Turkmenistan oder 4 1/2 Tage Zeit für 500 km.

Von der islamischen Republik in die suppresive Diktatur.

Die Turkmenische Wüste sollte mit 50°C, Wind und Trockenheit alles abverlangen. Das habe ich von anderen Radlern, die mir im Iran entgegenkamen, gelernt. Das hatte ich im Hinterkopf, als ich am Grenzzaun entlang fuhr. Die iranischen Grenzbeamten verabschiedeten mich freundlich, und die Turkmenen empfingen mich mit ernster Mine. Ich musste zum "Doktor", Fieber messen lassen und ein paar dämliche Fragen beantworten, dann durfe ich eine Weile das große Proträt des Führers an der Wand ansehen, bis sich irgendjemand mal mein kleines im Pass ansehen wollte. Das Gepäck wurde durchleuchtet und nach ganzen 40 Minuten - andere haben schonmal 5 Stunden gebraucht um einzureisen - fuhr ich bei 12°C aus dem Grenzhäuschen und zog meine Jacke den ganzen Tag nicht mehr aus. Wegen der 1,5 h Zeitverschiebung war es aber schon fast wieder Mittag.  Ich vergewisserte mich zum 5. Mal mit einem Blick auf das Visum: Ja, 14. bis 18. Oktober.



