Update: Argentinien Bilder jetzt online

"Rad-Wandern" nach Argentinien - ein Grenzübertritt mal anders

Von Villa O'Higgins, dem Ende der Carretera Austral, fährt dreimal die Woche ein Boot über den Lago O'Higgins, vorbei am Gletscher O'Higgins. Sehr kreativ waren die Pioniere bei der Namensgebung offenbar nicht. Bernardo O'Higgins war der Befreier, der die Unabhängigkeit von Chile von den Spaniern erkämpfte, und nach ihm ist so ziemlich viel benannt in Chile. Die Landschaft ist zum Glück abwechslungreicher. Zusammen mit einigen andern Radlern, die in den vergangenen Tagen eintrudelten, machten wir uns früh morgens auf den Weg zum Anleger, und kurze  Zeit später tuckerten wir über den türkisgrünen, trüben See. Nach einigen Stunden stoppte das Boot als wir nur noch 100 Meter von der 30 Meter hohen Eiswand entfernt herumtrieben. Das Beiboot düste kurz zu einem Eisberg, die Crew pickelte einen Brocken heraus, und dann gab es als Gag für jeden Passagier ein Glas Whisky auf jahrtausende altem Eis. Ehrfürchtig betrachtete ich den Klotz mit seinen faszinierenden Einschlüssen aus Luft und Sediment. Er schimmerte in allen Farben, und einmal mehr wunderte mich, warum manche Menschen Tausende oder Millionen von Dollar für einen lupenreinen Diamanten ausgeben, nur um ihn in der Schublade zu haben, jedoch wohl nie die Schönheit eines einfachen "Eiswürfels" erkannt haben. Dann gab ich ihn dem See zurück und widmete mich meiner Kamera und fotografierte Menschen beim Fotografieren eines Whiskyglases vor einem Gletscher. Abends legte das Boot dann am südlichen Ende des Sees an. Dort gab es einen Karrenweg an einem Grenzpolizeiposten vorbei nach oben zur Grenze zu Argentinien. Die Grenzer waren die entspanntesten denen ich seit langem begegnet bin. Kein Wunder, kommen doch gerade viermal die Woche zwei Handvoll Touristen mit Rucksack oder Fahrrad vorbei. Keine Autos, keine LKW, nichtmal Motorräder. Den Rest der Zeit verbringen sie wohl mit Mate trinken und in die Landschaft-gucken. Sie heizen auch ganz gerne mit ihrem Quad in der Umgebung herum.  Mit dem Ausreisestempel im Pass machten wir uns auf den Weg: 14 Kilometer bergauf bis zum Pass. Teils zu steil um es zu fahren, teils verschüttet, und teils von Sturzbächen weggespült. Um Sonnenuntergang standen wir vor den Trümmern einer Brücke, aber auf der anderen Seite entdeckten wir am Ufer schon den perfekten Übernachtungsplatz, und so balancierten wir unsere Räder noch auf einem Balken über den Fluss und ließen uns auf der anderen Seite 30 Meter neben den Trümmern nieder. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen eines Baggers aufgeweckt, der die Brücke noch komplett abriss, und wir waren froh, die letzen Menschen gewesen zu sein, die diese "Brücke" überquerten, denn sonst wären wir nicht trockenen Fußes und nur mit erheblichem Aufwand mit trockener Ausrüstung auf die andere Seite gekommen. Zur Grenze waren es nun noch 2 Kilometer, und zum Argentinischen Grenzposten 10 km Wanderweg. Der Fitz Roy grüßte uns schon durch die Wegschneise noch auf chilenischer Seite, und kurz darauf zeigte er sich in seiner vollen protzigen Pracht. Schon ein besonderer Moment, ihn so unverhofft und wolkenlos zu sehen. Überhaupt war das Wetter so gut wie wohl selten, wir erwischten die beste Woche des Jahres, und in El Chalten erfuhren wir, dass das gute Wetter schon seit 20 Tagen anhielt, so lange wie seit Jahrzehnten nicht. Das hat aber leider auch zur Folge dass das Eis schmilzt und das Bergsteigen gerade sehr gefährlich machte, was gerade manchen Bergsteigern zum Verhängnis wurde. Der Wanderweg von der Grenze hinab war bis auf ein ekliges Schlammloch, in das ich meinen Drahtesel bis über die Naben versenkte, und eine nasse Flussdurchquerung ganz gut zu meistern, auch wenn ich mit meiner Konstruktion aus 5 Fahrradtaschen auf dem hinteren Gepäckträger so manchen Frust ertragen musste, weil mein Vorderrad einfach keinen Bodenkontakt beim Schieben haben wollte, ständig wegrutschte und die ganze Kiste dann umfiel und alles verfriemelt war. Aber die Lowrider waren einfach zu tief um damit irgendwie durch die Wegrinne oder das Gestrüpp zu kommen und so musste sämtliches Gepäck hinten drauf. Unten angekommen drückte man uns den Einreisestempel Argentiniens in den Pass, von Grenzern die sonst mit ihren Hühnern beschäftigt zu sein scheinen, und zwei Stunden später schipperte uns ein Boot über den Lago del Desierto. Von dort waren es noch 38 km nach El Chalten, wir aber zu erledigt um das noch am selben Tag zu machen, denn es stand mal wieder fürchterliche Schotterpiste bevor. Aber so hatten wir am nächsten Tag genug Zeit um uns eine schöne Unterkunft in El Chalten zu besorgen, die wir dann in der "Casa de Ciclistas" bei Flor fanden.


