Am Ende


Das Ende der Welt ist klein. In Puerto Natales trafen wir zum vierten Male Monique, die wir zu Beginn der Carretera Austral 2000 km nördlich zum ersten Mal trafen - besser gesagt, an der wir vorbeifuhren als sie mit dem Daumen nach oben an der Straße stand. Das nächste Mal war in Coyhaique, wo sie "work away" im Hostel machte in dem wir abgestiegen sind (der Betreiber war nebenbei bemerkt Thomas Heidenbüchler (oder so ähnlich), ein Deutscher der die Carretera Austral vor 16 Jahre mit dem Rad abfuhr und einen Führer schrieb, den Jette überall versuchte zu bekommen aber nicht schaffte da er vergriffen war - herausgestellt hat sich das ganze als der Führer im Hostel auslag - gesichert an einer Schnur). Ich schweife ab...
Monique gab Jette dort ein Buch, "South" von Ernest Shackleton, in dem er über seine mäßig erfolgreiche aber sehr abenteuerliche Südpolexpedition von 1915 schreibt. Gelesen hat sie es bisher nicht, aber nur weil ich es so spannend fand dass ich es bis heute bei jeder Gelegenheit in Beschlag nahm. In dem Buch ist ständig die Rede von Hunger, Durst, Erfrierungen, Eiseskälte und sonstigen Entbehrungen, die man wohl erträgt, wenn man mit einem Rettungsboot ohne Trinkwasser im antarktischen Meer unterwegs ist. Wir waren bis zuletzt nie näher als 1000 km an der Antarktis dran - aber vom polaren Wetter bekommt man hier sehr viel mehr mit als auf der nördlichen Hemisphäre in entsprechender Breite. Der Einfluss der Antarktis mit seiner Zirkumpolarströmung und dem kalten Humboldtstrom sind auch im "Hochsommer" deutlich zu spüren, und so windet es in Feuerland in der Pampa mit selten weniger als 50 km/h, und selbst bei 15°C, was recht warm ist, hat man alles an was man besitzt, um nicht auszukühlen. Mir ist völlig schleierhaft wie die Männer das vor hundert Jahren in der Antarktis zwei Jahre überleben konnten, ständig nass bis auf die Knochen, und mit deutlich höheren Windgeschwindigkeiten.
In Puerto Natales trafen wir auch wieder Selwyn, den Kiwi, nachdem wir uns im Nationalpark auch beim Wandern trafen... Wir beschlossen, die letzten 700 km nach Süden, also nach Ushuai, zusammen zu fahren. Wir waren ja schonmal zwei Tage zusammen unterwegs (von El Chalten nach El Calafate), und das hatte gut funktionierte und wir hatten eine Menge Spaß zusammen. Er bemerkte treffend dass es sinnlos wäre in die gleiche Richtung zu fahren, aber nicht zusammen. So genossen wir noch einmal die zivilisierte Welt in Form von Pizzeria (wo wir 5 Pizzen zu dritt vertilgten), Eisdiele, Café mit hausgemachtem Kuchen, und Pfannkuchen mit Eis, bevor wir uns am Morgen des nächsten Tages aufmachten, die wenig  besiedelten Weiten der Pampa zu erradeln. Der Wind stand zunächst gut. 150 km am ersten Tag, ein lockeres dahingleiten mit 35 km/h brachte uns bis fast nach Villa Tehuelques. Erst die letzten 20 km gestalteten sich bei Wind von schräg vorne schwierig. Jette schlüpfte in den großzügigen Windschatten von Sel, während ich versuchte meine Windjacke als Segel einzusetzen, mit mäßigem Erfolg. Ich sparte ungefähr soviel Energie wie im Windschatten. Mit besserem Segelprofil und Trimmung sowie einem ordentlichen Masten wäre da sicher was drin um auch am Wind noch Vortrieb zu bekommen. Ich beschloss die Sache zu entwickeln und habe mir mittlerweile schon einen Bambusstecken zugelegt*.  Selwyn musste mal wieder eine Speiche auswechseln, aber ansonsten war der Tag sehr erfolgreich.
Der Wind hatte am nächsten Morgen etwas gedreht, und aus seiner Richtung kamen dicke, schwere Wolken. Regen erwischte uns volle Kanne von der Seite und ruck-zuck hatten wir alles an was wir hatten. Der Chill-Faktor war enorm. Selwyns "Regenhose" war eine leuchtend Arbeitshose aus Vinyl, die er irgendwo in Equador mal Second Hand kaufte, für 6 Dollar, und die beim ersten Aufsteigen aufs Rad spektakulär im Schritt riss. Wir radelten bis kurz vor Punta Arenas, die gelbe Hose war mittlerweile nur noch ein Fetzen, und übernachteten hinter Büschen in einem Park (woanders hatte es zuviel Wind), um am nächsten Morgen die Fähre über die Magellanstrasse nach Porvenir zu nehmen. 15 km galt es ohne Frühstück und Kaffee noch im Morgengrauen zu meistern - für mich eine echte Herausforderung, und so kam ich den anderen beiden auch kaum hinterher. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen drastischen Effekt ein nicht vorhandener Kaffee auf meine Leistung hat. Auf der Fähre hatten wir dann aber zwei Stunden Zeit um uns die Mägen vollzuschlagen. In Porvenir auf der großen Feuerlandinsel angekommen, 4 km vom Fähranleger, viel mir auf, dass ich meine gute Edelstahl-Trinkflasche an Bord vergessen hatte. In 40 Minuten sollte die Fähre wieder ablegen, und ich musste alles geben, denn es hatte Gegenwind.
Ab hier war wieder Schotter angesagt, bis zur Grenze nach Argentinien, und die erwarteten Kilometerzahlen mussten natürlich heruntergesetzt werden. Wir deckten uns wieder für 4 Tage mit Lebensmitteln ein, die nächste Versorgungsmöglichkeit erwarteten wir erst wieder in Rio Grande in Argentinien.

