21.8.2014

ich bin jetzt 4 tage im regen gefahren, mit kurzen unterbrechungen (sowohl was den regen angeht, als auch das fahren) und konnte so meine psyche und mein material ausgiebig testen. genächtigt habe ich 2 mal im wald, und gestern endlich mal wieder an einem strand (das ist nicht so einfach hier in finnland. entweder kommt man aufgrund der vegetation nicht ans wasser ran oder es befindet sich an einem privatgrundstück.) Der Waldboden war mittlerweile eher ein sumpf, und so musste ich mich nach einer alternative umsehen. zwischendurch war ich kurz vorm aufgeben, wilma hat mir ordentlich einen verpasst, aber ich weiß dass ich am ende siegen werde und so radele ich immer noch. es macht zwar nicht mehr so viel spaß wie im baltikum, aber es macht noch spaß- unterm strich steht n plus, und darauf kommts an.
 meine ausrüstung geht in die knie, und das sorgt in verbindung mit dem wetter schon für den ein oder anderen frustschrei.
gestern war der schlimmste tag. alles war klamm. die kleidung, die hände, sogar der schlafsack. es gibt keine möglichkeit irgendetwas auch nur irgendwie zu trocknen. es hat praktisch ununterbrochen geregnet von morgens bis spätabends, mit einer 2-stündigen pause gegen 18 uhr. da war ich gerade in kristinestad in der nähe von einem campingplatz, aber die wollten 15 mäuse und hatten nicht mal ne sauna, und so bin ich weitergefahren. die wassermengen die zum teil runterkamen waren gewaltig. jeder kennt es ja wenn bei einem heftigen gewitter mal ein paar minuten alles auf einmal runterprasselt was in der wolke drin ist. aber gestern ging das zum teil eine halbe stunde so, und das 4-5 mal am tag. der normale regen dazwischen hat sich dagegen wie sonnenschein angefühlt. und dann wieder ein platten und dann ging die luftpumpe kaputt. wie soll man denn da noch die fassung behalten?
vor ein paar stunden bin ich in vaasa angekommen, und ich habe selten eine heiße dusche so genossen, nach 3 tagen entweder ungewaschen oder nur durch ein kurzes ostseebad, was zur zeit eher kein genuss ist! Ich bin wieder an einem netten campingplatz, die haben eine kleine hütte mit einem offenen kamin hier, und ein haufen birkenholz vor der hütte. ist ja klar dass ich gerade vor dem feuer sitze. alleine. anscheinend können die restlichen campingplatzbewohner mit einem feuer nichts anfangen und sitzen lieber unter led-licht in ihrem plastikmobil. eigentlich liegt der campingplatzpreis hier weit außerhalb meines budgets (perverse 21 €, entsprechend leer ist es hier auch. ist wohl noch nicht überall angekommen dass die preise in der nachsaison niedriger sein sollten...), aber die Rezeption ist zwischen 16 uhr und 10 uhr morgens nicht besetzt, und so verstehe ich das als einladung für eine kostenlose nacht, wenn man sich vor 10 uhr wieder verabschiedet.
 
nun aber zum testergebnis:

- die ortlieb taschen: dicht. das sind sie in der tat. aber: hat zwar nichts mit regen zu tun, aber die schrauben die die plane an der plastikschiene festhalten lockern sich und fallen raus! Liebe Ortlieb-Leute: es ist so einfach: benutzt selbstsichernde Muttern!!! ich hatte zufälligerweise drei schrauben und selbstsichernde muttern die da dranpassen im gepäck, und mit diesen keine probleme! mehr schrauben sollten jetzt nicht mehr rausfallen, mein vorrat ist erschöpft.      

- das zelt: msr hubba hubba hp. bis jetzt absolut dicht. ich bin begeistert. Ich habe es jetzt drei nächte in folge im regen auf- und abgebaut. Es fängt mittlerweile ganz leicht das müffeln an. heute war weitgehend trockenes wetter, und in der mittagspause habe ich es tatsächlich geschafft, es fast trocken zu bekommen. es ist übrigens ein standardmanäver von mir, während der mittagspause schlafsack und zelt zu trocknen, am liebsten in einem park bei einer bank, damit man gemütlich was essen kann nebenher. Es ist soo witzig, wie dumm die leute schauen, wenn sie vorbeikommen. man kann manchen richtig beim denken zugucken.