Die Casa de Ciclistas in El Chalten
Flor ist eine radbegeisterte Chilenin, die ihr Haus und ihren Garten Radreisenden ganz nach warmshowers.org-Manier zur Verfügung stellt,  und wer will schmeißt was in die Spenden-Box, die auf dem Kühlschrank steht. Alle die durch El Chalten mit dem Rad unterwegs sind, kommen hierher oder werden hierher geschickt. Hier verbrachten wir im Endeffekt 3 Tage mehr als wir wollten ("un dia mas!?" war das Motto), was sehr sympathischen Menschen, einer tollen Gemeinschaft, entspannter Atmosphäre und gutem Essen geschuldet ist. Gleich am ersten Abend gab es ein Asado! Den deutschen Beitrag dazu  gab es in Form eines Kartoffelsalates. Jeden Tag fand sich ein Koch-team zusammen, zum Glück oft geführt von einem fleißigen Italiener - mhhh, und ein französischer Bäcker schaffte es am letzten Abend, die beste Pizza die mir je außerhalb Italiens begegnete, zu zaubern. In Flors 50 Quadratmeter großen Garten standen eines Nachts 16 Zelte, dicht gepackt vom Komposthaufen bis auf die Terasse, und es war erstaunlich, wie gut sich die 25 Menschen mit der winzigen Küche und dem einen Badezimmer arrangierten.
So einiges war am Haus noch zu tun, und vieles bestand aus einem dauerhaften Provisorium. Die Wände haben wir zum Teil erst gestrichen, und eines Abends stürzte in der Küche der Hängeschrank ab, weil sich jemand beim Entnehmen einer Tasse daran festhielt, und hinterließ einen grauen viereckigen Fleck auf der sonst weiß gestrichenen Wand. Zum Glück waren zwei Zimmermänner anwesend und reparierten das geborstene Möbelstück mit Brettern, die sie ums Haus fanden, und da es schonmal unten war, haben wir es am folgenden Tag noch abgeschliffen und neu gestrichen. So ist das Leben im Ciclistas. Wer Lust hat, schafft was, oder kocht, und so entsteht eine win-win-situation. Flor sucht jemanden der es übernimmt damit sie selbst auf Reisen gehen kann. Ich habe es mir kurz überlegt, aber das Problem ist: Was macht man in den  9 von 12 Monaten, wenn keine Touristen da sind und das Wetter einfach nur noch... mh, also halt nicht gut ist?). Am Fuße von Cerro Torre und Fitz Roy ist es nicht so hässlich, wie wir auf zwei Wanderungen feststellen durften. Eine zur Laguna Torres, und die andere habe ich gleich zwei mal gemacht: Tagsüber mit Selwyn, einem netten Kiwi, den wir danach auch immer wieder trafen, und dann nochmal um 2 Uhr nachts, zu fünft, nach einigen Messbechern "Fernando" (einem Cocktail aus Fernet Branca und Cola). Eine Schnapsidee, den Fitz Roy im Mondschein zu betrachten, denn leider war er in den Wolken, so wie schon am Tage, aber ja, so eine Nachtwanderung ist eh was schönes, und man konnte schön die Sterne sehen und den silbernen Mond in den Flusschleifen des Rio Vueltas.