Über Feuerland - Einsamkeit mit Pinguinen, Fischern und Grenzern. Und viel Wind!
Ich bin der zweimaligen Aufforderung meines Onkels Frieder nachgekommen und wählte die Route über die Inutil-Bucht. Dort brütet seit einigen Jahren eine Kolonie von Königspinguinen, die ich mir ansehen sollte, aber natürlich auch wollte. Dies ist die nördlichste der Erde, andere Kolonien findet man erst in der Sub-antarktis zum Beispiel auf den Sandwich-Inseln, oder den Süd-Orkneys. Von Porvenir starteten wir auf Grund unserer Fress-aktion auf der Fähre und meiner Vergesslichkeit erst nachmittags, und zu den Pinguinen waren es noch 140 km auf bergiger Schotterstraße. Nach 10 km fehlte auf einmal Sel, und es war mir sofort klar dass er ein Problem mit seinem Fahrrad haben muss. Gerade als ich nach 20 Minuten warten beschloss, gegen den Wind zurück bergauf zu fahren (das kostet ordentlich Überwindung!) um nach ihm zu schauen,  kam er die Piste heruntergeholpert. Zwei Löcher im Schlauch waren Schuld an der Verzögerung. Nach 20 weiteren Kilometern kam ein Speichenbruch dazu, aber da es schon Abend wurde, sicherten wir die Speiche nur mit Klebeband ab, um sie später zu reparieren. Mehr als 15 weitere Kilometer kamen wir eh nicht mehr, denn dann war es bereits Abend und es drohte uns eine Regenfront einzuholen, doch wir waren gerade an einem günstigen Ort dafür: Ein Strand mit Mündung eines kleinen Baches, an dem ein Fischer einen Wellblech-Schuppen hatte. Am Strand trieb ein Netz, Aus dem Ofenrohr im Dach quillte Rauch den der Wind waagerecht nach Osten wirbelte, es war also jemand "zu Hause", und so fragten wir nach Unterschlupf. Da die Kollegen nicht da waren, bekamen wir sogar unseren eigenen, privaten Teil-Schuppen für die Nacht, mit 3 Pritschen ausgestattet und einem aus einem alten Ölfass improvisierten Ofen. Gerade als wir unsere Räder abgeladen hatten, setzte der Regen ein. Die tiefstehende Sonne sorgte für einen bezaubernden Regenbogen, und 50 m vom Strand entfernt sprangen ein paar Delphine, die wir vom Unterstand aus beobachten konnten. Vom Fischer bekamen wir Holz, und ich war mal wieder verblüfft, wie viel Glück wir mit diesem schönen Ort und wieder einmal einem äußerst netten Menschen hatten. Gerade Jette war sehr glücklich, denn sie bekam etwas Fisch und 5 Katzen wohnten auch dort. Die ganze Nacht rüttelte der Westwind am Wellblech und ließ uns schonmal davon träumen wie wir am nächsten Tag weitergeblasen werden. Tatsächlich waren wir dann sehr schnell unterwegs, nur der 15 km- Abstecher zu den Pinguinen war etwas mühsam. Die Radfahrer, die Feuerland in die andere Richtung fahren, sind nicht zu beneiden. Aber selbst schuld. Am Ende des Tages hatten wir 125 km auf Schotter hinter uns, und den Posten der chilenisch-argentinische Grenze vor uns. Sonst kein Windschatten, und die Sonne ging gerade unter.  Wir fragten bei der Ausreise die chilenischen Grenzer, wo man zelten könnte, und sie boten uns direkt an hinter ihrem Haus, zwischen hohen Antennen und riesigen Satellitenschüsseln zu zelten. Mit dem Stempel schon im Pass gingen wir also ums Eck und trafen 3 Motorradfahrer, die sich auch schon dort verschanzten. Das war sehr angenehm. Wir hatten einen Wasserhahn, beheizte Klos und durften zum kochen sogar in ein kleines Nebenhaus. Selwyn reparierte mal wieder einen Schlauch, und ich stelle mir mal vor, an der deutsch-schweizerischen Grenze hinterm Haus zu zelten. Undenkbar.
Der nächste Morgen musste noch mit 14 Kilometern Schotter im Niemandsland hinter sich gebracht werden (Selwyn hatte nach 7 km seinen ersten  Speichenbruch für den Tag) bis am argentinischen Grenzposten der Asphalt begann, der dann bis Ushuaia reichte. Seitenwind ließ mich meine Segeltechnik weiter verfeinern, doch eine Regenjacke hat einfach kein optimales Profil, und der Körper als Mast hat den Nachteil dass man entweder nichts sieht (weil man die Kapuze über dem Kopf hat, aber auch vor dem Gesicht), oder einem der Kiefer irgendwann schmerzt, weil man den Reißverschluss im Mund hat. Beides ist nichts für die Dauer, und so musste ich wieder treten. In Rio Grande übernachteten wir bei Graciela, einer überaus netten und zuvorkommenden Frau mit Pfiff und Lebenserfahrung, die aus Müll Kunst und Handwerk macht, ein Tipi im Garten stehen hat und zwei weitere Plätze für ein Zelt. Gefunden haben wir sie weil ihr Garten als Campingplatz in Openstreetmap eingetragen ist. Es ist ein nicht sehr ertragreicher Campingplatz, aber sie hat einfach Spaß daran, Menschen zu Gast zu haben. Sie machte uns Frühstück, fuhr mit uns zum Einkaufen und zur Bank während Sel zum Fahrradladen radelte. Er brauchte neue Speichen. 500m bevor er den Radladen erreichte brach seine Kurbel. Um halb vier nachmittags kamen wir schließlich los. Bis zu unserem Tagesziel waren es aber noch 105 km. Wir hörten vorab viel von der "Panaderia de Ciclistas", eine Bäckerei eines sportbegeisterten, wo man als Reiseradler kostenlos übernachten dürfe. Obwohl wir so spät losgekommen sind, schafften wir die 105 km im Tolhuin noch komplett im Tageslicht. Der Wind blies uns dorthin. Auf einem geraden Flachstück versuchte ich zum Spaß mal auf Windgeschwindigkeit zu beschleunigen, aber ab 58 km/h konnte ich nicht mehr mittreten, und der Rollwiderstand war zu hoch. Aber selbst leicht bergauf musste man eigentlich nicht treten, und Geschwindigkeiten von 40 km/h waren gemütlich.

