28. 6.2015

Die letzten Kilometer in Europa

Gerade bin ich ca. 40 km vor Istanbul. Sicher eine der weniger sehenswürdigen Ecken der Welt, ich würde jedem Radler empfehlen, einen ganz großen Bogen um den europäischen Küstenstreifen des Marmarameeres zu machen. Aber der Reihe nach:

Flüchtlingsströme in Macedonien



von Skopje aus fuhr ich auf der alten Nationalstraße, neben die sie direkt die Autobahn gebaut haben, aber die ganzen LKW trotzdem noch die Nationalstraße benutzen um die Maut zu sparen, so dass für mich als Radfahrer sicherer (und bequemer) gewesen wäre, die Autobahn zu benutzen. Tatsächlich kamen auch immer wieder Radfahrer auf der Autobahn entgegen. Irgendwann wurden es mehr, und dann kamen auch auf der Landstraße große Gruppen von Menschen entgegen, zu Fuß oder auf Fahrrädern. Ich habe mit einigen gesprochen, sie dürfen keine ÖV benutzen, sonst werden sie von der Polizei rausgeschmissen, manche sind schon Tage auf den Landstraßen unterwegs, schlafen im Straßengraben, dann geht es weiter. Die meisten kamen aus Afrika, aber auch sehr viele aus Syrien, Irak, Afghanistan usw. Es waren hunderte, die ich am Tag sah, sie quälten sich durch Regen und schwüle Hitze hunderte Kilometer von Griechenland nach Serbien. Glücklich sind die, die ein Fahrrad haben, ich weiß aber nicht, wo sie die herbekommen haben. Manche fragten mich auch, wo man welche "leihen" könnte.  Über die Grenzen geht es dann irgendwo im Grünen.
In Macedonien traf ich dann auch zufällig einen englischen Reiseradler, den ich in Albanien kennengelernt habe, wieder. er ist mit dem Rennrad und weniger Gepäck unterwegs und radelt zwar schneller, aber etwa die gleichen Kilometer wie ich am Tag. Er holte mich ein als ich Pause machte, auf einer Schotterstraße kam er auf dem Rennrad fluchend dahergekrochen. Als wieder Asfalt unter unseren Gummis war hängte ich mich in seinen Windschatten und wir sind zusammen nach Griechenland gefahren, wo sich kurz hinter der Grenze unsere Wege vorläufig wieder trennten, weil ich einen Abstecher nach Thessaloniki gemacht habe, eine Stadt voller junger Menschen, gestopft voll mit Autos, hohen Wohnhäusern, engen Straßen, und die Stadt mit der höchsten Café-Dichte der Welt. In fast jedem Haus ist unten ein Café, die meisten gut besucht, und abends verwandelt sich die Stadt in eine einzige Partymeile.

Vom griechichen Himmel in die türkische Verkehrshölle

Und somit kam ich endlich wieder ans Meer, habe mich in Griechenland von Strand zu Strand gehangelt. Vielerorts bevölkern die Bulgaren mit ihren Wohnmobilen die Strände und betreiben auf diese Weise sehr indiskretes Wildcamping, so dass es erst recht nicht stört, wenn ich mein Zelt hintern den Dünen aufschlage, wozu mich die Einheimischen auch immer ermunterten. An verlassenen Stränden mit glasklarem Wasser und weißem Sand, witzigen Begegnungen mit Anglern inklusive, zum Beispiel Sokratis, der in seinem Mercedes am Strand saß, mich herzlich zum Angeln einlud, irgendwann kam seine Freundin noch mit dazu. Er sagte immerzu "Jacop, Jacop, Jacop..." gefolgt von Fragen oder Ratschlägen, zum Beispiel ich müsse doch unbedingt nach Bulgarien, sehen wie die Menschen dort leben (mit Betonung auf leben). So oft habe ich meinen Namen noch nie in einer Woche gehört wie von ihm in einer Stunde. An der Küste ging es dann (im Nachhinein sehr gemütlich, doch damals habe ich noch nicht gewusst was mich in der Türkei erwartet) an vielen altertümlichen Ruinen vorbei in die Türkei, wo von der Grenze weg eine vierspurige schnurgerade Straße ca. 260 km nach Istanbul führt, ohne Rücksicht auf Berge einfach gerade über alles drübergepflastert. Wer braucht schon Kurven, wir machen die lieber in der Vertikalen. Also ordentlich Höhenmeter kurbeln...