Von Straßen und Menschen

Was mir eher alles abverlangte, war der ständige Wechsel aus übler Schotterpiste und akzeptablem Asfalt sowie der Gegenwind vom ersten Kilometer an. Selbst die Kieslaster fuhren nicht schneller als ich (ich nehme aber an, eher wegen der Schlaglöcher als wegen des Windes) . Als mir gegen Abend einer anbot, mich ein paar Kilometer mitzunehmen, lehnte ich trotzdem nicht ab, denn so fand ich den Schlaf im Führerhäuschen, den ich in der Nacht zuvor beim roten Halbmond büßen musste. Bei einer Reifenwerkstatt setzte er mich wieder ab, es war mittlerweile dunkel. In dem winzigen Kabuff stand ein Generator und eine Liege, die mir für die Nacht angeboten wurde. Die Mechaniker waren super nett. So durfte ich noch von der ersten richtig schmackhaften Suppe seit ich Armenien verließ (ja, die persiche Küche ist wirklich nicht berühmt) essen. Und ich musste, kaum aus dem Iran draußen, gleich schon wieder Vodka trinken. Ein Kunde der den ganzen Kofferraum voller überreifer Erdbeeren hatte überreichte mir eine kleine Schale. Ich konnte gerade eine davon probieren, denn aus der Dunkelheit kamen wie aus dem Nichts zwei Mädchen, setzten sich kurz zu mir und aßen alle auf, während sie mich scheulos anflirteten und -fassten. Nach 7 Wochen Iran, in dem ein Händedruck einer Frau das höchste der Gefühle ist - selbst meine Gastmama bei der ich 8 Tage zu Besuch war reichte mir zum Abschied nicht mal die Hand - überforderte mich das etwas. Dann verschwanden sie wieder und winkten mir noch kichernd zu.  Ich rechnete damit, dass auch der letzte Mechaniker irgendwann nach Hause ging, doch die ganze Nacht kamen Kunden mit Plattreifen an, und immer wieder fielen Schraubenschlüssel (kling klong) auf den Estrich oder der Generator (brrrrrm) wurde angeworfen. Die vielen Fliegen (bsssss) gaben mir den Rest. Wieder eine schlaflose Nacht. Um 6 Uhr morgens machte ich im Morgengrauen einen Kaffee für uns beide und teilte mein Brot und meine Schokolade. Dann verabschiedete ich mich und fuhr der aufgehenden Sonne entgegen weiter nach Mary. Die Stadt ist eine lose Ansammlung an modernen Prunkbauten mit Gold und Marmor. Museen, Moscheen, Ämter, alles übertrieben groß und schön und mit perfekten Grünanlagen und viel Platz umgeben. Vor jedem Gebäude und ungelogen an jeder Straßenecke steht mindestens ein Polizist. Dazwischen fegen Frauen jeglichen Alters in bunten Kleidern im Abstand von 400 m die auch in der Rush Hour leeren Boulevards. Ansonsten bilden perfekt gekleidete Menschen das Straßenbild. Männer und Schuljungen im Anzug, Frauen in langen bunten Kleidern und Schülerinnen in bodenlangen grünen Kleidern und zwei Seitenzöpfen. Eine Stadt mit dem Flair von Plastikkitsch. Aufgrund der vielen Polizisten und offiziellen Gebäude war es mir praktisch nicht möglich ein Foto der Stadt zu machen, und von den Menschen habe ich mich nicht getraut. Sie sahen so aus als ob sie zum Lächeln in den Keller müssen.  In Bayramali tauschte ich auf einer Bank 15 Dollar ein. 52 Manat bekam ich dafür, die Schwarzhändlerin davor wollte mir gerade einmal 27 geben. Endlich wieder vernünftiges Geld, 6 Scheine und ein paar Münzen. Das sollte für die nächsten 4 Tage reichen. Ich hatte noch Nudeln, Linsen, Käse, Datteln und Kekse aus dem Iran und musste hauptsächlich Wasser und Brot kaufen, und das war billig - jeweils 1 Manat. Nach Bayramali gehen die Baumwollfelder langsam in Sanddünen über, bis man irgendwann mitten durch die Wüste fährt. Sanddünen links und rechts von der Straße, aufgestellte Strohmatten sollen den Sand davon abhalten auf die Straße geweht zu werden. Nach 130 km schlug ich mein Zelt in einer Senke zwischen den Dünen auf, 30 m neben der Straße aber außer Sichtweite. Ich kochte das erste mal seit 2 Monaten wieder auf einem Feuer, ein toter Busch gab genug Brennstoff her. Und das erste Mal seit 2 Monaten konnte ich mir sicher sein dass ich mal wieder ungestört und alleine war. Als ich im Schlafsack lag fing es an zu regnen. Hallo? Wo bin ich denn? Diese Einsamkeit in der "Wüste" war nach der langen Socialising-Phase im Iran dermaßen erholsam und beeindruckend dass ich mir wünschte, die "Wüste" wäre etwas länger als nur 2 Tage. Der Wunsch ging am nächsten Tag prompt in Erfüllung, denn an der Versorgungsstation Repetek vergaß ich bei der Mittagspause mein Handy an der Steckdose und durfte nochmal 30 km zurück fahren. Am Abend war ich wieder da wo ich umgedreht war, von dort waren es dann noch 40 km bis nach Turkmenabat bzw. 90 km bis zur Grenze. Ich zeltete abermals zwischen den Dünen, abermals regnete es in der Nacht und da ich noch 2 Tage für 90 km Zeit hatte, wartete ich morgens den Regen ab und trank ein paar Kaffee im Schlafsack. Ich näherte mich der Grenze bis auf 10 Kilometer, wo an der letzten Abzweigung ein paar kaputte LKW vor einer Art Restaurant standen. Es war kalt und regnete schon wieder und ich sehnte mich nur nach einer heißen Dusche und vielleicht einer Möglichkeit zu übernachten ohne wieder mein Zelt auspacken zu müssen. Ich blickte wohl etwas auffällig hin, denn da winkte mich schon die Köchin heran. In einem ansonsten leeren Zimmer lagen ein paar Decken und eine Matte auf einem Teppich, und für 10 Manat durften ich und mein Fahrrad dort schlafen, eine heiße Dusche gab es auch noch und die Köchin machte mir sogar noch etwas Essen warm und brachte mir morgens einen Kaffee und Kekse ins Zimmer. Super nett!
Am 5. und letzten Tag meines Visums rollte ich morgens ans Tor.
Die Turkmenischen Beamten der Ausreise nahmen sich zu zweit alle Zeit der Welt, jedes Döschen meines Gepäcks zu inspizieren, und forderten ein Lied auf der Ukulele. Dann durfte ich die Rampe nach Usbekistan hinunter rollen.

