Der Hals kratzt, die Füße sind taub. Mitte November ist es schon richtig kalt in Kirgisistan (ich mag die englische Schreibweise lieber, sie ist näher am Original und spart sich eine Silbe: Kyrgyzstan). Vor zwei Wochen war es noch viel wärmer, und ich konnte das tun, was ich so liebe und was im Iran und Usbekistan undenkbar gewesen wäre: Mein Zelt in einem einsamen Tal an einem sauberen Fluss aufschlagen, nackt im eiskalten Wasser baden und mich anschließend am Lagerfeuer aufwärmen und kochen. Damit ist es jetzt leider auch vorbei. Zwei Wochen fuhr ich durch das Land, die Landschaften sind atemberaubend, und selbst mit dem Fahrrad ging es mir noch zu schnell und ich hielt oft an, um einfach den Blick auf die Berge und Flüsse zu genießen, und machte so viele Fotos von der Natur wie seit Schweden nicht mehr. Man bekommt eine Idee auf den Fotos, doch ich sags euch: Eines Tages konnte ich es nicht mehr fassen, musste vom Rad steigen, und unter Tränen mein Leben als vollkommen definieren.

 

Der Winter ist da

Doch jeden Tag wurde es ca. 2 Grad kälter, zudem kam ich höher ins Gebirge, und das Übernachten im Zelt hat irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Bei Minusgraden und vor allem - starkem Wind sitzt man nicht gemütlich vor dem Zelt und kocht, sondern man kriecht in seine Schlafsäcke und macht sich dann eine Nudelsuppe mit dem Kocher in der Apsis. Morgens ist es nicht besonders motivierend, aufzustehen, es ist so schön warm in den Daunen und draußen erwarten einen nur kalte Füße. Die wärmte ich mir tagsüber in Teestuben auf, sofern es welche gab, denn zum Teil sind die Dörfer durch die man kommt, so klein und einfach, dass es gerade mal einen Tante-Emma laden gibt. Der hat dann hauptächlich Süßigkeiten, Vodka und Zigaretten im Angebot. Lebensmittel werden auf der Straße gehandelt. Immer wieder sieht man jemanden mit ein paar Zentnern Zwiebeln oder Kartoffeln an der Straße in der Kälte stehen, oder im Auto sitzen wenn wieder der fiese Westwind bläst. Vor manchen Häusern steht auch entsprechende Ware am Straßenrand.  In größeren Orten gibt es auch mal einen Bazaar, und dort konnte ich sogar dicke Filzeinlagen erstehen, für 40 ct. bzw meine Schuhe, mhhh!
Alle 50 km oder so kommt man durch ein Dorf mit einem Homestay, und ich versuchte immer öfter, mein Timing so zu gestalten, dass ich am späten Nachmittag eines erreiche. Die sind allerdings nicht einfach bis gar nicht zu finden, wenn man es nicht kennt. In den OSM-Karten sind zwar einige drin, aber andere findet man entweder durch Zufall (zum Beispiel weil man von einem Mann entdeckt wird, während man im Gebüsch auf seinem Stück Land sein Zelt aufschlagen will) oder weil sie vernetzt sind und weitervermitteln. Jedenfalls bekommt man für ca. 10-15 €  ein Abendessen, Bett und Frühstück, und vor allem kann man seine Füße an einem Ofen wärmen. Die Familien, zu denen man bei Gast ist, sind meistens sehr nett, aber um diese Jahreszeit nicht auf Gäste eingestellt, seit 6 Wochen war wohl kein Tourist mehr da. Ich wurde immer herzlichst empfangen, bewundert dafür dass ich bei Schnee und Eis über die Pässe fahre, und mit Tee vollgetankt. Und ein Kopf mehr oder weniger beim Abendessen macht nicht so den Unterschied. Klar kann ich mich nicht so volldreschen wie ich es sonst täte, aber das ist ok. Die Qualität des Essens ist zudem sehr unterschiedlich und erforderd mitunter gar keine freiwillige Zurückhaltung. Während es bei einer Familie zum Frühstück selbstgebackenes Brot mit selbstgemachten Marmeladen, eigenem Joghurt und Eiern von den Hühnern im Hof gibt, wurde mir woanders das alte Hammelfleisch, das es auch schon zum Abendessen gab (und wahrscheinlich auch schon die Tage vorher - wie lange kann man von so einem Hammel essen?) und wegen dem ich die halbe Nacht auf der "Toilette" (ein Bretterverschlag im Garten mit Spalt im Bretterboden, ohne Licht und bitterkalt) verbrachte, aufgetischt. Dazu wurde verschimmeltes Brot serviert. Ich aß stattdessen ein paar Kekse, trank Tee mit ordentlich Zucker und verschwand so schnell wie möglich.
Von grundsätzlicher Hygiene ist man hier teilweise noch weit entfernt. Fließendes Wasser gibt es in fast keinen Häusern, sondern einen kleinen Metallbehälter mit einem Wasserhahn dran, unter dem ein Eimer steht. Das Wasser kommt wahrscheinlich aus dem Fluss. Nach Seife sucht man meist vergeblich, und eine Dusche hatte ich schon für 7 Tage nicht. Gesicht und Hände war alles, was ich mir in der Zeit wusch. Und im Fluss bade ich jetzt sicher nicht mehr. Ich fuhr fast spiralförmig um Bishkek herum, denn ich hatte noch ein paar Tage Zeit bis mein Flieger geht, machte noch einen kleinen Umweg über Kasachstan, doch vor 4 Tagen definierte ich diesen Teil der Reise dann als fertig und checkte in Bishkek ein. Hier komme ich bei Mirlan, einem arbeitslosen Architekten, unter. Er zeigte mir die Stadt, macht mir morgens den besten Kaffee seit Monaten (er arbeitete 2 Jahre in Italien), und lässt mit seiner positiven Energie sämtliche Sentimentalität und jahreszeitbedingte Ungemütlichkeit vergessen. Ein schöner Abschluss dieses Reiseabschnittes.