- die regenjacke: the north face, flight series.von innen so nass wie von außen.  ok sie hält immerhin den wind gut ab. und sie hat schon einige jahre auf dem buckel. dass ich sie vor der reise aber noch mit...

-...nikwax washin imprägniert habe, merkt man gar nicht. sie saugt sich sofort voll. leider die reinste verarsche, dieses imprägniermittel.

-das merinoshirt von bergans: genial, hält auch klatschnass noch warm. falls die regenjacke mal versagen sollte.

- die regenhose: von vaude. ist brauchbar. sie trocknet nach dem regen sehr schnell, und atmet richtig gut. im schritt verstärkt. zum radfahren gemacht.

- die überschuhe: auch von vaude, "bike gaiters short". Lächerlich. Sofort durchnässt und die schuhe darunter gleich mit. Mal ehrlich. warum wird soetwas als wasserdicht verkauft? das ist betrug! es ist nicht witzig, zwei tage lang klatschnasse füsse zu haben!!!! versucht mal bei sonem wetter die schuhe trocken zu kriegen! viel spaß! die 0 euro lösung, zwei gemüse-tüten aus dem supermarkt, machen den job 100 mal besser.

- und als ob ich mich damit nicht genug rumärgern musste, versagt mir gerade ein großer teil meiner restlichen ausrüstung:
die in potsdam für 30 euro neu gekaufte luftpumpe on lezyne ist nach 3 mal reifen aufpumpen hinüber. der schlauch gerissen, einfach so, puff!
ich hasse es wenn man sich auf seine ausrüstung nicht verlassen kann. im falle einer luftpumpe ist das aber echt fatal! liebe lezyne leute: sagt mal testet ihr eure pumpen nicht bevor sie in serie gehen? mit testen meine ich, sie mal 10 tage hintereinander zu benutzen, um einen platten reifen aufzupumpen. auf die garantie kann ich echt verzichten, die bringt mich hier mitten im finnischen wald mit 50 km zum nächsten radladen keinen meter weiter! das ding muss einfach funktionieren!
aber ihr habt glück. da ich bisher nur schlechte erfahrungen mit teuren luftpumpen gemacht habe, habe ich noch eine 2,50 euro plastikpumpe als reserve dabei. mal sehen wie lange die durchhält.
liebe luftpumpen-hersteller: gibt es doch noch einen unter euch, der luftpumpen herstellt, die ZUVERLÄSSIG sind? der darf mich gerne sponsern, dann schreibe ich hier was nettes, wenn es stimmt.

- der sattel, ein brooks, hat sich mittlerweile durch die nässse so sehr verformt, dass aus meinen hartgekochten eiern spiegeleier werden. ich habe ihn daraufhin mit löchern und kabelbindern wieder halbwegs hinbekommen. Ah und mit dem hab ich eh noch ein huhn zu rupfen: ist mir doch in estland die schraube gebrochen. am anfang hab ich das so gelöst, dass ich die mutter über die bruchstelle angebracht habe, so dass sie die beiden teile zusammenhält, aber dafür war die spannung dann zu niedrig. also habe ich die werkstatt von dem netten esten, bei dem ich zu gast war, erfolgreich nach einer neuen gewindestange durchsucht. aber haha! brooks benutzt kein metrisches gewinde, also passte die brooks-mutter nicht mehr. eine metrische mutter passt aber nicht in das brooks-loch. mhhpf! glaubt ihr lieben brooks leute denn dass die schrauben nicht brechen? oder dass jeder radreisende ein paar von diesen schrauben mitnimmt? jetzt fahre ich also einen äußerst entstellten und improvisierten sattel, der dafür aber- und das muss man ihm wirklich zu gute halten - immer noch einigermaßen bequem ist.

-das schloss, ein abus bordo mit zahlenschloss, schließt zwar noch ab, aber die zahlen lassen sich nur sehr schwer drehen. sicher auch ein ergebnis von einer woche regen. wie wärs mit rostfreiem metall im schließmechanismus?

- der fahradcomputer: sigma bc 14.12 alti, hält treu durch. bis jetzt keine wasserschäden. super!


Liebe Ausrüster, falls ihr das lest und manchmal denkt: "das können wir besser", lasst es mich wissen.

