf dafür gegeben. Eine Stunde später baute ich mitten in der Stadt Meghri auf dem Sportplatz mein Zelt auf (nach der Regel "zelte so dass dich entweder niemand sieht, oder alle" sehen mich heute alle!), umringt von einem uralten Mann und 5 Jugendlichen, die total begeistert waren, mit dem Zelt halfen, und mir mit einer Engelsgeduld klar gemacht haben, dass sie mir morgen früh etwas zu essen bringen und mir das Kloster zeigen werden. Wo in Europa ist so etwas möglich?
Aber der Reihe nach:


In der Hitze nach Yerevan

So einige Male habe ich mir gedacht: "Alter ist das heiß hier!" als ich von Tbilisi aufgebrochen bin, mitten durch die Pampa, weil die Hauptstraße einfach nur ätzend ist. Später in Yerevan traf ich 3 Reiseradler aus dem Oberallgäu, die in die Gegenrichtung unterwegs sind, also "heimradeln" (facebook.com/heimradeln), und die erzählten mir dann von der zu erwartenden Hitze in Iran und Turkmenistan, wo das mal noch locker 15 Grad mehr sind. Wie soll ich denn das nur durchstehen? Bei 50 Grad im Schatten, aber in welchem Schatten? Egal - nicht dran denken - noch bin ich ja in Georgien: Meine Piste von Tbilisi durch die Distelfelder wurde immer schmaler, irgendwann fuhr ich nur noch wahllos durch die kurzgefressenen Weiden, grob nach Himmelsrichtung, das ging ganz gut, und irgendwo bei Marneuli kam dann auch wieder eine Straße.

Meine letzte Nacht in Georgien zeltete ich auf einer Weide, wo ich die vielen Früchte aß, die mir nette Jungs auf der Straße schenkten. Unter anderem war da eine längliche Gelbe, sie nannten sie "Granat", und war mit flachen Samen gefüllt, von denen man den süßen roten Schleim lutscht und dann ausspuckt. Ich musste mir das vormachen lassen, denn sonst hätte ich auch die gelbe Frucht und die Samen gekaut, die aber nicht so schmackhaft sind. Am nächsten Morgen ging es über den Grenzfluss Debed nach Armenien. Ein neues Land, ein neues Prickeln. Viele neue Eindrücke. Auf einmal ist alles viel ärmer, die Häuser sind komplett runtergekommen, und es ging nur noch bergauf, durch den Debed Canyon, wo ich eine Nacht in Ermangelung an anderen Plätzen zwischen Straße und Bahngleis mein Zelt aufschlug. Es kam jemand vorbei und schenkte mir eine Handvoll Kornelkirschen. Am nächsten Morgen schaffte ich es früh aufzustehen um möglichst im Kühlen weiter bergauf nach Varnadzor zu kommen. Die Hitze kam schneller, aber zum Glück hat es überall an der Straße frisches kaltes Quellwasser, wo ich mein Hemd jeweils in Wasser tränkte und den Kopf abkühlen konnte. Über gutes, kostenloses Trinkwasser muss man sich in den Bergen zum Glück keine Sorgen machen. Auch das wird sich ab dem Iran vermutlich ändern. Im Schritttempo ging es den ganzen Tag weiter bis auf den 2000 m hohen Pambak-Pass. Aber erstaunlicherweise ging es auf der anderen Seite nicht bergab, sondern auf einem wunderbaren Hochplateau 20 km um den heiligen Aragats herum. Eine unendliche Weite tat sich auf, und die Dörfer sind komplett aus rotem Porphyr gebaut. Das sieht sehr schön aus, und zelten kann man hier auf Quadratkilometern ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Wahnsinn. Von dort waren es noch 60 km bis Yerevan, und die ging es in einem perfekten Gefälle bergab. Entgegen der Anweisung auf dem Straßenschild habe ich also einen großen Gang eingelegt und cruiste locker mit 30 km/h dahin.


