Los gehts!

In Puerto Montt, der letzten größeren Stadt für die nächsten 500 km, decken wir uns vor allem mit dem ein, was wir sicher so schnell nicht mehr finden werden: non-instant Kaffee, Soya-Granulat als vegetarische Proteinquelle, ein paar Früchte, 2 kg Schokolade Schokolade (Import aus Deutschland), Honig, und so weiter. Zurück im Hostel große Augen: Wie um Himmels willen soll das alles in die Taschen passen? Neben zwei Zelten, drei Schlafsäcken, einfach generell verdammt viel Gepäck? Es ist schon verdammt faszinierend, dass ein gesamtes Doppelzimmer bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Ausrüstung vollgelegt werden kann. Genauso faszinierend ist es dann auch, dass doch alles problemlos in die Taschen passt.
Am nächsten Morgen wurde noch gut gefrühstückt, Proviant vorbereitet, noch einen Haufen Eier gekocht, die allerletzten Ersatzteile in einem Fahrradladen wurden besorgt, und dann ging es los: 1200 km Carretera Austral. Für Fahrradfahrer eigentlich ein ausgetretener Weg: angeblich kann man hier bis zu 6 pro Tag begegnen. Weil aber alle in die gleiche Richtung zu fahren scheinen, sehen wir trotzdem kaum welche. Am kuriosestes war sicher die Begegnung mit einem Japaner, den wir im Dauerregen im Regenwald überholt haben: Er bremste mit seinen Sandalen auf der Schotterpiste bergab. Auf die Frage was mit seinen Bremsen sei, sagte er nur, sie seinen kaputt. Ob er keinen Ersatz dabei habe? "Dochdoch! Ersatz ja!" Er hatte eine Daunenjacke an, die komplett durchnässt war, ebenso wie die auf seinen Gepäckträger gespannten Wolldecken, die ihn wohl in den kommenden Nächten eher nicht gewärmt haben dürften..., denn sie waren natürlich komplett vollgesogen mit Wasser. Seine eigentlich wasserdichten Packtaschen waren so vollgestopft dass sie oben offen waren und dankbar sämtlichen Regen auffingen. Nicht mal Plastiktüten hat er verwendet um das Wasser abzuhalten. Da es auch am darauf folgenden Tag komplett geregnet hat, verbrachten wir diesen Tag in unserem Zelt bzw. der Schutzhütte, die wir im Park Pumalin gefunden haben, und dachten noch oft an den verpeilten Japaner.

Ab in die Wildnis - Von  Urwäldern, Flüssen und Vulkanen.

Der Park Pumalin ist ein Vermächtnis des vor ca. 3 Wochen tödlich verunglückten Thompkins, Gründer einer bekannten Outdoor-Marke. Er kaufte ein Riesenstück Urwald, um ihn vor der Zerstörung zu retten und errichtete einige kleine Wanderwege und Lehrpfade in besonders sehenswerten Ecken. Er ertrank übrigens vor wenigen Wochen während eines Kajak-Trips auf dem 500 km südlicheren Lago General Carrera - und dort sind wir auch gerade und gönnen uns einen weiteren Pausentag. Ansonsten radeln wir jeden Tag ca. 30 - 50 km, kein wahnsinnig stolzes Pensum, aber wir genießen hier einfach um so mehr die Landschaft, schlafen morgens aus, und besonders schnell kommt man auf diesen Schotterstraßen ohnehin nicht voran. Nach 2 Tagen im Wald kamen wir dann bei trockenem Wetter in das Städtchen Chaitén, deren Schicksal vor 8 Jahren sehr auf der Kippe stand, als der unscheinbare Vulkan mit dem gleichen Namen, an dessen Fuß die Stadt liegt, völligst unerwartet Ausbrach und für Monate Asche in die Luft schleuderte. Er verwüstete durch pyroklastische Ströme nicht nur Teile der Stadt die für lange Zeit evakuiert war, sondern auch zig Quadratkilometer Urwald. Heute sind die meisten Bewohner zurück gekehrt, und es führt ein touristischer Pfad durch den zerstörten Wald, von dem nur noch die grauen Baumstämme der dicksten Bäume wie vereinzelte Geweihe übrig sind. Junge grüne Pflanzen bilden sich langsam nach, und von dem von Bims und Obsidian weiß und schwarz gesprenkeltem Hang hat man einen wundervollen, unversperrten Blick über den noch gesunden Wald weiter weg und bis zum Pazifik. Ein einzigartiges Erlebnis, faszinierend und ehrfurchterbietend vor den Gewalten der Natur. Am Kraterrand angekommen, bietet sich der Blick auf den innerhalb des alten Kraters entstandenen neuen Berg aus vulkanischem grauen und roten Material, zu dessen "Fuß", also in der Rinne zwischen altem Krater und neuem Berg, sich gelbe und braune Seen gebildet haben. Er raucht und dampft immernoch vor sich hin, und bildet über seinem Gipfel neue Wolken, ohne irgendwelchen Bewuchs, in krassem Kontrast zu dem Grün der Umgebung,  die von der Biologie langsam wieder zurückerobert wird. Ein anderer Vulkan, der "Hudson", einige hundert Kilometer südlich, brach 1991 aus, und auch er zerstörte Wälder noch 50 km entfernt und lud an manchen Orten 3 Meter dicke Schichten Bims und andere Vulkanasche ab. Der Straßenbelag besteht teilweise aus extrem rauhen und scharfen Kies und Sand. Aufpassen!