24.8.
Plitsch platsch blubb....

es geht grad so weiter. Das zelt war schon lange nicht mehr wirklich trocken, und meine angewohnheit campingplätze anzusteuern um dort zumindest ne heiße dusche abzuschnorren wird zur gewohnheit.
mittlerweile hat auch das e-werk aufgegeben, oder zumindest irgendwelche kontakte in der kabelkette davor oder danach, was weiß ich...
jedenfalls kann ich kein handy mehr laden, keinen ipod, kein kamera-akku. kamera und ipod geht noch über die usb-buchse am computer (handy nicht, das ist gerade tot), aber das mach ich nur, wenn stromnetz zur verfügung steht. hab mit schleifpapier versucht die kontakte zu ent-korrodieren, aber das brachte auch nichts. eins meiner nebenprojekte wird neben dem trocknen von ausrüstung nun also sein, ein multimeter aufzutreiben und zu schauen wo der fehler liegt, erstmal.
ICH BIN ALSO ÜBER HANDY VORERST NICHT ZU ERREICHEN!!!
Bin heute 170 km nach norden gefahren und hab oulu erreicht. fotos gibt es nicht viele, erstens finde ich finnland gar nicht so wahnsinnig interessant, und zweitens hol ich bei regen ungern meine kamera raus, das fotografieren macht dann nicht so viel spaß.

25.8.
Das Wetter scheint sich langsam zu bessern. Heute nacht hat es zum ersten mal seit langem nicht geregnet, und zum frühstück hat sich sogar die sonne blicken lassen. ich habe das gefühl, meinen schlafsack und das zelt mal einigermaßen trocken bekommen zu haben. allerdings soll der mittwoch schon wieder mit langanhaltenden regenfällen aufwarten.


-

brrr.
wer hat den schalter umgelegt?
hier in finnland ist es auf einmal 15 grad kälter als bisher auf meiner reise. und 15 grad wärmer als am gefrierpunkt. außerdem fällt dauernd wasser vom himmel, das erste mal hat mich das schon sehr überrascht. dann erinnerte ich mich: ich kenne das doch von früher, man nennt es regen, und kramte ganz unten in meinen taschen nach den regenklamotten. mittlerweile packe ich sie nicht mehr weg, sie sind nur mit einer schnalle am gepäckträger befestigt, so bin ich in 20 sek. komplett von kopf bis fuß versiegelt. übung macht den meister, das geht ca. 4 mal am tag so. hier geht eine kaltfront nach der anderen durch. brrrr.
mittlerweile weiß ich wer schuld ist: sie heißt wilma, ist "ein sturmtief über skandinavien" wie man so schön sagt. diese phrase hört man ja ständig im wetterbericht. jetzt erlebe ich es mal hautnah mit wie sich sowas aus nächster nähe anfühlt. tatsächlich habe ich auf der wetterkarte gesehen: gerade ist wilma genau über mir (blick nach oben: hallo wilma! und jetzt verpiss dich!)
ich habe mir heute unter diesen umständen einen campingplatz gegönnt (in Rauma, da bin ich gerade!): 5 sterne, mit heißer dusche, waschmaschine, trockner, küche, wifi, und - das versteht sich hier in finnland natürlich von selbst - mit sauna!!! Für schlappe 5 euro pro nacht alles inklusive. schon komisch. wie machen die das? wo sonst alles doppelt so teuer ist wie in Deutschland (für ein kleines bier würde ich hier 6 löhnen!)...
ja - es ist off season! die küstenstädte sind leer, die campingplätze auch fast. die fähren fahren mittlerweile nach winterfahrplänen, die leute laufen mit mützen rum, und die birken schmeißen die blätter ab. wilma hat den schalter umgelegt! vom sommer im subtropischen baltikum in den winter im nordischen finnland. beeindruckend. eine raum-zeit-reise über den finnischen meerbusen. anstatt musik und feiernden menschen hört man hier jetzt entferntes donnergrollen, die bar hier hat längst gesschlossen, und ich bin der letzte der noch auf ist.