Yerevan

In Yerevan war dannn auf einmal alles ganz anders. Eine sehr schicke Stadt, große Steingebäude, viele aus Porphyr (Yerevan hat dadurch den Beinamen "Pink City"), breite Boulevards, von jedem tolle Sichtachsen auf irgendein Monument, die Mutter Armeniens, das Opernhaus, den Fernsehturm. Ganz in russischem Stil. Also irgendwie ganz anders als Tbilisi, wo sich enge kurvige Straßen in der Altstadt um kleine Holzhäuser winden. Geht man ein bisschen aus dem Zentrum, über den perfekt kreisrunden Ringboulevard, findet man die Plattenbauten, die auch teilweise mit den schönen Porphyrplatten verkleidet sind. Aber mit dieser Stadt bin ich nicht warm geworden. Ich hab mich ständig verlaufen, die Boulevards sind alle riesig und sehen gleich aus, und laufen nicht parrallel oder orthogonal, sondern kreuzen sich in unmöglichen Winkeln. oder sind sogar gebogen! Ich bin viele Extrameter gelaufen. Und in dieser Stadt findet man wirklich gar nichts! Während man im Rest Armeniens an wirklich jeder Straßenecke Wassermelonen kaufen kann, musste ich hier fast eine Stunde herumirren. Ich fand dann zwei Kilometer vom Hostel entfernt eine Straße mit 20 Obstläden. Ein Bücherladen? Gestern bin ich noch an 20 vorbeigekommen, irgendwo im Süden der Stadt, aber ich wohne im Norden. Wo ist der Sinn? Eine Landkarte von Armenien? Nee, haben wir nicht. Das einzige was in Hülle und Fülle vorhanden ist sind Banken.
Ich habe mir das Manuskriptenmuseum angesehen, eine Sammlung von uralten Büchern, hauptsächlich Biblen und Evangelien aus alten armenischen Klöstern, aber auch einige wenige andere Bücher, und einige Belege aus der Ottoman Herrschaft über die Verteilung des Besitzes vertriebener, deportierter und getöteter Armenier von vor 100 Jahren. Ja, der Frust darüber sitzt tief in der Öffentlichkeit, habe ich den Eindruck. Gerade jetzt zum 100. Jahrestages des Genozids sind überall in der Stadt Plakate und Banner zu finden, neben einigen ständigen Austellungen und Museen, wie auf dem Berg mit dem Völkermord-Mahnmal, wo ein recht neues Museum über die Zeit im Ottoman-Reich und den Völkermord informiert. Sehr sehenswert - trotzdem habe ich das Gefühl dass die Opferrolle  etwas ausgekostet wird und das Museum ist natürlich subjektiv.
Auf dem Rückweg vom Museumsberg traf ich einen Ami und einen Spanier in meinem Alter. Am Abend waren wir dann noch in einer Disco, das erste Mal auf meiner Reise, das muss ich jetzt noch mitnehmen, dachte ich. Denn bis Bishkek wird das wahrscheinlich auch das letzte mal gewesen sein, so mit tanzen und trinken und so.  Naja, irgendwie habe ich das Gefühl dass ich langsam aus dem Alter raus bin, da drin habe ich mich auf jeden Fall nicht so super wohl gefühlt und musste mich erstmal ordentlich warm trinken. Zum Glück war der Spanier sehr spendabel.
Meinen letzten Abend in Yerevan verbrachte ich im Hostel. Victoire checkte auch dort ein (sie habe ich in Trabzon vor dem Iran-Konsulat kennengelernt), und sie hat mir die übelsten Geschichten erzählt von Armenischen Hirten, die mitten im Nirgendwo (sie wanderte über die Berge nach Yerevan) auftauchten und sie zum Teil zwei Stunden in ihrem Zelt! belästigten und zum Sex überreden wollten. Im Hostel waren auch zwei Iraner, und wir redeten die ganze Nacht über alles mögliche, und ich hatte danach wieder einen Grund mehr mich auf den Iran zu freuen.



Durch Höhen und Tiefen, in jeder Hinsicht

 
Von Yerevan führt eine gerade flache Straße nach Süden bis an die Grenze von Azerbaichan, von wo aus man nach Osten in die Berge abbiegt. Bis dahin ist die Straße gesäumt von Obstständen, und viele Verkäufer verbringen die Nacht bei ihrem Obst in einem Art Bauwagen oder unter freiem Himmel. Ein Stand war leer, nur ein paar Äpfel zeugten noch von seiner Identität. Und der "Obstnachbar" sagte, ich könnte dort schlafen - bewacht vom erhabenen Ararat, der sich aus der Ebene von Yerevan mit mehr als 4000 hm erhebt.