Ab Tekirdag wird es dann unerträglich voll, der Seitenstreifen immer schmaler, der Verkehr immer dichter, die Bebauung hört ab Sivilri (ca. 60 km vor Istanbul) nicht mehr auf, und damit bin ich nun, 40 km vor Istanbul, eigentlich schon mitten drin, und muss mich nun noch einen Tag durch die Verkehrshölle quälen. Volle Konzentration, der kleinste Fehler könnte fatal sein, immer gleichzeitig nach vorne und in den Rückspiegel schauen. Ampeln? Nette Discobeleuchtung, mehr nicht. Einbahnstraßen? Pffff!

Es hilft, von zwei Dingen auszugehen (folgende Schilderungen enthalten Übertreibungen):

Erstens: Türkische Auto- und LKW-Fahrer sind wildgewordene Affen ohne Hirn und Verstand. Sie fahren wie die Henker, ausweichen auf die völlig freie Linke Spur ist unnötig, es sind ja noch 5 cm Platz zum Lenkerende. Es gibt 2 Strategien dagegen. Bei mäßig viel Verkehr hilft: In der Mitte der Spur fahren und somit ein deutliches Hindernis darstellen, das man bewusst überholen muss. Wird es doch knapp, hat man nach rechts noch Reserve. Bei viel Verkehr könnte das heikel werden, denn siehe "zweitens" unten. Dann hilft nur noch: fluchend ins Bankett zu flüchten oder eben versuchen, durch irgendwelche Seitengassen einen Weg zu finden. Dann mäandert man 20 Minuten durch Gassengewirr und Kopfsteinpflaster. Fragt man nach dem Weg, wird man eh nur wieder auf den "Ikvai" geschickt (hat mich ne Weile gekostet zu kapieren dass die "Highway" meinen), und meist kommt man automatisch nach spätestens 1 km wieder darauf.

Zweitens: Man ist völlig unsichtbar, und zwar für KFZ und Fußgänger gleichermaßen. Man muss lernen, bewusst und immer auf seine Vorfahrt zu verzichten. Autos kommen aus Seitenstraßen und biegen auf jeden Fall ohne zu bremsen ein. Ein beliebtes Manöver türkischer Fahrer ist übrigens: Überholen und praktisch gleichzeitg rechts abbiegen. Fußgänger rennen einem direkt vors Rad weil der Bus kommt. Den stärksten Verschleiß meiner Bremsbeläge habe ich nicht von den Pässen in Montenegro, sondern hier.

Dass man doch noch existiert merkt man dann am Gehupe. Ein kurzer Huper heißt: "Schau dass du weggkommst oder du bist platt", oder auch "Bleib wo du bist oder du bist platt". Was gemeint ist, muss situationsgerecht blitzschnell entschieden werden. Bei manchen Fahrern wird der Hupreflex verzögert ausgelöst, und zwar direkt wenn sie auf selber Höhe sind, also praktisch schon vorbei. Dann erschrickt man gleich doppelt. Viele Kurze Huper hintereinander heißen dann übrigens: "Hey, ist ja irre!  ein Radler, yeaah, willkommen in der Türkei". Nett gemeint, aber wenn man eh schon im Vollstress ist und tagelang durch diesen Lärm fährt, sind diese Grüße auf Dauer nervtötent.Man will einfach nur die Kilometer hinter sich bringen, aber sich zu motivieren fällt schwer. Und so machte ich eine etwas längere Übernachtung auf einem der seltenen Campingplätze, und wahrscheinlich dem einzigen mit Windsurfverleih, und bin mittags noch 2 Stunden surfen gewesen, leider bei etwas ablandigem Wind, was ihn durch die Küstenbebauung sehr turbulent machte. Und so kam ich mir zwischendrin vor wie der erste Mensch und hatte in den Böen der Stärke 5 selbst mit einem 4qm Segel und Trapez Mühe und spielte manchmal menschliches Katapult mit der Surfausrüstung. Der Baywatch mit seinem Jetski war zum Glück immer in der Nähe. Allerdings ist das Marmarameer wirklich das dreckigste Meer das ich je sah, eine stinkende, trübe, veralgte Brühe, und wenn man aus dem Wasser kommt sieht man aus wie ein Weihnachtsbaum mit grünem Lametta, bäh.
Am Nachmittag wollte ich dann noch etwas näher nach Istanbul kommen um das schlimmste Ende nicht zu müde zu meistern und fuhr noch ein Stück weiter. Leider kam kein Campingplatz mehr und auch Herbergen konnte ich keine erkennen, und so fragte ich mal wieder Leute, wo ich denn schlafen könnte.