Panaderia de Bicicletas in Tolhuin
In der Panaderia angekommen staunten wir nicht schlecht als zwischen tonnenweise Mehl, Butter und Zucker eine Tür zu einem kleinen fensterlosen Kabuff mit 4 Betten drin aufgemacht wurde. Eine heiße Dusche gabs auch noch, und weil schon ein Radfahrer aus England da war und es zu viert doch ein bisschen eng gewesen wäre, durften Jette und ich im hauseigenen Fitnessstudio übernachten. Morgens fraßen wir uns mit Empanadas und Facturas, so nennt man in Argentinien süße Stückchen, voll. In diesem winzigen Kaff sind sie sehr stolz auf René Favarolo, den Erfinder des Koronararterien-Bypass, der hier mal gewohnt und praktiziert haben soll. In der Bäckerei kann man neben seiner Wachsfigur für ein Foto posieren, auf jeder Plastiktüte ist er abgedruckt, und das einzige Nachtlokal des Ortes heißt "By Pass". Überall liest man den Spruch dazu "vergessen ist wie zweimal töten",  und sogar die Hauptstraße ist nach ihm benannt. Auf Wikipedia wird der Ort in dem Artikel über ihn nicht mal erwähnt, lediglich dass er sich sehr für bessere medizinische Versorung in der Pampa eingesetzt hat (ich liebe es wenn diese Metapher gar keine ist).