 

Uzbekistan


Wieder ein "Doktor", wieder Fieber messen. Vor was haben diese Länder Angst? Als der Zöllner erfuhr dass ich nach Kirgisistan will, sagte er, dort gäbe es viele Arschlöcher. Warum- fragte ich. Einen Grund nannte er nicht. Ob ich Arschlöcher mag, fragte er. Nein, sagte ich, wer mag schon Arschlöcher? Ich mag Arschlöcher, sagte der Zöllner mit einem breiten Grinsen. "Asshole very good!"
Es folgten weitere niedrige und unlustige Witzchen, er versuchte einen auf Kumpel zu machen und dann kamen wir endlich zur Sache. Er forderte meine Medizin und sah sich jede Pille genau an. Einige wurden dem Kollegen gereicht der dann im Computer nochmal recherchierte was das denn ist. "Give me your phone" sagte er schließlich. "You have sexy girls, Porn?". Als ich verneinte sagte fragte er "Why not? Why no Porn?" und durchsuchte sämtliche Photoalben auf meinem Telefon. Ich sah ihm an, dass er sich von einem schon lange alleinreisenden Mann anderes erhofft hatte, aber fündig wurde er nicht. Arschlöcher in Kirgisistan hin oder her - Dieser Typ war das bisher größte, linkische Grenzarschloch auf meiner Reise. Abermals war es fast Mittag, bis ich wieder frei und in einem neuen Land war.

 

Von Menschen...


Auch in Usbekistan sind die Menschen sehr willkommend und nett, und manche Menschen feiern einen wenn sie mit dem Auto vorbei fahren. Wenn sie einem die Hand geben, passiert genau das aber nichts weiter. Den ersten beiden hätte ich  fast die Hand zerquetscht, danach merkte ich mir dass man die Hand weder drückt noch schüttelt. Sie wird nur schlaff an die schlaffe Hand des gegenübers gelegt.
Was sonst auffällt ist, dass niemand mit Zahnlücken herumläuft. Zahnersatz scheint sich hier jeder leisten zu können, Wer Zähne einbüßen musste, läuft mit Gold herum, und aus manch einem Gesicht lacht eine die gesamte Reihe Beißer in Gold an, das sieht sehr eindrücklich aus. Nach 2 Wochen nachdenken auf dem Rad fand ich die Formel heraus: Wenn ein Mensch n Koldkronen hat, ist er 25+n+n^1.3 Jahre alt. Frauen tragen ihr Kopftuch wie ein Pirat, und Männer tragen traditionelle viereckige Kappen.

Mitten im Touri-Land


Bis Bukhara waren es noch 95 km. Und dass diese Stadt einen "Namen" hat war mir nicht klar. Auf meiner Landkarte sah ich zwar ein Unesco-Logo, aber dass sich hier die bisher größte Ansammlang an antiken Koranschulen, Moscheen und Citadellen befindet wusste ich erst, als ich in der Dämmerung an ihnen vorbei rollte. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus denn es nahm kein Ende. All diese wundervollen Bauten mussten vor nicht allzu langer Zeit aufwändig restauriert worden sein, denn sie sahen aus wie aus dem Ei gepellt. Das zweite was mir auffiel waren Touristen. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Man hörte überall Deutsch, Französisch - und Händler die einem auf Englisch irgend einen Touri-Souvenirkitsch andrehen wollen. Anscheinend gibt es wirklich genug Leute, die diesen Müll kaufen. Alle 10 Meter zischt es "Change Money, Sir? Dollar, Euro?" oder "Taxi Taxi, Sir?" - Alter, ich hab ein Fahrrad! Bist du blind?