Und dann geschah der erste Raub. Es war ca 3 km von hier entfernt. Es ist nicht viel passiert, der Typ hat mein Bargeld was ich in meinem kleinen Geldbeutel hatte erbeutet, das waren 10 türk. Lira und 1000 albanische LEK mit denen ich eh nichts mehr anfangen konnte, zusammen ca. 12 Euro. Es war auch kein konventioneller Raub, ich kannte den Täter schon ca. 1 Stunde, er hat mir einen Platz am Meer gezeigt, unterhalb von seinem Wohnhaus, und habe mit ihm am Meer gesessen und ein Bierchen mit ihm getrunken. Ich merkte dann, dass vermutlich der Alkohol auch eine Rolle gespielt haben könnte, und große Augen seinerseits, er wurde auf einmal sehr neidisch,  hat sich an meinem Geldbeutel vergriffen und ihn mir weggenommen, weil er schon wusste dass er in der Lenkertasche ist (hatte ihn zum Bezahlen rausgenommen gehabt und dann wieder reingesteckt). Die Kamera hatte er auch schon in der Hand aber wohl nicht kapiert was das ist, da sie in ihrer Tasche drin war. Er wollte den Geldbeutel nicht wieder hergeben und dann dachte ich, ok ich nehm mein Rad und gebe mir die Sporen, bevor irgendetwas weiter passiert. Es wär ein Leichtes gewesen für die Polizei, den ausfindig zu machen, ich habe auch gesehen, mit welchen Leuten er geredet hatte, die ihn kannten und ich kannte sogar auch seinen Namen, aber ich wollte einfach nur noch n Platz für die Nacht, es war schon fast dunkel, und hatte einfach keine Lust auf irgendeinen weiteren Stress, wegen so nem lächerlichen Betrag. was mich halt nervt ist dass er damit durchgekommen ist und für seine dummdreiste Scheiße nicht bestraft wird. Da es mittlerweile dunkel war bin ich ca. 2 km weitergefahren und hab ich mich zu einem einigermaßen bezahlbaren Hotel durchgefragt, das ist trotz der dichten Besiedelung hier nicht so einfach.
Als ich mir die Sache noch ein paar mal durch den Kopf gehen ließ und analysierte sind mir doch einige Dinge aufgefallen. Zuerstmal: Tatsächlich war es nicht so, dass ICH IHN angesprochen hatte. Ich hatte jemand anderen angesprochen, und er kam dann dazu, die ursprüngliche Person verabschiedete sich dann. Zweitens: Ich hatte bei ihm schon irgendwie ein seltsames Gefühl. Warum wollte er immer wieder wissen wie viel mein Fahrrad gekostet hat (worauf ich ihn anlog, ich wüsste es nicht da ich es mir nur ausgeliehen habe, aber es ist nicht viel)? Er hat sich sehr für den Inhalt meines Geldbeutels interessiert. Warum immer die Frage warum ich nicht in ein Hotel ginge, ich hätte doch Geld. Vielleicht dachte er auch, die 1000 albanischen Lek wären Lira (und damit das 50-fache wert). Und noch ein kleines Detail: Allein die Art wie er ging war mir schon seltsam aufgefallen. Und das dachte ich mir NICHT erst hinterher. Es ist aber schon unglaublich wie so etwas, ein astreines Vorurteil, einem doch intuitiv viel über einen Menschen aussagen mag. In der Situation selbst sagt man sich aber: Ja was denn, es ist halt sein Gang, warum sollte ich ihn darüber urteilen? In Zukunft werde ich soetwas wohl doch mehr Beachtung schenken, ob ich will oder nicht.


Leider habe ich von der Türkei dieses mal dadurch einen eher negativen Eindruck. Wenn ich nicht wüsste, dass sie auch anders ist, nämlich mit sehr netten Menschen und tollen Landschaften, würde ich direkt umkehren. Aber so bekommt der asiatische Teil auf jeden Fall seine verdiente Chance.