ansonsten

  ich war mal wieder inselhüpfen. habe mich ja schonmal als inselfan geoutet. diesmal gings über das turku- arichpel. ich war auf ca. 20 inseln.  das ist direkt östlich von den aland inseln. also im prinzip gehört das zusammen. sauschön hier! viele inseln sind durch brücken verbunden, insgesamt muss man aber ca. 10 mal fähre fahren. oft nur ein paarhundert meter. gestern abend hatte ich massig zeit um mir einen schlafplatz zu suchen, denn die letzte fähre zum weiterkommen fuhr um 16 uhr, ich kam aber um 17 uhr am hafen an, und so war ich auf einer ca. 10 km² großen insel gestrandet. dabei habe ich gemerkt dass der wald voller blaubeeren ist, und sammelte bestimmt ein halbes kilo vor dem schlafengehen ein. heute morgen wollte ich um 9 auf die erste fähre, um 7 klingelte der wecker, und der regen prasselte aufs zelt. habe dann fast zwei stunden im zelt im schlafsack eingemümmelt kaffee getrunken und porridge mit blaubeeren gegessen. mhhh! das war richtig gemütlich, fast hätte ich die fähre sausen lassen, aber die nächste ging erst um zwölf, und weitere drei stunden hätte ich nicht kaffee trinken können, denn dafür hatte ich nicht genug kaffeepulver. also in die regenklamotten rein, raus aus dem zelt, alles zusammengepackt und ab aufs rad und los zur fähre.... aber nein, ein plattfuß hat sich über nacht im vorderreifen breitgemacht (der zweite insgesamt). also das rad joggenderweise zur fähre geschoben, war zum glück nicht weit. dann auf der offenen fähre in peitschendem sauwetter den platten repariert. die überfahrt ging eine dreiviertelstunde, und genauso lang hab ich auch für den platten gebraucht, eine ewigkeit bei dem wetter, aber es war nicht einfach, bei dem wind und den wellen und dem regen das alles so sicher zu gestalten, dass kein werkzeug und keine kleinteile verloren gehen und über bord geschwemmt werden. die zweite tageshälfte war dann fair. der regen hörte auf, und der rückenwind setzte ein. kalt wars trotzdem noch. und gerade wo ich diese zeilen schreibe, gehts schon wieder los mit dem geplätscher. uff. Morgen früh bevor ich losfahre, gehe ich erstmal in die sauna.

kurze zwischenbilanz:

geradelte tage: 37
davon im regen: 6
davon in finnland: 5 (der restliche 1 tag war gleich der erste meine reise - im oberallgäu. Wen wundert's?)

plattfüße: 2
davon im regen: 1
davon in finnland: 1

km bisher: 3753
fahrzeit bisher: 237 h, das machht einen schnitt von 101 km/d bzw 15.8 km/h
höhenmeter rauf: 15 058

temperatur in meiner hosentasche: 26°C, wen's interessiert.

 

 

Käsmu, 10.08.2014

Es kam erwartungsgemäß anders als geplant.
Ich sitze gerade in einem kleinen Dorf namens Käsmu im Nationalpark Lahemaa, das normalerweise nur ein paarhundert Seelen beheimatet, und dies wahrscheinlich auch nur im Sommer. Es liegt direkt an einer wunderschönen Bucht, in der riesengroße Findlinge aus dem Wasser ragen. Tatsächlich ist der ganze Nationalpark übersäht von Millionen von Findlingen, im Wald, auf Wiesen, Gärten, im Dorf. Die Bewohner benutzen die kleineren der Findlinge um Mauern zu bauen, die großen bleiben an Ort und Stelle. Straßen, Häuser und Gartenzäune werden um sie herum gebaut oder sie integrieren sie. Die allergrößten Steine haben liebevolle Namen wie z.B.  Majaviki ("Hausfelsen") und sind bis zu 7 Meter hoch. Das sieht sehr märchenhaft und stimmungsvoll aus. Momentan sind in Käsmu einige tausend Menschen anzutreffen, es platzt aus allen Nähten, denn es findet das Viru Folk Festival statt.

