Am Ende der Welt

Villa O'Higgins, Gestern Abend 23:30 Uhr:
Unsere liebe Hostel-Besitzerin kam aufgeregt in die Küche, jetzt wäre der LKW mit den Früchten endlich angekommen, man konnte sie in der Bäckerei kaufen. Die Bäckerei ist gleichzeitig der bestsortierteste Laden des Ortes, und die Dame hinter dem Tresen war schon morgens um 10 Uhr dort und hat mir Brötchen verkauft. Nun stellt sie sich einem Ansturm Touristen und Dorfbewohnern, die seit 3 Wochen das erste mal frisches Obst und Gemüse sehen. Wir haben unsere Pokernacht abgebrochen um uns auch welches zu sichern. Den Tomaten sieht man die 500 km Waschbrettpiste jedenfalls an. Immerhin konnten wir die letzten Tage vom Nachbarn Salat kaufen - er hat ein Gewächshaus. Im Bäckerei-Supermarkt findet man wenn man Glück hat sogar Eier - nicht mal das ist selbstverständlich (in Cochrane - dem nächstgrößeren Ort 250 km weiter nördlich gab es keine. Jette klapperte morgens sämtliche Läden ab).  Zum Frühstück  gab es deshalb heute morgen Pfannkuchen mit Obstsalat - etwas was man nicht jeden Morgen macht wenn man mit dem Fahrrrad unterwegs ist. Und das haben wir uns nach 1240 km verlassener, meist geschotterter Straße durch die Patagonischen Berge verdient. Villa O'Higgins hat außerdem eine Bushaltestelle, eine Landepiste für Kleinflugzeuge die länger ist als das Dorf, eine Plaza, und einige Hostals und Campingplätze.
Das Hostel "El Mosco", in dessen Garten man für den halben Preis von einem Bett zelten darf,  ist wirklich liebevoll mit Holz eingerichtet, mit einer Wohnküche mit Holzofen der die ganze Zeit vor sich hinbollert und Teewasser bereithält, und ich sitze schon zwei Tage hier vor meinem Rechner und bearbeite Bilder und mache anderen Kram der in den letzten zwei Wochen zu kurz kam. Radfahrer und Backpacker kommen und gehen -und feiern hier das Ende der Carretera Austral - oder den Anfang falls sie zu Fuß von Argentinien kommen. Denn mit dem Auto ist hier definitiv Schluss. Gerade kam ein Mädel mit dem Rucksack angetrampt - und ihrer 182. Mitfahrgelegenheit. Jeder hat ein paar andere Stories zu erzählen, aber sie wiederholen sich zum Teil auch sehr. Die Route ist bei Reisenden aller Art sehr beliebt, vor allem Radfahren und Backpackern - und es ist interessant, die verschiedenen Blickwinkel zu sehen - das wurde uns bewusst als wir von einem Abstecher zurück auf die Straße auf einem Pickup hinten drauf mitfuhren. Zum Fotomachen wurde nicht angehalten, und die Landschaft rauscht nur so vorbei - viel zu schnell um sie aufzunehmen - und in einer Stunde fahren die so viel wir wir an ein bis zwei Tagen. Wenn ein Bus überholt sind entweder die Vorhänge zugezogen oder man sieht schlafende Backpacker an der Scheibe kleben. Die großartige Szeneri -weswegen wir hier entlang fahren- bleibt ihnen zum Großteil im Verborgenen.
Die meisten Backpacker und Radfahren kommen oder gehen von bzw. nach El Chalten in Argentinien: Dazu muss man von hier mit einem Boot über den Lago O'Higgins fahren, über einen Schotterweg bis zur Argentinischen Grenze schieben, und dann über einen Fußweg über Stock und Stein zu einem weiteren See, um dann wieder ein Boot zu nehmen und dann über einen steinigen Weg nach El Chaltén. 22 km zu Fuß sind zu meistern, das Gepäck und das Fahrrad wird abwechselnd getragen. Aber das ist die übliche Route von den meisten Fernradlern hier, und das Abenteuer im Blick von Fitz Roy klingt durchaus erlebenswert.