29.6.15

Ein kurzer Nachtrag: Ich habe es geschafft! Befinde mich derzeit in Asien :-), im anatolischen Teil Istanbuls, bei meinen äußerst netten Gastgebern. Und Istanbul ist toll!

der Sauseonkel

 

Einkaufen

Der alte Gemüsemann mit der dicken Brille in Shkoder zeigte eine Schnute und wackelte verneinend mit dem Zeigefinger, als ich zwei Paprika in die Hand nahm, die ich kaufen wollte. Dann nahm er das Messer, schnitt die Spitze ab und hielt sie mir unter die Nase. Dann schnitt er die Spitze einer Paprika der anderen Sorte - aber zum gleichen Preis wie er mir zu verstehen gab - hielt sie mir ebenfalls unter die Nase während er mit der anderen Hand unter seiner Nase eine rollende Bewegung machte und tief einatmete: Viel mehr Aroma. Ok gut, dann nehm ich natürlich die! Mein prüfender Blick auf die Gurken bewirkte bei ihm eine schnelle Handbewegung in die Tiefen des Gurkenhaufens, aus der sie mit der grünsten und frischesten Gurke wieder auftauchte. Strauchtomaten? Neinnein - diese Sorte hier schmeckt viel besser! Kostprobe? Und am Ende packte er mir noch eine Zwiebel als Geschenk obendrauf, er kann Gedanken lesen! Gesprochen hat er übrigens kein Wort. Das Gemüse: 50 cent. Der Rest: Unbezahlbar.

Weiter zum Bäcker. Zwei Dicke Frauen hinter dem Ladentisch. Ein Stück Pizza, zwei Burek mit Käse, "das-Ding-da-mit-Schokolade" und ein großes Brot. Wieder 50 Cent. Als ich draußen war, waren die beiden Frauen drinnen im Hinterzimmer verschwunden und in hysterisches Gelächter ausgefallen. Ich rätselte eine Weile was an mir oder meinem Verhalten so lustig war - im Endeffekt war es mir egal und ich war froh dass ich ihnen so mühelos den Tag versüßen konnte.

 

Geschäftsmänner

Mit dem ganzen Proviant sollte ich doch sorglos bis nach Komani kommen, von wo mich am nächsten Morgen ein Boot über den See schippern sollte. Auf dem Weg nach oben rastete ich im Schatten einer Kiefer, als ein Auto herunterkam und neben mir anhielt. Es war der Kapitän der Fähre. "Are you going to Komani? You can sleep on the boat if you want, I will call the guard, we start at 9 am tomorrow!" Am Fährhafen schließlich angekommen saßen vor einem Restaurant der Besitzer und zwei seiner Freunde. "Welcome my Friend! You want a Raki or a Beer?" Aus dem Schnaps wurden 2, aus dem Bier wurden 3, und da so etwas nach 5 Stunden Fahrt ordentlich die Birne verdreht, bestellte ich schnell was zu essen. Am Ende wurde mir nur das Essen in Rechnung gestellt. In Prizren wollte der junge Bäcker meine emailadresse, aber dass ich das Brot bezahle lehnte er vehement ab. Ich weiß nicht wie ich mich in diesen Situationen richtig verhalte - Ich kam schließlich als Kunde, kaufe Sachen und will dafür bezahlen. Die Menschen scheinen aber zuerst gute Gastgeber sein zu wollen  - und erst dann Geschäftsmänner-  und freuen sich so sehr fremde in ihrer Stadt zu sehen so dass ihnen diese Freude mehr wiegt als das entgangene Geschäft -soweit meine Interpretation. Im Kosovo kam es nicht nur einmal vor dass mich Menschen auf der Straße ins nächstgelegene Cafe einluden um ein bisschen mit mir zu plaudern. Bei diesen Begegnungen erfährt man soviel über Land und Leute und auf eine Art und Weise dass man jeden Reiseführer in die Tonne treten kann.

Ansonsten war ich Pässe kurbeln. Ich wusste ja gar nicht dass es auf dem Balkan so hohe Gebirge gibt. Albanien, Kosovo, Macedonien, überall stehen diese über 2500 m hohen Berge rum, zwischen denen man durch muss.