Ich bin nicht mehr im Iran. Die Parks sind menschenleer und runtergekommen, die Straßen unbelebt, und es gibt viele Menschen die versuchen einen übers Ohr zu hauen, manchmal mit Erfolg. Hier kennt man besser die Preise. Im Iran konnte ich ohne die Preise zu wissen immer irgendeinen Geldschein reichen und bekam das korrekte Wechselgeld. Das macht man hier besser nicht. Anstatt voller Restaurants, fröhlicher Leute und grellbunter Saftbars finde ich hier triste Spelunken und dunkle Gestalten. Der Tee ist nicht mehr schwarz, sondern grün. Ich fragte mich zum billigsten Hotel durch. Wo es viele Touristen gibt, gibt es auch immer günstige Hostels, für die Backpacker.
Das sympatische, familiengeführte B&B Malikjon war genau das richtige für mich. Bett im Dormitory inklusive Frühstück für 10 $. Außerdem durfte ich die Küche benutzen. Im Innenhof stand mein Traum-Reiserad: Das Silkroad von ToutTerrain. Der Besitzer Johann, ein Schweizer, hat ein paar Tage vor mir Turkmenistan durchquert und erholt sich auch hier.
Das historische Zentrum Bukharas ist zwar pittoresk, wird aber nur von Touris und Schleppern besiedelt und wirkt wenig authentisch. Geht man 2 km raus, in die moderne Peripherie, ist es zwar nicht mehr fotogen, doch wird man hier wieder wie ein Mensch behandelt. Ein Ladenbesitzer verließ sein Geschäft um mir ein anderes zu zeigen wo ich fand was ich suchte.

Wenn man Geld wechseln will, geht man am besten zu den Schwarzwechslern, die überall herumlungern, denn bei ihnen bekommt man doppelt so viel wie auf der Bank. Dort wechselt demnach niemand. Man erkennt sie an den Plastiktüten mit den quaderförmigen Ausbeulungen der Geldbündel. Der größte Geldschein ist weniger wert als 1 €, man bekommt ihn aber nur auf Nachfrage, denn damit wird gegeizt. Der zweitgrößte hat den Wert von 17 cent. Ich verhandle hart, die Größe der Banknoten ist ein Argument. Beachtet man das nicht, bekommt man ein Kilogramm Banknoten für eine Euronote. Das ist völlig lächerlich. Selbst die Brothändler sind nur mit Geldzählen beschäftigt. Wer es sich leisten kann, hat eine Geldscheinzählmaschine.

 

Beschleunigt weiter: Abkürzung mit dem Zug


Ich blieb drei Nächte, dann fuhr ich zusammen mit Johann und dem Zug die etwa 250 km nach Samarkand. Das Flachland Usbekistans ist zu langweilig, um hier in der Kälte radelnd Zeit zu verbringen. Zersiedelung und Baumwollfelder statt Kultur und Natur. Die Zeit spare ich mir lieber für Kirgistan auf, denn es sind nicht mal mehr 3 Wochen bis ich in Bishkek sein muss. Total verrückt wie die Zeit vergeht. 5 Monde bin ich nun schon unterwegs und manchmal habe ich das Gefühl dass ich gar nicht weit gefahren bin in der Zeit, doch es sind nun schon fast 9000 km seit meinem ersten Tritt in die Pedale in Wien.
In Samarkand war vor ca 500 Jahren Timur (aka Tamerlane) zu Hause, der größenwahnsinnige Erorberer und Nationalheld. Er hat die tollkühnsten und großartigsten Moscheen in Samarkand in Auftrag gegeben. Architekten starben, weil ihm die Torbögen dann immernoch zu niedrig waren, als er von einem seiner Feldzüge kam, auf denen er Millionen von Toten hinterließ, alleine in Indien waren es 5 Millionen. Tatsächlich stehen hier immer noch bzw. wieder die atemberaubendsten antiken islamischen Bauten herum, die ich auf meiner Reise sehen durfte: Der Registon Platz, die Bibi Khanom Moschee, und die Ansammlung von Mausoleen für seine Verwandschaft und den halben Hofstaat. Was macht einen so brutalen und psychopathischen Menschen zum Held? Seine eigenen Monumente? Seine Brutalität? oder sein Erfolg? Hitler wird ja auch von einigen vielen ikonisiert, er hinterließ aber keine Monumente und hat versagt. Er war ausschließlich brutal. Ich denke aber auch, dass in 500 Jahren nicht mehr viele von ihm reden werden. Inshallah.