Ein paar Eindrücke vom Festival


Das Dorf hat gar nichts von seiner Friedlichkeit eingebüßt, viele Gärten sind offen und die Eigentümer bewirten mit riesigen Grills oder Verkaufsständen die Gäste , oder stellen ihren Garten als Zeltfläche zur Verfügung. Das ganze Dorf ist also aktiv dabei, und die Stimmung ist wirklich ganz besonders. Gerade spielt jemand hinter mir Klavier in einem kleinen Raum in einem großen Holzhaus, in dem 20 Stühle stehen, und gibt ein Hauskonzert im KüKu-Style. Leute kommen und gehen. Ich sitze auf der Terasse, weil es hier Strom und WLan gibt. Weiter hinten im Dorf ist eine große Bühne aufgebaut, vor der locker 2000 Menschen Platz finden, und dann gibt es noch eine Waldbühne, nur durch einen Fußweg vom Meer getrennt, auf der anderen Seite des Dorfes, dort wo die mannshohen Findlinge am Strand liegen. Für die Konzerte auf den zwei großen Bühnen braucht man ein Ticket (ich habe mir einen Tagespass zugelegt), aber der Rest des Festivalgeländes, i.e. des Dorfes, ist frei zugänglich. Auf den Terassen der Häuser, auf Wiesen, Wegen und an dem kleinen Minihafen (dessen Kaimauer aus meterdicken Findlingen besteht) spielen überall kleine Bands, manche verstärkt und als Programmpunkte des Festivals, und andere einfach so. Der Verkäufer eines Süßigkeitenstandes sitzt unermüdlich mit seiner Gitarre neben der Schoki und singt schöne Lieder, ab und zu höre ich das Wort Schokolade darin. Es sind alle Generationen vertreten, Familien rollen mit Kinderwagen herum, Omis verkaufen waffeln und setzen sich, wenn der Teig ausgegangen ist, mit einem Klappstuhl zu den Konzerten. Gespielt wird alles was auch nur im entferntesten mit Folk zu tun hat: Bluegrass, Blues, Singer Songwriter, es gibt indischen Reaggae, hardrockende Samen, swingende Russinen und Heavymetal-Yoik. Ich könnte den Computer und meine Spiegelreflex über Nacht hier stehen lassen, und es wäre morgen noch da. An den Mehrfachsteckdosen, die im Eingangsbereich dieses Hauses zu finden sind, hängen herrenlose Iphones, deren Besitzer sich wahrscheinlich gerade auf irgendeinem Konzert herumtreiben. Das Haus, ein kleines Museum, ist immer offen, und eingerichtet wie eine Wohnung, mit der Besonderheit dass überall Krimskrams aus alten Zeiten rumsteht. Der Besitzer muss wohl keine Sorge haben dass irgendetwas verschwindet. Auch ich habe keine Sorge um meine Sachen auf dem Zeltplatz. Als ich heute morgen aus dem Zelt kroch, waren meine Nachbarn -sie Estin, er Neuseeländer (@Konstanze: er war aus Nelson aber dich hat er nicht gekannt)- auch gerade aufgestanden, und ich habe ihnen spontan Kaffee angeboten und im Gegenzug selbstgepflückte Blaubeeren erhalten, und wir haben sofort angefangen, über das Leben, Reisen und die Gesellschaft zu diskutieren. Falls ihr mal im August nach Estland kommt, solltet ihr dieses Festival nicht verpassen.

Good Eyes
Es ist jetzt Sonntag, ich bin seit Freitag Abend hier, und habe am Vorabend im Rahmen folgender Geschichte von diesem Festival erfahren: Ich wollte mal wieder am Strand schlafen, zwei Halbinseln oder ca. 20 km westlich von hier (Juminda, auch in diesem Nationalpark), von Tallin Richtung Osten fahrend. Mein Wasser war fast aus, und ich kam an einer Reihe von Sommerhäusern vorbei. Bei einem der letzten war ein Mann gerade dabei mit einem Gartenschlauch seine Pflanzen zu gießen und sah gedankenversunken dem Strahl nach, und so rief ich ihm vom Zaun aus zu und winkte, aber er bemerkte mich nicht. Nach einigen Versuchen gab ich auf und fuhr 200 Meter zurück und fragte an einem anderen Haus. Die Antwort war "Of course, come in". So schob ich mein Fahrrad in den Garten und er nahm mir direkt die Flaschen ab und verschwand damit im Haus. Bevor er sie mir gefüllt zurückgab, bemerkte er dass ich bestimmt Hunger hätte, es gerade Suppe und Brot gäbe, und bat mich auf die Terasse zu Tisch. Es waren ganz offensichtlich wohlhabende Leute, das wunderschöne alte Holzhaus war von einem riesengroßen Garten umgeben, und etwas neben dem eigentlichen Haus stand noch ein kleines längliches, mit 2 Zimmern und einer Holzofensauna, alles unglaublich stilvoll, viel Holz, viel traditionelle Handarbeit aber überhaupt nicht protzig. Hinter diesem Nebenhaus qualmte etwas, und er sagte: "In 5 minutes, the fish will be ready, I hope you have some time". Es waren zwei Dutzend kleine Flundern, die 2 Stunden vorher noch zappelnd im Netz hingen, und nun ohne zu zappeln in der Räucherkammer. Und so kam eines zum anderen, es kulminierte in einem spektakulären Feuerwerk an Gastfreundlichkeit, welchem ich mich nicht entziehen konnte, denn sie hatten offensichtliche Freude mich einzuladen, und mir wäre es unhöflich vorgekommen, abzulehnen und zu gehen. Zusätzlich zur 5-köpfigen Familie waren noch 4 Freunde zu Gast, und so saßen und aßen wir und unterhielten uns gut. E., diese herzerwärmende Frau bat mich inbrünstig, mich auf keinen Fall beim Essen zurückzuhalten. Die die mich kennen wissen dass mir Fisch ja eigentlich nicht schmeckt. Aber unter diesen Umständen war ich bereit mal wieder zu probieren. Frischster Fisch geräuchert konnte so schlecht nicht sein.  Ich aß den Fisch dann vollkommen auf, tatsächlich fand ich ihn sehr lecker. Eine Singularität. Es war sozusagen der beste Fisch den ich je zwischen die Kiemen bekam. Klammheimlich hatte A. zwischenzeitlich die Sauna angeheizt, nur für mich, wahrscheinlich dachte er ich würde abehnen wenn er mich fragen würde. Aber so war die Sauna schon bereit, als er es mir mitteilte, und ich hatte mein erstes rein privates Holzofensauna-Erlebnis mit Birkenaufguss. Am Ende blieb ich natürlich über Nacht, im Gästezimmer, sie bestanden darauf dass ich mich am nächsten Tag nicht vor dem Frühstück aus dem Staub machte. Als es dann schließlich so weit war, dass ich mich verabschiedete, steckte mir E. noch eine Tüte mit Sandwiches, Schokolade und Früchten zu. Sie bedankte sich dann bei mir für meinen Besuch und meine Gesellschaft. Das muss man sich mal vorstellen. Ihre Bemerkung, dass sie vielleicht nicht jedem dahergekommenen so vertraut und eingeladen hätten, "but you have good eyes", brachte dann tatsächlich Pipi in selbige.