Tourismus

Mein letzter Eintrag entstand in Puerto Rio Tranquillo, ca. 500 km nördlich. Dort besichtigten wir vormittags die wunderschönen Kalkhöhlen im Lago General Carrera und entschieden uns nachmittags, doch noch 60 km weiter zu fahren, weil wir kurzfristig im Internet von einem Eco-Hostel in Puerto Guadal - auf der anderen Seite des Sees- erfahren haben, das so klang als ob man dort einen Tag gut Pause machen konnte, und es hieß "Destino no turistico". Das klang vielversprechend und entspannt. Angeblich durfte man auch dort zelten, in nachhaltige Lebensweise eingeführt werden, selbstgebackenes Brot essen, mit selbstgelegten Eiern und anschließend in eine selbstabbauende Komposttoilette scheißen. Im Ort angekommen war es eine Höllenodyssee bis zum Hostel, denn über eine steile Schotterstraße und anschließend durch den Busch musste man noch für eine Stunde bzw 3 km vom See nach oben keuchen. Wir stellten uns auf zwei kiffende Öko-Hippies die uns in ihr Leben einführen. Wir fanden stattdessen eine überraschte und hippelige Frau, die uns neben tausend anderen Dingen erklärte, dass man hier nicht zelten dürfte, denn das sei nicht nachhaltig (sic!), und uns stattdessen das Doppelzimmer (mit zwei getrennten Betten) für 45 Dollar versuchte schmackhaft zu machen - mit privater Komposttoilette en suite! Wir waren zwar körperlich total fertig, aber geistig noch auf der Höhe und nach dieser etwas unlogischen Argumentation (Ich frage mich bis heute warum es nachhaltiger ist, für eine Nacht in Bettwäsche zu schlafen die anschließend gewaschen werden muss, als in den eigenen Schlafsäcken draußen auf der Wiese) machten wir uns im Dunklen von deren Acker um direkt am See für 10 Dollar auf einem Campingplatz einer Mutti ganz alleine in einem Quincho mit grandiosem Blick auf See und Berge für zwei Nächte unser kleines Luxushotel einrichteten: Unser Innenzelt im Quincho mit Feuerstelle verwandelte diesen zum Luxusbungalow mit Himmelbett und offenem Kamin. In der Lodge nebenan hätte man dafür das zehnfache hingelegt.
9 Tage brauchten wir von dort hierher nach Villa O'Higgins. Durch wilde Flusstäler, an riesigen Gletschern vorbei, mit einem Abstecher nach Caleta Tortel - einem Ort an der Küste wo der Rio Baker mündet, der wasserreichste Fluss der Region. Caleta Tortel ist erst seit 2003 an die Carretera Austral angeschlossen - und besteht aus Häusern auf Holzpfählen, die seit den 80er Jahren auch mit Holzwegen verbunden sind - davor watete man mit Gummistiefeln durch den Schlamm oder bewegte sich mit Booten vorwärts - je nach Tide oder Jahreszeit. Ein anderes Ende der Welt - aber immerhin gabs dort Eier.

Auch heute ist nicht viel Verkehr auf der Carretera Austral. Auf manchen Abschnitten begegnet man 10 Fahrzeugen am Tag. Den meisten Verkehr stellen ohnehin die Touristen dar, die hier in der Überzahl sind - ob mit dem Auto, zu Fuß oder dem Fahrrad. Daher fällt es auch deutlich schwerer, mit den Chilenen hier in Kontakt zu kommen - erstens trifft man wirklich wenige, zweitens sind sie natürlich an Touristen gewöhnt und nicht wirklich interessiert, es sei denn sie leben von ihnen. Man unterhält sich dann doch eher mit anderen Touristen, und einige von ihnen sieht man auf Grund der Eindimensionalität des Weges immer wieder. Die Menschen die hier wohnen scheinen aber sehr entspannt zu sein, und die man im Laden oder im Hostel kennenlernt sind wirklich nett. Eine etwas längere private Begegnung hatten wir dann doch mal als wir an einem Haus fragten ob wir auf ihrem Grundstück zelten dürfen. Nach etwas Scheu am Anfang entpuppten sich die Besitzer dann als Einsiedler bzw. Aussiedler aus dem Norden Chiles, die sich hier vor kurzem eine neue Existenz aufgebaut haben. Wir verbrachten den Abend dann zusammen mit Rotwein, Gitarre und erfuhren so einiges über das Denken der "Anderen".
Leider ist es hier wegen der Abgelegenheit sehr teuer. Am Fähranleger, der die Straße zu diesem Dorf 100 km weiter nördlich mit der Außenwelt verbindet, konnte man Empanadas kaufen - Teigtaschen mit Käse. Ich bestellte 8 Stück: zwei für jetzt und zwei für die Fahrt für zwei Personen - und war direkt 20 Euro ärmer. Für eine schwarze Banane bekommt man hier auch noch was - und Tomaten kann man eh in jedem Zustand verkaufen und sich mit Silber aufwiegen lassen.  Kaffee findet man leider nicht - das war am Anfang schwer zu fassen, aber mittlerweile habe ich auch die Mate-Trinkregeln drauf.
Die Natur ist hier aber unbezahlbar - und das zeigen wieder mal die Bilder. Liebe Grüße vom Sauseonkel

 

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