Eine weitere Zugfahrt gönnte ich mir nach Taschkent, eine Stadt die sicher keine Reise wert ist, hier besann ich mich mal wieder darauf Menshen zu fotografieren. Am nächsten Tag dann hieß es endlich: "Hit the road, Jacob, and don't you come back no more, no more....". 250 km und ein hoher Pass trennten mich vom Fergana-Becken.


On the road again - oder - Eine Hotelgeschichte

In Usbekistan muss man sich als Tourist alle drei Nächte in einem Hotel registrieren lassen, sonst drohen einem bei der Ausreise massive Probleme und hohe Geldstrafen. Nicht in jedem Ort gibt es Hotels, die einen registrieren. Jedes mal bekommt man vom Hotel einen Stempel und eine Unterschrift mit dem jeweiligen Datum auf einen Papierschnipsel, den man besser nicht verliert. Das Hotel ist verpflichtet, alle bisherigen Papierschnipsel zu überprüfen und zu kopieren. Ein Paradies für Bürokraten. Ich befinde mich gerade in meinem hoffentlich letzten Hotel Usbekistans, in Nemangan. Ein freistehender alter, baufälliger Sovjetbau, 7 Stockwerke hoch, das einzige Hochhaus inmitten einer Ansammlung aus besseren Hütten und 2-3-geschossigen Zweckbauten. unter dem Dach steht in großen Lettern "Hotel Zopsi", ich ging einmal um das Gebäude, vom Eingang keine Spur, nur kleine Geschäfte für gebrauchte Elektroartikel. Als ich nach der Rezeption fragte, holte mir ein junger Usbeke den Aufzug. Ich stellte mein Fahrrad inklusive Gepäck hochkant in den winzigen Aufzug, quetsche mich daneben und drückte auf "1". Der Aufzug ratterte mindestens in den 4. Stock. Dort ging die Tür wieder auf, und ich muss wohl ein seltsames Bild abgegeben haben, manövrierunfähig im Aufzug eingeklemmt, über die Schulter nach hinten dumm aus der Wäsche schauend. Ich bugsierte mein Rad und mich irgendwie nach draußen und stand in einem muffigen Raum mit welligem Linoleumboden. Über dem orange furniertem Tresen tickte mühsam eine Uhr. Der Sekundenzeiger schaffte es immer nur bis zur 8 und fiel dann auf die 6 zurück. Wahrscheinlich seit 40 Jahren; die Zeit war irgendeine aber nicht die aktuelle, weder auf der Uhr noch in dem Hotel. Aus dem vergilbten, bodentiefen und von Messingsprossen unterteiltem Fenster sah man die hektische Stadt. Die Straßen sind verstopft von kleinen weißen Minibussen koreanischer Hersteller. Jede Sekunde rauschen 3 oder 5 vorbei, sie hupen ununterbrochen 2 mal kurz hintereinander um die Menschen am Straßenrand auf sich aufmerksam zu machen, denn sie bilden das einzige Transportsystem der Stadt. Für Radfahrer die Hölle. Nicht nur die Huperei ist nervtötent. Ständig ziehen sie scharf bremsend vor einem nach rechts ran um Leute ein- oder aussteigen zu lassen. Öffentlichen Transport gibt es keinen. Die auch nicht gerade wenigen Autos dazwischen sind eine Mischung als alten russischen Ladas und neuen Kleinwagen von Chevrolet oder Daewoo. Vielleicht ein Abbild der Gesellschaft? Werden die alten russischen Werte von den westlichen verdrängt?
Die Rezeptionistin ist eine freundliche Dame Mitte 50, und ich habe den Eindruck, dass sie gleichzeitig die Managerin des Hotels ist. Durchaus machbar, viele Gäste hat das Hotel sicher nicht mehr. Außerdem arbeitet noch Mina, eine dicke Frau in weißer Schürze hier. Sie reinigt die Zimmer, und zeigte mir meines. Als ich mich erkundigte wo man Handschuhe kaufen kann, wurde Mina von der Rezeptionsmanagerin beordert mit mir auf den Bazaar zu gehen. Sie fragte uns durch, aber irgendwie war es enorm schwierig Handschuhe zu finden. Eine Frau, die ansonsten Socken und Unterhosen von einer Decke auf dem Boden verkauft, schaffte auf Nachfrage zwei Paar luftige Wollhandschuhe her, nachdem sie für 15 Minuten verschwand. Es ist Mitte Oktober und schon echt frisch und in den Bergen deutlich unter 0°C. Ich frage mich was die Usbeken machen wenn es im Winter richtig kalt wird. Warum ist die Nachfrage und das Angebot von Handschuhen gleich null? Ich denke sie halten sich einfach nicht draußen auf. Und wenn dann nur kurz zwischen Haus und Auto, und da reicht die Jackentasche. Motorrad und Fahrrad fährt hier keiner.
 Ich kaufte mir auf dem Bazar noch Salat, Kuchen, und ein paar Eier. Zurück im Hotelaufzug drückte Mina auf die "5", aber der Aufzug fuhr in die gleiche Etage wie bei mir als ich auf die "1" drückte. Ich denke die ersten 4 Stockwerke sind nicht mehr in Betrieb und sie haben den Aufzug entsprechen umprogrammiert. Ich bestellte noch einen Tee und dann war ich reif für die Dusche. Meine Haut hatte drei Tage keinen Kontakt mit Wasser. Die Dusche war ein Rinnsal aus kaltem Wasser. Zuerst wusch ich meine Klamotten, die Hose war nach zwei Wochen Dauergebrauch steif geworden. Als ich dran war, wurde es stockdunkel - Stromausfall. Ich ging kurz aus dem Bad um meine Stirnlampe zu holen. Als ich zurückkam, gurgelte die Dusche nur noch vor sich hin. Stromausfall heißt also auch keine Dusche, offenbar wird das Wasser hier hoch gepumpt. Ich verwendete das noch in der Leitung zwischen Duschkopf und Wasserhahn befindliche kalte Wasser um mich notdürftig zu reinigen, und hinterließ eine schwarze Pfütze in der Dusche und ein graues Handtuch. So richtig sauber wurde ich auch heute nicht. Wenn man sich drei Tage durch die staubigen Straßen Usbekistans und über einen 2300 m hohen Pass quält, bedarf man mehr als eines halben Liter Wassers um sich zu waschen.