Skopje

Heute Mittag kam ich dann in Skopje an. Das Zentrum zu finden ist mir in keiner Stadt je so schwer gefallen. Folgt man den Schildern, fährt man dran vorbei. Fragt man Menschen, auch. Zwei Stunden bin ich in der Stadt rumgeeiert auf der Suche nach der Altstadt. Zwei Nahtod-Erlebnisse im Stadtverkehr brachten schon mich soweit aufzugeben und grade Richtung Griechenland zu fahren. Leute! Wie funktioniert das mit den Ampeln hier? Man hat rot, aber jeder fährt weiter. Man hat grün, aber wird von einem Auto aus der Seitenstraße mit quietschenden Reifen attackiert!  Erst der Betreiber des Hostels, welches ich zufällig fand, konnte mir den Weg ins Zentrum erklären. Dort gibt es eine neue, gigantische Statue von Alexander dem Großen und viele animierte High-Tech-Springbrunnen drum herum, aus dem Ei gepellte neo-eklektizistische Fassaden, einige kosten- aber nutzlose Museen, frisch gepflasterte und aufwendig beleuchtete Plätze, es werden Zigmillionen in solchen Kitsch investiert, weil man denkt Touristen anlocken zu können, und in den Vororten verfällt alles und die Kinder betteln an den Ampeln. Geht man hundert Meter weiter über die Steinerne Brücke in die Altstadt, bekommt man zum Glück noch ein ganz anderes, authentisches Bild. Moscheen, Cafés, Läden für alles mögliche. Und viele interessante Gesichter.

Von den Menschen von Skopje gibt es hier ein eigenes Album

Und sonst so:
Hauptbeschäftigung neben Radfahren: Trinken
Aufgefallen: morgen beginnt der Ramadan
Abgefallen: mal wieder 3 Schrauben der Ortlieb-Taschen
Gut gefallen: Mein Sattel ist jetzt eingefahren.

Heute mal in Ermangelung an Zeit und Laune weniger Text..

 

Als ich nach Montenegro über die Grenze fuhr, änderte sich die Landschaft schlagartig. Weniger Wald, viele Felsen und Hochplateaus, und überhaupt ist Montenegro dafür dass es so klein ist unglaublich abwechslungsreich und auf jeden Fall eine Reise wert. Überhaupt hatte ich das Gefühl, im winzigen Montenegro mehr gesehen und erlebt zu haben als im großen Bosnien. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und alle 2 Stunden radelt man durch komplett andere Landschaft. Aber die Bilder sagen mehr als tausend Worte... Nur von Niksic zur Küste ist es weniger interessant, dort dominiert ewige Karstlandschaft, die bis zur Küste reicht, dafür wird man reichlich belohnt, als sich plötzlich der Blick auf die Bucht von Kotor auftut. Dort der übliche Tourismus, trotzdem sind die Leute hier extrem nett und zuvorkommend, man hat nicht das Gefühl nur eine Geldquelle zu sein, die Strandliegenvermieter erlaubten mir, am Strand zu übernachten ohne was zu bezahlen, anscheinend ist die Zielgruppe eine ganz andere. In Budva habe ich Petr aus Prag zufällig wiedergetroffen, den ich in Zabliak zuvor schon kennengelernt hatte. Er ist nur mit Hund und Gitarre unterwegs und spielt Gitarre um sich seine Reise zu finanzieren. Mehr als 10 Euro besitzt er fast nie. Mit ihm habe ich dann in Budva ne kleine Gitarren/Ukulele-Session gemacht, er hatte noch einen Euro, und meine Einladung, für ihn Essen mit einzukaufen nur ungern angenommen. Als ich aus dem Supermarkt kam, spielte er, es waren bereits 70 ct. in seinem Hut, und während ich ihm ein Käsebrot machte, wurden es 3. Nachdem wir gegessen hatten spielten wir weiter, es kamen ein paar Jugendliche, einer zog ein Plektron aus der Tasche, fragte ob er mal an die Gitarre dürfte und rockte uns völlig unbekannte Songs auf Kroatisch runter. Die anderen Jungs standen drumrum, grölten mit und innerhalb kürzester Zeit waren 30 € im Hut. Die Jungs gingen weiter, drückten uns noch das Plektron in die Hand, und Petr verstand die Welt nicht mehr... So wurde er doch noch gut satt, und Doha, sein Hund, auch. Den Rest des Abends verbrachten wir mit ein paar einheimischen Jungs am Strand, spielten Lieder für sie, zusammen oder abwechselnd auf der Gitarre. Am nächsten Morgen brachte ich ihm noch True Love Waits von Radiohead bei, er kannte es noch nicht aber wollte es unbedingt lernen nachdem er von mir gehört hatte. Ich habe ihm dann noch den Songtext und die Akkorde aufgeschrieben, aber Petr ist nicht gut im englischen, und so hat er den Text in phonetischer / tschechischer Schrift noch mal daneben geschrieben. Überhaupt singt er zu den meisten Liedern nur "ajalalaja", oder "kukurukuku amore", er meint die Leute hören eh nicht auf den Text, also braucht er ihn auch nicht zu merken. Es reicht wohl um soviel Geld einzunehmen um sich essen und ab und zu ein busticket zu kaufen. Ich fand die Begegnung sehr inspirierend.