An jenem Abend erfuhr ich von dieser Familie also vom Festival, und ich habe die beiden hier schon zweimal wiedergetroffen. Sehr schade dass heute das Festival zu Ende geht. Sie haben mich für den Rückweg wieder bei ihnen eingeladen. Der Rückweg wird bestimmt stattfinden, denn ich werde nicht nach Russland fahren. Meine Entscheidung, auf dieses Festival zu gehen war eine Entscheidung gegen Sankt Petersburg, denn meine eigene Deadline, bis zum 10.8. eingereist zu sein, läuft heute ab, und es wäre noch eine Reise von 2 Tagen bis zur Grenze. Und ich kann mir nicht vorstellen diese Entscheidung jemals zu bereuen. Außer wenn die 5 Zecken die ich mir heute rausgezupft habe mich mit fiesem Zeug infizieren. Nun fahre ich also zurück nach Tallinn und werde die nächsten Tage ein Schiff nach Helsinki nehmen.


14.08.2014 Helsinki


Gerade habe ich in Helsinki eingecheckt. Ich wohne hier im Olympiastadion, das billigste Hostel der Stadt, aber doppelt so teuer wie mein letztes in Tallinn.
Helsinki empfing mich am Hafen mit einem kostenlosen Konzert von Riika Timonen am Hafen, wo ich dann erstmal eine halbe Stunde zugehört habe, bevor ich mich aufmachte die Stadt zu erkunden. Helsinki lebt meiner Meinung nach vielmehr als Tallinn, wo die Innenstadt tagsüber nur aus Massentourismus und abends aus Partypeople besteht. In Helsinki hat man das Gefühl, als Tourist wieder in der Unterzahl zu sein, und das gefällt mir ganz gut. Es gibt hier noch Punks, aber auch viele Emos und Hipster, aber alle durchmischen sich ganz gut und geben der Stadt ein angenehmes Flair. Vor dem neuen Konzerthaus trifft sich die Skaterszene, und Jung und Alt sitzen auf den Treppen vor der Kathedrale zum ratschen. Ich würde gerne ein paar Tage in der Stadt bleiben, aber leider ist sie sehr teuer, und ich muss auch mal schauen dass ich Land gewinne, hier reden schon alle davon dass der Sommer jetzt vorbei ist und der Winter kommt. Gruselige Vorstellung.

hier noch ein paar Bilder von Tallinn mit Beschreibungen,

klicken zum großmachen, zum navigieren am besten die pfeiltasten verwenden.