 

Die letzte Stadt Usbekistans

Namangan liegt im Fergona-Becken, einer abgelegenen Region Usbekistans. Hier werden die schönsten von den für Usbekistan typischen Stempelbroten gebacken. Ein Fladenbrot das vor dem Backen in der Mitte mit einem Stempel einmal oder mehrmals verfestigt wird. Heraus kommt dann ein Brot in Form eines Erythrozyten, ein weicher Ring mit einem flachen, knusprigen Teil im Inneren.
Die Region ist von Bergen Kirgisistans und Tadschikistans umgeben. Der natürliche und leichteste Zugang vom Rest Usbekistans verläuft durch einen 100 km langen Teil des Tals der zu Tadschikistan gehört, und somit is dieser Weg blockiert. Der einzige Zugang auf usbekischem Territorium
verläuft über einen schmalen Korridor durch die Berge über den Kamchik-Pass und ist 300 km lang. Es gibt zwar eine Eisenbahnlinie durch das Flachland von Tadschikistan, doch benötigen selbst Usbeken ein Visum, und so bauen sie gerade mit hohem Aufwand auch eine eigenen Bahnlinie über den Pass. Ich bin froh, über den Pass gefahren zu sein. Endlich wieder Berge nach einer langen Zeit im Flachen. Nun freue ich mich auf Kirgisistan, viele Berge, und hoffe dass meine neuen Wollhandschuhe auch ein bisschen warm halten.

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