Am nächsten Tag bin ich über den Skadarsko-See nach Albanien gefahren. Auf dem Weg habe ich Adam und Grey aus London kennengelernt. Die beiden hatten schon eine Unterkunft ausgecheckt, und so kommt es dass ich gerade in Shkoder in einem netten Hostel gefrühstückt habe. Das heißt "Green Garden", und ist in jeder Hinsicht empfehlenswert. Der Gastgeber ging mit uns essen, danach noch auf ein Jazz-Festival, und gerade bringt er die Jungs noch in die Stadt zu einem Laden wo sie endlich mal ne Landkarte kaufen können. Albanien scheint was die Gastfreundlichkeit angeht also Montenegro und Bosnien in nichts nachzustehen. Ich bin gespannt.

Es grüßt der Sauseonkel

31.5.2015, bei Visoko, Bosnien and Herzegowina

Abends so...


Ich sitze gerade in einem kleinen Unterstand am Waldrand oberhalb von einem Dorf. Der Mond ist schon aufgegangen und in der Ferne schimmern die Lichter von Visoko, irgendwo ruft ein Muhezzin zum Abendgebet. Bis eben war noch der Schäfer, der diesen Unterstand gebaut hat, mit seinem Sohn und seiner "Herde", etwa ein Dutzend Tieren, hier. Er saß im Gras, rauchte und sang, und sein Sohn konnte etwas Englisch und hat mir einiges über Bosnien und Herzegowina erklärt. Er  sagte mit groß ausschweifender Geste, Bosnien sei ein wunderschönes Land, "doch die wenigsten wüssten es", und da musste ich ihm einfach beipflichten. "Und die Menschen sind sehr nett", fügte ich hinzu, und dass wissen wahrscheinlich auch die wenigsten. Man würd überall freundlich begrüßt und bewunken, und wenn die Menschen einen ansehen wie ein dreiköpfiges Pferd liegt es wahrscheinlich daran dass sie noch nie einen Reiseradler gesehen haben. Wenn man dann freundlich lächelt und winkt, kommt das auch meistens zurück. Auf dem Land frage ich am Abend meist mit Händen und Füßen und dem Wort "schator" für "Zelt" Menschen nach Erlaubnis, auf ihrem Land oder im Garten zu zelten. Dann wird meist über das Feld gebrüllt, der Familie Bescheid gegeben, die Nachbarn wissen dann meistens auch schon Bescheid, und manchmal stehen dann 7 Leute um einen rum und schauen zu wie man das Zelt aufbaut. Wenn man Glück hat, ist jemand dabei der Deutsch kann, meistens war einer schonmal ein paar Jahre in A/CH/D arbeiten. Dann packe ich noch die Ukulele aus und spiele ihnen das einzige Lied vor dass ich bis jetzt darauf kann, und später kommt noch jemand vorbei und winkt einen zu einer Tasse Kaffee auf die Terasse. Versucht man wild irgendwo zu zelten (Stichprobe n=1) wird man sowieso entdeckt, sei es vom Landbesitzer, einem Angler oder sonstwas, aber anstatt fortgeschickt zu werden, wurde ich belehrt, dass das hier doch kein schöner Platz ist, und ein paarhundert Meter entfernt sei doch ein viel besserer Platz. Wo man mit dem Auto auch nur ansatzweise hinkommt, wird auch früher oder später jemand auftauchen, und es ist erstaunlich, wo die Kerle mit ihrem Auto überall hinfahren können.
Während ich diese Zeilen schon bei Dunkelheit in meinem Buch notierte, kam übrigens an oben benanntem Platz mit dem Unterstand des Schäfers tatsächlich noch ein Auto an, es stieg ein großer, dicker, besoffener Mann aus und kam direkt auf mich zu. Ich war der Überzeugung dass ich wahrscheinlich zusammengeschlagen werde und danach um einige Dinge leichter bin, aber er ging mir einfach nur 20 Minuten tierisch auf den Sack, hat alle möglichen Argumente herausgezogen warum ich mit zu ihm kommen soll zum "schlafen"  - das einzig deutsche Wort dass er kannte  (Zelt stünde schief, es ist kalt, es ist dunkel, es gibt nichts zu trinken, es ist laut - erstaunlich wie viel man von einer Sprache versteht, obwohl man kein Wort versteht). Es war sehr schwer freundlich zu bleiben, aber am Ende konnte ich ihm doch zu verstehen geben, dass er jetzt in sein Haus schlafen geht, und ich ich in mein Zelt, und alles sei dobro, dobro... Es war eine wirklich ungemütliche Situation, und ich war froh, darin keine Frau zu sein. Schade, denn kurz vorher hatte ich ja diese Wahnsinnsbegegnung mit dem Schäfer und seinem Sohn.