 

Nach dem Frühstück dauerte es nicht lange, bis zwei Männer hinter einem Haufen von Wassermelonen hervorriefen. Auf ihrem Feldbett saß schon ein Koreaner, den sie ebenfalls von der Straße abfingen, und mümmelte Wassermelone. Kurze Zeit später kam noch ein Chinese vorbei. Ein internationaler Reiseradlertreff, dieser Melonenhaufen. Mit dem Chinesen radelte ich dann weiter bis nach Yeghegnadzor - er ist auch auf dem Weg in den Iran. Auf dem Weg nach oben mussten wir noch jeweils eine Wassermelone eines anderen Obstverkäufers einstecken. Wir versuchten ihn noch auf insgesamt eine herunterzuhandeln. Aber nein, er ging extra noch aufs Feld, um frische Wassermelonen zu ernten. Für jeden eine. Darauf bestand er. Das Problem war also nicht nur, sie den Pass hoch zu schleppen. Das Gewicht wollten wir auch wieder loswerden. Und so aßen wir und aßen wir. Und mir war schon etwas flau im Magen als ich beschloss, da muss doch noch was richtiges drauf - und so aßen wir noch einen Wrap eines Straßenverkaufs. Mir war gar nicht gut und ich ruhte mich lange aus, aber irgendwie wollte ich auf jeden FAll noch aus dem Ort raus bevor es dunkel wurde, und auch weil ich nicht ewig auf mich warten lassen wollte fuhren wir letztenendes doch weiter - und 100 m später landete mein ganzer Mageninhalt auf der Straße. Ich gönnte mir daraufhin eine kleine Taxifahrt von 70 km bis nach Sissian, für ca. 6 €, und ich habe immer noch das Gefühl zuviel bezahlt zu haben. Der arme Chinese - erst wartet er ewig auf mich und dann lass ich ihn stehn und nehme das Taxi - aber er wollte nicht mitfahren.
Bei Sissian steht das Zoratskar, das Stonehenge Armeniens- es ist sogar noch etwas älter und das wollte ich mir natürlich ansehen. An der Abzweigung der Nebenstraße die dorthin führt ließ ich mich absetzen. Es regnete und es war kalt und dunkel. Mein Magen war leer und wollte auch nicht gefüllt werden. An einem Bistro an der Strasse fragte ich ob ich übernachten kann. Sie wiesen mir grossmütig einen Platz neben dem Haus zu. Unter einem Tresen im Dreck direkt an der Straße, wo die ganze Nacht die iranischen Tanklaster vorbeibrettern. Besser als das Zelt noch aufzubauen, dachte ich mir und gab mich zufrieden. Ich baute eine kleine Höhle aus Fahrradtasche und Zeltplane, wie wir es als Kinder mit Decken unter dem Esstisch immer gemacht haben, und kroch in meinen Schlafsack. Von Bauchschmerzen, Lärm und Übelkeit geplagt fand ich wenig Schlaf und konnte mich am nächsten Morgen nicht aus dem Schlafsack in die nasskalte Welt da draußen quälen. Um 11 war dann aber wohl Checkout time - ich wurde gebeten zu verschwinden. Ich erklärte meine Not ohne Erfolg, und fühlte mich daraufhin wie ein Penner, ganz tief unten. Frierend, krank, ungewollt. Die Nebenstraße zum Zoratskar war eine Schlammpiste die nach 300 m die Reifen so zustollte dass sie blockierten. Ich ließ das Rad stehen und ging den Rest zu Fuß. Feste Nahrung hatte ich immer noch nicht zu mir genommen, und die Nacht bei 5 Grad auf 2000m Höhe hat mich noch vollkommen ausgezehrt. Aber ich wollte weiter. Und so fuhr ich durch den Nebel weiter nach oben. Da endlich - der Pass, und kurz darauf eine Tankstelle mit einem kleinen Bistro. Mir gings wieder etwas besser, aber schwach war ich immer noch und gefroren habe ich auch. Als ich die warme Stube betrat, lud mich ein netter Herr zum Kaffee ein und kaufte mir eine Tafel Schokolade und Salzstangen. Er steckte mir dann noch das Rückgeld in die Tasche. Bin ich also doch wirklich schon zum Penner geworden? Sehe ich so runtergekommen aus? Ich nahm die Abzweigung zum Kloster Tatev - die nächste Sehenswürdigkeit auf meiner Liste. In Halidzor zeltete ich nach heute nur 35 km wieder einmal auf einer Weide. Die ganze Gegend hier ist dermassen überweidet dass zum Teil kein einziger Grashalm mehr steht. Dafür muss man suchen ob sich irgendwo noch 3 qm ohne Scheiße für das Zelt befinden. Trockene Scheiße kann man normalerweise mit dem Fuß wegkicken - wenn es aber 2 Tage regnet, durchmischt sich eh alles zu einem Matsch und man wählt ob man lieber in Kuh- oder Schafscheiße schläft.
Von Halidzor aus gibt es zwei Möglichkeiten zum Kloster zu gelangen: Man nimmt entweder die 5,6 km lange Seilbahn, oder man fährt 600 hm bergab und auf der anderen Seite der Schlucht wieder hoch. Weil mit Fahrrad der doppelte Preis fällig geworden wäre, ich nur am Abend hätte befördert weren können, und weil ich das beides nicht einsah, nahm ich von Möglichkeit 2 Gebrauch. Ja, mir ging es schon wieder besser, das Essen blieb drin, und auf halbem Weg nach oben lud mich eine nette Familie zu ihrem Kofferraumpicknick ein. Es ist schon seltsam - auf der einen Seite hat Armenien diese unglaublich netten Leute, und auf der anderen Seite so viele Menschen die man nach dem Weg fragt, oder in einem Laden nach einem Produkt, und man wird mit einem langsamen Kopfschütteln und einem finsteren Blick eingeeist. Fremdenscheu und Gastfreundschaft sind hier ganz eng beisammen. Wobei schönerweise die Menschen, die winken und lachen in der Überzahl sind. Ganz grosse Klasse sind dabei die Kinder, sie rennen neben und hinter einem her und rufen: "Hello, what's your name?" und "How are you?", zwei Phrasen, die alle können, deren Bedeutung aber oft unbekannt ist, wie sich schnell herausstellt wenn man sie beantwortet und erwidert. Englisch kann außerhalb von Yerevan kaum einer, da muss man schon Glück haben. Aber oft ist es mit Sprachbarriere umso witziger. Ich bin mittlerweile Pantomimenweltmeiser. Manche können auch ein paar Brocken Deutsch. Hitler kaputt! hörte ich schon ein paar mal, als klar war, woher ich komme.