Die Straße die vielen nutzen soll- die Natur provitiert sicher nicht davon

Auf den ersten hundert Kilometern sowie einigen hundert Kilometern vor und nach Coyhaique ist die Straße asphaltiert - und man kommt auf vielen Baustellen vorbei, weil die einspurige Schotterstraße an vielen Stellen nun zweispurig ausgebaut wird - um daraufhin wahrscheinlich bald noch weiter asphaltiert zu werden. Dabei bieten sich einem ein paar traurige Anblicke, wie maximal-invasiv Wälder und Felsen abgemäht und weggebombt werden, nur um sich eine Kurve und zwei Höhenmeter zu sparen, den bisherigen Straßenverlauf nur um wenige Meter versetzt. Dabei werden Millionen von Dollarn versenkt, um die "Entwicklung" der Region voran zu treiben. Europäische Firmen aus Spanien, der schweiz und anderen Ländern sind ganz scharf darauf, denn hier befinden sich noch ganz viele wunderschöne wilde Flüsse, wie es sie in Europa ja schon lange nicht mehr gibt, die man durch dicke Staudämme zur Stromerzeugung zerstören kann. Glasklare Bäche und türkisgrüne Flüsse, aus denen wir regelmäßig unser Trinkwasser holen, die sich in einem breiten Bett ihren Weg selbst suchen, um dann in engen Stromschnellen, in denen noch Lachse bergauf springen, Richtung Pazifik rauschen, eine wunderbare und fast vergessene Natürlichkeit. Ich bin fassungslos wie sich aus reiner Profitgier Konzerne auf diese letzten unberührten Flüsse dieser Erde hermachen, vor allen Dingen wenn man hier erlebt, wie durch einige Täler und über Pässe jeden Tag so ein starker Wind weht, dass man mit ein paar Windrädern viel ausrichten könnte ohne ganze Täler zu fluten. Auf der gesamten Strecke habe ich bisher an einer Stelle 5 Windräder gesehen, die aber stillstanden, wahrscheinlich weil der Strom gerade nicht benötigt wurde, oder weil man sie aufgestellt und dann vergessen hat. Wer mehr über die drohende Umweltzerstörung und den Widerstand darüber erfahren möchte, kann sich auf "Patagonia sin represas!" ein wenig informieren.