Ins Nichts
Eines Tages beluden wir unsere Räder wieder, noch ein paar Kilo mehr als sonst, denn für 5 Tage mussten wir Essen mitschleppen. Zusammen mit
Selwyn machten wir uns auf den Weg nach Süden. Es ging raus aus dem Schutz der Berge, in die durch Sonne und Wind gnadenlose Argentinische Pampa, auf der berühmten Ruta 40. Für ca. 400 km wird es keine Einkaufsmöglichkeit bis auf eine kleine Tankstelle geben, und die hat nur Schokoriegel und Kekse im Angebot. Reiseradler sind gut vernetzt, und durch Austausch mit den vielen Radlern in El Chalten wussten wir bestens Bescheid, welcher Fluss noch Wasser führt, unter welchen Brücken man Schutz vor dem Wetter findet, und bei welchen Streckenposten nette Polizisten sogar eine Dusche anbieten. Die erste Etappe führte uns 125 km zu einem verlassenen, pinken Haus an der Straße, bei dem Fenster und Türen fehlen, das bei allen Reiseradlern Patagoniens aber bestens als "Casa rosada" bekannt ist. Tatsächlich kann man an den Inschriften an den Wänden sehen, dass fast jeden Tag Radler dort übernachten, und dem ein oder anderen ist man in den Tagen und Wochen zuvor auch schon mal begegnet. Tatsächlich waren wir in dieser Nacht zu fünft im Haus: Zwei entgegenkommende Liegeradler aus Deutschland suchten auch dort Zuflucht. Vier weitere Tage radelten wir durch die endlosen Weiten, für den Menschen nicht einladend da windig und trocken, doch für Guanacos, Kondore und Nandus ein beliebter Lebensraum, da sich in den flachen, buschlosen Weiten keine Pumas anschleichen können. An einem Tag cruisten wir mit 40 km/h gemütlich dahin, am nächsten Tag quälten wir uns mit 6 km/h bei 70 km/h Gegenwind eine üble Schotterpiste hinab, nach 50 km total am Ende, aber die rettende Polizeistation war erreicht. Dort durften wir wie erhofft duschen und unser Zelt im Schutz der Hecken aufstellen, und als ich in ihrer Küche anfing Linsen und Nudeln zu kochen, stellte ein Kamerad fest, dass da doch das Fleisch fehlt, nahm sich eine Säge, verschwand aus der Tür und kam 15 Sekunden später mit einem riesigen Bein eines Kalbs wieder herein und säbelte uns einige dicke Stücke ab. Ich ging einfach davon aus dass dieses Bein mal Teil eines glücklichen Kalbs war, das da draußen frei auf den unendlichen Weiten grasen durfte, und es schmeckte so sagenhaft gut! Überhaupt habe ich den Eindruck dass die Argentinier eigentlich nur Rindfleisch essen. Andere gebeutelte Radfahrer trudelten im Laufe des Abends noch ein, alles alte Bekannte aus dem Casa de Ciclistas in El Chalten. Es ist schon witzig, dass man hier in der endlosen Pampa überall die gleichen Leute trifft, aber auf der Carretera Austral, wo jeden Tag ca. 6 bis 8 Radler entlang fahren, trafen wir nie zweimal die gleichen.

Zurück in die Zivilisation zum Massenwandern
Auf geteerter Straße ging es nun bei moderatem Gegenwind und dann Rückenwind 105 km bis nach Puerto Natales, wieder in Chile. Weil Lebensmittel in Argentinien billiger sind, deckten wir uns in Rio Turbio noch ein, schleppten alles über den Grenzpass, wo uns die Grenzer die Linsen dann gleich wieder abnahmen. Rohe Früchte darf man nicht einführen, aber dass dies auch für sterilisierte getrocknete Linsen gilt, war uns nicht bewusst. Den Knoblauch und die Erbsen fanden sie zum Glück nicht.
Nach Puerto Natales ging es jetzt nur noch bergab, und im Garten von Casa Lili fanden wir eine günstige Campinggelegenheit. Puerto Natales ist wieder sehr touristisch, hier decken sich tausende Backpacker ein um im Nationalpark Torres del Paine wandern zu gehen. Nach einigen Tagen Pause machten auch wir uns auf den berühmten "W"anderweg, 5 Tage liefen wir durch Grasland und Berge an Seen und Flüssen entlang. Mit vielen Menschen teilten wir uns fantastische Blicke. Alleine ist man hier kaum, die Pfade sind breit und ausgetreten,  und die Zeltplätze im Park muss man einige Tage im Voraus reservieren. Wenn man sich drauf einstellt, erlebt man aber ein schönes miteinander Wandern. Jemand hat es schön ausgedrückt und meinte, es sei wie ein Festival. Anstatt Musik gibt es Natur und Berge. Manche Guardaparques sind auf Grund der Menschenmassen leider etwas unentspannt und schießen bei ihrer Arbeit etwas über das Ziel hinaus, wie zum Beispiel derjenige der mich anschiss und bei der Parkverwaltung anzeigen wollte, als ich mitten im Nirgendwo aus dem Gebüsch kam. Ich habe mit diplomatischem Geschick und auf rudimentärem Spanisch erklären können, dass ich dort etwas tat was ich ungern direkt auf dem Weg tue, im Interesse aller Menschen.
Auch hier trafen wir wieder die Leute aus El Chalten, Selwyn tauchte aus dem Nichts abends am Zeltplatz auf, und nun sitzen wir gemeinsam wieder im Casa Lili in Puerto Natales. Morgen geht es weiter. In 10 Tagen müssen wir in Ushuaia sein. Ein recht straffer Zeitplan für entspannte Radler, die überall hängen bleiben. Also am Ende nochmal klotzen. Hoffen wir auf viel Rückenwind.

Add comment


Security code
Refresh