 2. Juni 2015, Sarajevo

ein paar Brocken Politik kann hier jeder

Der Schäfersjungen bei Visoko erzählte mir unter anderem dass BiH 3 Präsidenten hat, einen serbischen, einen kroatischen und einen bosnischen. Später habe ich in Sarajevo von einem Deutschen, der für die GIZ arbeitet, erfahren, dass es entsprechend auch drei Parlamente, drei Regierungen, entsprechend jeweils drei Ministerien für alles, und so fort, dann wiederholt sich alles auf Kantonebene, alles in allem gibt es also 150 Minister, entsprechend geht in BiH nichts vorwärts und auch nichts zurück, alles blockiert sich gegenseitig und ist wohl ein noch größerer Kindergarten als bei uns zu Hause. Dazu kommen - wie ich von meinem Couchsurfing-Host in Sarajevo erfahren habe - Korruption, hohe Staatsverschuldung, immernoch Probleme in den Köpfen vieler, die Konflikte von damals wurden nie ausgefochten, internationale Truppen hätten Friedensverträge forciert, die aktuelle Frontlinie wurde angeblich als Staatsgrenze festgelegt. Viele fühlten sich ungerecht behandelt, aber daran ändern kann man auch nichts mehr, ohne die Konflikte wieder aufflammen zu lassen. Die einzelnen Menschen allerdings kamen mir alle sehr nett vor und vermittelten den Eindruck, dass es doch egal sei von welcher Ethnie man jetzt kommt.

Stadtleben

In Sarajevo sieht man noch so einige Spuren des Krieges.  Aber man merkt auch wie die Stadt lebt, auf den Straßen ist was los, es gibt viele Bars, Restaurants, man trifft sich in Parks zum Schachspielen. Die Einschlagkrater und Einschusslöcher sind halt immer noch mit dabei und erinnern an die Zeit, das ist schon speziell. In Sarajevo wurde ich dann von einem etwas angeheitertem langhaarigen Traveller aus Frankreich angesprochen, der schon 3 andere Backpacker im Schlepptau hatte, und irgendwann waren wir dann zu siebt und sind ein paar Bierchen trinken gegangen. Er hatte seine Schuhe am Strand in Kroatien gefunden, davor war er barfuß unterwegs, und seine Kreditkarte wurde gesperrt. Alles kein Problem sagt er, alles egal, er reist trotzdem weiter - ohne Geld, ohne Gepäck, irgendwann stirbt er sowieso, denn er spuckt seit gerade eben blut - auch eine Art zu reisen.

Und sonst so:
Hauptbeschäftigung neben Radfahren: Winken
Aufgefallen: Auf dem Land hat jede Familie ihre eigenen Felder, die sie mit der Hand bestellen.
Abgefallen: Der Blutdruck, wenn man sich vom Schock erholt wenn mal wieder von einem LKW überholt wurde
Gut gefallen: Die Berge und Wälder und die vielen Trinkwasserbrunnen an der Straße.