Radlersorgen

Logistisch interessant bleibt es trotz aller Entwicklungsbemühungen.  Manche Orte sind mehr als hundert Kilometer entfernt und zwingen einen zu Lebensmittelvorratsplanung, die sowieso nicht besonders gesund ist. Gemüse und Obst gibt es in kleinen Mengen in längst überfälligem Zustand alle paarhundert Kilometer, ansonsten sind Weißbrot, Nudeln und Reis, Konserven, Schokolade und Haferflocken angesagt.
Spannend ist immer der Blick auf die Wettervorhersage. Wenn mal nicht 4 Tage in Folge mit Regen vorhergesagt sind, ist Feiern angesagt. Mit ca. 14 Grad ist es hier an Weihnachten (Es ist Hochsommer, wohlgemerkt) gerade so warm wie im Nordwinter am Nordpol, absurder als absurd.
Vielleicht haben wir auch ein besonders feuchtes und kaltes Jahr erwischt, denn die Temperaturen und der Niederschlag ist schon sehr herbstlich, aber der Wald erinnert eher an die Tropen, und auch manche Menschen erzählten uns dass es normalerweise mehr als 20°C und Sonnenschein hat. Das muss wohl auch for 80 Jahren schon so gewesen sein, als sich 4 Sudetendeutsche nach Patagonien aufgemacht haben nachdem sie in Berichten erfahren hatten dass es dort ähnliche Klimaverhältnisse hat wie in ihrer Heimat, um 1935 in einem Fjord die Ortschaft "Puyuhuapi" zu gründen. Lange Zeit nur vom Wasser aus zu erreichen, rodeten sie dort etwas Wald, und lebten von Viehwirtschaft und Teppichherstellung mit selbst gebastelten Webstühlen. Nach und nach kamen ein paar Arbeiter aus dem Norden dazu. Erst in den 80er-Jahren wurde die Straße bis dorthin gebaut. Nun erlebt der Ort einen zweiten "Boom", weil viele Touristen dorthin kommen, nicht nur weil es ein Ort ist, in dem man sich mal wieder mit Lebensmitteln eindecken kann, sondern auch, weil die Geschichte durchaus interessant ist - eine echte Pioniergeschichte, und die Häuser, die stabil aus Holz gebaut sind machen auch optisch einiges her. Andere Städte an der Carretera Austral wurden erst in den letzten Jahrzenten gegründet, und das sieht man an den teils immernoch provisorischen Wellblechhütten deutlich. Insgesamt nimmt aber nach Süden die eh schon sehr dünne Besiedelung weiter ab, man wird alle halbe Stunde von einem Auto überholt und weiß dass es bis zum nächsten Ort noch 100 km zu kurbeln gilt. Dafür kann man aus jedem Fluss trinken, überall ungestört übernachten, und fantastische Berge und impressive Gletscher, die sich bis in den Wald auf 200 m über Null fressen, ohne Zivilisationsgeräusche direkt von der Straße aus genießen. Hoffen wir, dass es noch eine Weile so bleibt, ohne surrende Hochspannungsleitungen, die einem den Blick vermiesen.
Mittlerweile sind wir also nach 900 geradelten Kilometern und 3 Wochen am Lago General Carrera angekommen, von wo wir mit wenig Gepäck den ersten Abstecher gewagt haben. Es ging zum Jahreswechsel für eine Nacht in ein Seitental, das Valle Exploradores, direkt nördlich vom nördlichen Eisfeld ("Campo Helio Norte", der viertgrößten Eismasse des Planeten nach der Antarktis, Grönland und dem südlichen Eisfeld, das wir demnächst auch noch passieren werden), von dem riesige Gletscher bis in das Tal hinabfließen, so dass man sie von der Straße aus bewundern darf. Ein atemberaubender Anblick. Einen besonderen Zeltplatz haben wir auch gefunden: Auf der Aussichtsplattform über dem Ventisquero Exploradores. 5 Stunden sind wir dorthin geradelt und gelaufen. Sicher einer der besondersten und abgelegensten Orte für den Jahreswechsel.
Frohes neues euch allen!

Bilder gibts natürlich auch:

 


euer Jacob

Hi all,

I am sitting on a comfy couch in Santiago de Chile, in a couple of hours we and our bicycles will leave to Puerto Montt, an overnight drive of 12 hours. This means, the couch potato time will have an end. We will assemble our bicycles there and head south, on the Carreterra Austral, to Patagonia.

The last weeks have been very lazy. First, I spent 4 very nice days in Istanbul with my dear friends Markus and Jago, and again Fatih and Zeynip. After weeks of plain bread and meat and fat of old sheep in Kyrgyzstan, it was a delight to enjoy the great turkish cuisine again. When I left turkey the last time, I was complaining about the lack of culture there. Maybe I was mistaken. I gained some weight that I had lost before, and was able to wear my t-shirts again.

3 days later, I spent 33 hours in the plane. The food was little, I don't get how it is actually enough for all the people. I had to ask the flight attendant for extra food, and all I got was an apple. After landing in Buenos Aires, I got in touch with typical food of this city: Pizza!