 


Wie geht es weiter?

Heute Nacht geht mein Flieger nach Istanbul. Dort werde ich ein gemütliches Wochenende mit Jago und Markus verbringen, die mich extra aus Deutschland und Österreiche besuchen kommen, und worauf ich mich sehr freue. 3 Tage später bringt mich Emirates hoffentlich zusammen mit meinem Fahrrad nach Buenos Aires, auf der Südhalbkugel wirds gerade Sommer. In Argentinien treffe ich mich dann mit Jette, und zu zweit gehts dann in Patagonien weiter mit dem Rad. Das ist seit mittlerweile 4 Monaten geplant. Die ursprüngliche Idee, nach China und eventuell weiter nach Südostasien zu fahren, wird somit erstmal auf Eis gelegt. Die technische Herausforderung ist, dass Emirates kein Sportgepäck etc. transportiert. Alles wird als normales Gepäck angesehen. Ich darf maximal zwei Gepäckstücke mit einem Gesamtmaß von L+B+H von 300 cm mitnehmen. Da ist ein normaler Fahrradkarton schon drüber. Da gilt es also möglichst alles komplett zu zerlegen und sämtliche Zwischenräume in den Speichen etc. auszunutzen. Ich habe das, weil ich Zeit hatte, gestern schonmal ausprobiert, und das Ergebnis ist recht beeindruckend. Das Fahrrad sieht aus wie durch die Schrottpresse gejagt und passt in den Karton eines Fernsehers. Gemessen habe ich allerdings nicht, das wird in Istanbul noch optimiert. Inshallah, inshallah!

Eigentlich will ich ja gar nicht nach Buenos Aires, das Ziel ist Santiago de Chile. Vielleicht fragt ihr euch an dieser Stelle, warum ich dann mit einer Airline fliege, die weder Santiago ansteuert noch Fahrräder mitnimmt. Zurecht. Die Antwort ist: Ich habe mich a) von der Freigepäckmenge blenden lassen, die bei 2 x 32 kg liegt, und b) vom wirklich günstigen Preis. Irgendwie klappt das schon.


Ein kurzer Blick zurück

In einigen Stunden gehts zum Flughafen. Wahnsinn, ich kannst nicht fassen, dass diese lange Reise von Wien nach Bishkek jetzt schon zu Ende ist. Vor kurzer Zeit lag noch alles vor mir, vieles habe ich mir anders vorgestellt, anders geplant, aber meist wurden meine Erwartungen übertroffen, nur selten enttäuscht, und vor allen Dingen bin ich sehr beeindruckt davon, wie einfach es doch war. Ich muss aber auch sagen, dass ich unglaubliches Glück hatte. Und ich bin überall tollen Menschen begegnet. Ohne die Hilfbereitschaft und die Gastfreundschaft aller Menschen aller Länder auf meiner Strecke wäre diese Reise nicht so wundervoll und einfach gewesen wie sie war.
Meistens wusste ich am Tage noch nicht, wo ich abends schlafen werde, aber ich fand stets einen Platz, an dem ich mich einigermaßen sicher fühlte. Ich kannte die Straßen nicht, auf denen ich mich bewegte, doch ich fand stets zu Essen und zu Trinken. Wusste ich mal nicht weiter, war immer jemand da, der mir half.
Vieles hat aber länger gedauert als ich dachte. In insgesamt 2 von 6 Monate fuhr ich kein Rad: Eine Woche Pause in Istanbul, zwei Wochen warten auf das Iranvisum in Trabzon, 11 Tage auf Usbekistan in Tehran(bzw. den Städten im Süden Irans), 10 Tage auf Turkmenistan in Mashhad. Unglaubliches Glück auch hier, dass ich in all diesen Städten Menschen kennenlernte, die mich so lange aufnahmen, sich mit mir die Zeit vertrieben, mit mir lachten, kochten, mir ihre Heimat zeigten, ...einfach so dass mir nie langweilig wurde und dass mir diese Zeit nicht als Wartezeit sondern als Zeit mit guten Freunden in Erinnerung bleiben wird.
Dazu kamen Pausen, in denen einiges organisiert werden musste, oder einfach mal Pause gemacht wurde, je 3 Tage in Tbilisi, Yerevan, Meghri, Tabriz, Bukhara. Für diese Zeiten war ich meist im Hostel, wo ich andere Reisende traf. Ich konnte Ideen und Erfahrungen austauschen, mir eine Dosis vertraute Kultur abholen,  kritischere Themen diskutieren, derbe Witze bei Bier und Zigarette reißen. Das sorgte für Ausgewogenheit.
Zum Schluss noch ein paar Zahlen:

Wien-Bishkek       
Tagesetappen:            115
Strecke mit dem Rad:        9 343 km
Strecke mit dem Zug:        ~ 600 km
Fahrzeit total:                576 h
Anstieg total:                77 469 m
mittl. Tagesetappe:        81,2 km
mittl. Geschwindigkeit:    16,2 km/h
mittl. Fahrzeit:            5 h
mittl. Anstieg:            674 m

Add comment


Security code
Refresh