Ushuaia - die letzte Stadt der Welt
Zwei kurze Tagesreisen später waren wir dann da - Ushuaia am Ende der Welt, wie es alle hier nennen. Der Beagle-Kanal trennt uns noch von ein paar kleineren Inseln die nur noch mit dem Boot zu erreichen sind. Zur Feier des Endes einer langen Reise nach Süden, ca. 2600 km auf dem Rad seit Start in Puerto Montt vor 2 Monaten, und für Selwyn fast 10 mal so weit seit Mexiko, gingen wir in ein Restaurant mit Buffet und ließen unsere Mägen dehnen. 
In einer Mail von meinem Vater erfuhr ich, dass 1930 vor Ushuaia das Kreuzfahrtschiff Monte Cervantes gesunken ist, auf dem mein Großonkel Schiffsjunge war. Der Schlepper, das das Schiff dann in den 50er Jahren versuchte zu bergen, liegt heute ebenfalls aufgelaufen im Hafen.

Abgezockt, oder: In der Business Class zurück nach Bariloche
Weil wir nicht die gleiche Strecke bei Gegenwind wieder nach Norden strampeln wollten, gönnten wir uns einen Flug nach Bariloche, das liegt in der Nähe von Puerto Montt, aber auf der argentinischen Seite. In Puerto Natales hatten wir den Flug schon gebucht gehabt, mit 160 € günstiger als eine Busfahrt. Der Tarif für Übergepäck waren laut Internetseite sensationelle 1€ pro Kilo, also nichts. Das kam uns sehr entgegen, mit 2 Fahrrädern und jeder Menge anderer Ausrüstung. Als beim Check-In die Dame sagte, wir müssten für die 37 kg ca. 400 € bezahlen, klappten bei uns die Kinnladen nach unten. Was preislich sogar ein wenig günstiger kam, war, die Tickets verfallen zu lassen und uns Business-Class Tickets zu kaufen, denn dort durften wir mehr Gepäck mitnehmen. Im Endeffekt zahlten wir also den dreifachen Preis, dafür bekamen wir dann ein größeres Sandwich. Das ist doch was (Wenn auch nur ein Abbild der Gesellschaft)! Naja, jedenfalls war es ganz interessant, die Strecke die wir zurückgelegt haben, nochmal aus der Luft zu sehen, die Magellanstraße, die großen Weiten der Pampa, die größten Flüsse sind doch nur kleine Rinnsale, und die Ruta 40, die alles durchschneidet, ist unübersehbar. Abends am Flughafen in Bariloche angekommen mussten wir dann noch unsere Räder wieder zusammenbauen (da wir die kleinen Kartons hatten war das wieder eine längere Bastelaktion, aber das kenne ich ja schon), und damit dann noch 25 km bis in die Stadt fahren, besser gesagt ans andere Ende der Stadt, wo unser Warmshowers-Gastgeber Miguel wohnte.
Bei Miguel fanden wir aber einen perfekt Ort vor um uns von dem ganzen Stress und der Abzocke zu erhohlen. Das Klima ist hier warm, man spürte und roch den Sommer, und wir deckten unsam folgenden Morgen erstmal mit frischen Früchten ein und aßen damit Pfannkuchen in unserem kleinen, privaten Apartment im Gartenhäuschen, mit Küche und Dusche, und alles war dekoriert mit alten Fahrradteilen. Miguel baut noch selbst Fahrräder, und das komplett, also vom puren Rohr bis zum Dekor, und hat uns stolz seine Werke und seine Werkstatt gezeigt. Ein bedingsloser Fahrrad-Enthusiast, so etwas sieht man selten, vor allem in diesen Breiten.

Im Moment sind wir unterwegs von Bariloche nach Concepción, durch das Vulkan-Land. Dazu mehr ein anderes Mal, denn ich habe noch nicht mal die Bilder von der Kamera gezogen. Hier gibt es grad sehr viel zu erledigen. Denn: Das Wichtigste zum Schluss:
Ich komme nach Hause !!!
Am 24. März landet mein Flieger in München, und im laufe des Tages werde ich wohl in Konstanz eintrudeln. Ist wer dort und will ein Bierchen trinken gehen? Ich freue mich euch wieder zu sehen! Antworten bitte per mail.

*mittlerweile benutze ich den Bambusstock als Krücke, ich bin gestern in ein Loch gefallen. Auch hierzu das nächste mal mehr.

Bis bald. euer Sauseonkel.

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