 

 

I became lazy. My bicycle is in a box and I got used to travel with metro and by foot in the cities, and with the bus between.
I didn't see a lot of Buenos Aires. The first day, I just got back the sleep I lost in the plane, the second day I managed to change money and buy some spare parts for my equipment. I walked around the touristic places in La Boca with its neat and cosy wooden houses and cafés, and joined a walking tour around Recoletta on the third day, and that was it. The city is a mixture of fantastic and expensive aristocratic architecture from 200-100 years ago, i.e. eclectic neoclassical and art nuveau buildings, intermingled with cheap and ugly houses from the 60ies to the 80ies (see pictures).
Then I moved on to Mendoza, 1700km further east, on the other side of the Pampa. It was hard work even to cover the 150 m from the taxi to the bus (or vice versa) with the 32 kg bike box and two 10 kg bike panniers, but miraculously, I made it without snapping my back.
In Mendoza, I was just relaxing and drinking wine in the backyard of the hostel until after 2 days, Jette arrived from Villa General Belgrano, where she was doing an internship for the last 3 month. Together, we moved on to Uspallata, a small town between two andean ranges. In the "Hostel Internactional", which was located 7 km away from the town in the middle of a beautiful wide valley, formed by a massive glacier ages ago, which is still unspoiled by humans. The scenery is fantastic. So fantastic that Jean-Jacques Annaud used it to shoot the movie "7 years in Tibet" exactly there. We planned to stay for 3 nights, but in the end stayed for 5, also because Jette had to go back to Mendoza to get a paper from the foreign police, after the bus to Chile refused to take us because her visa was expired. We also made a day trip to the foot of Aconcagua, some 60 km away from the hostel. For 3 nights, we have been the only guests in this hostel, so we got a full time care of Alejandro, ate pizza with him, drank wine, listened to music and went horseback riding with him and a gaucho friend of his: We started from the hostel front door, one trip we did into the nearby mountains, the other one criss crossing on the glacier moranes.

 

 

Finally, and with the requested paper, we left the hostel as friends, not as guests, and managed to get a bus across the Andes to Santiago de Chile, where we were hosted by Valerie and her familiy, a friend of Jette. They received us in their tiny apartment with a big heart, and helped us to find what we still needed for our trip to rainy Patagonia: waterproof shoes, an aluminum pot, and some bicycle spare parts. I don't know why, but this city just made me dull and tired. I could have slept the whole day, and sleepy as I was, I became a victim of a metro pickpocket who stole around 200 € from a zipped pocket. I love the family we stayed with, but Santiago I really don't. After 5 days and when we had everything together, we left for Puerto Montt with the overnight bus. I found this nice little "Hostel Jacob", and booked a simple room. Since I was the first Jacob to stay there, we were getting an upgrade to en suite, and Marisol took special care of us, and we were even allowed to store our bike boxes there until we come back from our trip south. Puerto Montt is the southernmost point of the Panamericana Highway. Here, the Carretera Austral starts, a small road, partly paved, partly dirt road, partly gravel pist, 1200 km south, passing rainforests, glaciers, and beautiful river valleys through one of the last virgin places on this planet. We are on this road already, but the story and the pictures have to wait for the next time. Check by again between Christmas and new year!

Hello again,

I made it to South America with all my luggage. Crazy!

I will give an update with more details in a couple of days. Stay tuned!

Der Hals kratzt, die Füße sind taub. Mitte November ist es schon richtig kalt in Kirgisistan (ich mag die englische Schreibweise lieber, sie ist näher am Original und spart sich eine Silbe: Kyrgyzstan). Vor zwei Wochen war es noch viel wärmer, und ich konnte das tun, was ich so liebe und was im Iran und Usbekistan undenkbar gewesen wäre: Mein Zelt in einem einsamen Tal an einem sauberen Fluss aufschlagen, nackt im eiskalten Wasser baden und mich anschließend am Lagerfeuer aufwärmen und kochen. Damit ist es jetzt leider auch vorbei. Zwei Wochen fuhr ich durch das Land, die Landschaften sind atemberaubend, und selbst mit dem Fahrrad ging es mir noch zu schnell und ich hielt oft an, um einfach den Blick auf die Berge und Flüsse zu genießen, und machte so viele Fotos von der Natur wie seit Schweden nicht mehr. Man bekommt eine Idee auf den Fotos, doch ich sags euch: Eines Tages konnte ich es nicht mehr fassen, musste vom Rad steigen, und unter Tränen mein Leben als vollkommen definieren.