Von Tatev führt die Nebenstrecke über einen weiteren 2200 m hohen Pass und einsame Dörfer nach Kapan, wo sie wieder auf die Hauptstrecke Iran-Yerevan trifft. Bis dahin begegnen einem nicht viele Autos. In den Dörfern bekam ich jeweils ein paar frisch gepflückte Äpfel geschenkt, aber nicht ohne Hoffnung und die Bitte dass ich doch ein Mädel aus dem Dorf heirate und mit nach Deutschland nehme. Hier, die ist gut! Man will raus hier. Und wenn man sich die Dörfer so ansieht versteht man auch warum. Die einzige Einkommensquelle scheint die Rinder- und Schafzucht zu sein. Wenn aber jeder mehr Schafe hält als die Weiden erlauben, geht das schnell nach hinten los.  Die Tragik der Allmende.

Von Kapan muss man nochmal 40 km bergauf fahren. Von 800 auf 2500 m, der letzte Anstieg vor dem Iran. Nun sind es noch 15 km bis zur Grenze. Ich freue mich nun schon so lange darauf, und habe doch so Bammel wie vor keinem anderen Land bisher. Wie wird es werden? Wie komme ich zurecht? Wird alles funktionieren? Bekomme ich in Teheran die weiteren Visa die ich unbedingt brauche um nach Kirgistan zu kommen? Ich bin sehr gespannt.

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