 

Der Winter ist da

Doch jeden Tag wurde es ca. 2 Grad kälter, zudem kam ich höher ins Gebirge, und das Übernachten im Zelt hat irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Bei Minusgraden und vor allem - starkem Wind sitzt man nicht gemütlich vor dem Zelt und kocht, sondern man kriecht in seine Schlafsäcke und macht sich dann eine Nudelsuppe mit dem Kocher in der Apsis. Morgens ist es nicht besonders motivierend, aufzustehen, es ist so schön warm in den Daunen und draußen erwarten einen nur kalte Füße. Die wärmte ich mir tagsüber in Teestuben auf, sofern es welche gab, denn zum Teil sind die Dörfer durch die man kommt, so klein und einfach, dass es gerade mal einen Tante-Emma laden gibt. Der hat dann hauptächlich Süßigkeiten, Vodka und Zigaretten im Angebot. Lebensmittel werden auf der Straße gehandelt. Immer wieder sieht man jemanden mit ein paar Zentnern Zwiebeln oder Kartoffeln an der Straße in der Kälte stehen, oder im Auto sitzen wenn wieder der fiese Westwind bläst. Vor manchen Häusern steht auch entsprechende Ware am Straßenrand.  In größeren Orten gibt es auch mal einen Bazaar, und dort konnte ich sogar dicke Filzeinlagen erstehen, für 40 ct. bzw meine Schuhe, mhhh!
Alle 50 km oder so kommt man durch ein Dorf mit einem Homestay, und ich versuchte immer öfter, mein Timing so zu gestalten, dass ich am späten Nachmittag eines erreiche. Die sind allerdings nicht einfach bis gar nicht zu finden, wenn man es nicht kennt. In den OSM-Karten sind zwar einige drin, aber andere findet man entweder durch Zufall (zum Beispiel weil man von einem Mann entdeckt wird, während man im Gebüsch auf seinem Stück Land sein Zelt aufschlagen will) oder weil sie vernetzt sind und weitervermitteln. Jedenfalls bekommt man für ca. 10-15 €  ein Abendessen, Bett und Frühstück, und vor allem kann man seine Füße an einem Ofen wärmen. Die Familien, zu denen man bei Gast ist, sind meistens sehr nett, aber um diese Jahreszeit nicht auf Gäste eingestellt, seit 6 Wochen war wohl kein Tourist mehr da. Ich wurde immer herzlichst empfangen, bewundert dafür dass ich bei Schnee und Eis über die Pässe fahre, und mit Tee vollgetankt. Und ein Kopf mehr oder weniger beim Abendessen macht nicht so den Unterschied. Klar kann ich mich nicht so volldreschen wie ich es sonst täte, aber das ist ok. Die Qualität des Essens ist zudem sehr unterschiedlich und erforderd mitunter gar keine freiwillige Zurückhaltung. Während es bei einer Familie zum Frühstück selbstgebackenes Brot mit selbstgemachten Marmeladen, eigenem Joghurt und Eiern von den Hühnern im Hof gibt, wurde mir woanders das alte Hammelfleisch, das es auch schon zum Abendessen gab (und wahrscheinlich auch schon die Tage vorher - wie lange kann man von so einem Hammel essen?) und wegen dem ich die halbe Nacht auf der "Toilette" (ein Bretterverschlag im Garten mit Spalt im Bretterboden, ohne Licht und bitterkalt) verbrachte, aufgetischt. Dazu wurde verschimmeltes Brot serviert. Ich aß stattdessen ein paar Kekse, trank Tee mit ordentlich Zucker und verschwand so schnell wie möglich.
Von grundsätzlicher Hygiene ist man hier teilweise noch weit entfernt. Fließendes Wasser gibt es in fast keinen Häusern, sondern einen kleinen Metallbehälter mit einem Wasserhahn dran, unter dem ein Eimer steht. Das Wasser kommt wahrscheinlich aus dem Fluss. Nach Seife sucht man meist vergeblich, und eine Dusche hatte ich schon für 7 Tage nicht. Gesicht und Hände war alles, was ich mir in der Zeit wusch. Und im Fluss bade ich jetzt sicher nicht mehr. Ich fuhr fast spiralförmig um Bishkek herum, denn ich hatte noch ein paar Tage Zeit bis mein Flieger geht, machte noch einen kleinen Umweg über Kasachstan, doch vor 4 Tagen definierte ich diesen Teil der Reise dann als fertig und checkte in Bishkek ein. Hier komme ich bei Mirlan, einem arbeitslosen Architekten, unter. Er zeigte mir die Stadt, macht mir morgens den besten Kaffee seit Monaten (er arbeitete 2 Jahre in Italien), und lässt mit seiner positiven Energie sämtliche Sentimentalität und jahreszeitbedingte Ungemütlichkeit vergessen. Ein schöner Abschluss dieses Reiseabschnittes.

 


Wie geht es weiter?

Heute Nacht geht mein Flieger nach Istanbul. Dort werde ich ein gemütliches Wochenende mit Jago und Markus verbringen, die mich extra aus Deutschland und Österreiche besuchen kommen, und worauf ich mich sehr freue. 3 Tage später bringt mich Emirates hoffentlich zusammen mit meinem Fahrrad nach Buenos Aires, auf der Südhalbkugel wirds gerade Sommer. In Argentinien treffe ich mich dann mit Jette, und zu zweit gehts dann in Patagonien weiter mit dem Rad. Das ist seit mittlerweile 4 Monaten geplant. Die ursprüngliche Idee, nach China und eventuell weiter nach Südostasien zu fahren, wird somit erstmal auf Eis gelegt. Die technische Herausforderung ist, dass Emirates kein Sportgepäck etc. transportiert. Alles wird als normales Gepäck angesehen. Ich darf maximal zwei Gepäckstücke mit einem Gesamtmaß von L+B+H von 300 cm mitnehmen. Da ist ein normaler Fahrradkarton schon drüber. Da gilt es also möglichst alles komplett zu zerlegen und sämtliche Zwischenräume in den Speichen etc. auszunutzen. Ich habe das, weil ich Zeit hatte, gestern schonmal ausprobiert, und das Ergebnis ist recht beeindruckend. Das Fahrrad sieht aus wie durch die Schrottpresse gejagt und passt in den Karton eines Fernsehers. Gemessen habe ich allerdings nicht, das wird in Istanbul noch optimiert. Inshallah, inshallah!

Eigentlich will ich ja gar nicht nach Buenos Aires, das Ziel ist Santiago de Chile. Vielleicht fragt ihr euch an dieser Stelle, warum ich dann mit einer Airline fliege, die weder Santiago ansteuert noch Fahrräder mitnimmt. Zurecht. Die Antwort ist: Ich habe mich a) von der Freigepäckmenge blenden lassen, die bei 2 x 32 kg liegt, und b) vom wirklich günstigen Preis. Irgendwie klappt das schon.


Ein kurzer Blick zurück

In einigen Stunden gehts zum Flughafen. Wahnsinn, ich kannst nicht fassen, dass diese lange Reise von Wien nach Bishkek jetzt schon zu Ende ist. Vor kurzer Zeit lag noch alles vor mir, vieles habe ich mir anders vorgestellt, anders geplant, aber meist wurden meine Erwartungen übertroffen, nur selten enttäuscht, und vor allen Dingen bin ich sehr beeindruckt davon, wie einfach es doch war. Ich muss aber auch sagen, dass ich unglaubliches Glück hatte. Und ich bin überall tollen Menschen begegnet. Ohne die Hilfbereitschaft und die Gastfreundschaft aller Menschen aller Länder auf meiner Strecke wäre diese Reise nicht so wundervoll und einfach gewesen wie sie war.
Meistens wusste ich am Tage noch nicht, wo ich abends schlafen werde, aber ich fand stets einen Platz, an dem ich mich einigermaßen sicher fühlte. Ich kannte die Straßen nicht, auf denen ich mich bewegte, doch ich fand stets zu Essen und zu Trinken. Wusste ich mal nicht weiter, war immer jemand da, der mir half.
Vieles hat aber länger gedauert als ich dachte. In insgesamt 2 von 6 Monate fuhr ich kein Rad: Eine Woche Pause in Istanbul, zwei Wochen warten auf das Iranvisum in Trabzon, 11 Tage auf Usbekistan in Tehran(bzw. den Städten im Süden Irans), 10 Tage auf Turkmenistan in Mashhad. Unglaubliches Glück auch hier, dass ich in all diesen Städten Menschen kennenlernte, die mich so lange aufnahmen, sich mit mir die Zeit vertrieben, mit mir lachten, kochten, mir ihre Heimat zeigten, ...einfach so dass mir nie langweilig wurde und dass mir diese Zeit nicht als Wartezeit sondern als Zeit mit guten Freunden in Erinnerung bleiben wird.
Dazu kamen Pausen, in denen einiges organisiert werden musste, oder einfach mal Pause gemacht wurde, je 3 Tage in Tbilisi, Yerevan, Meghri, Tabriz, Bukhara. Für diese Zeiten war ich meist im Hostel, wo ich andere Reisende traf. Ich konnte Ideen und Erfahrungen austauschen, mir eine Dosis vertraute Kultur abholen,  kritischere Themen diskutieren, derbe Witze bei Bier und Zigarette reißen. Das sorgte für Ausgewogenheit.
Zum Schluss noch ein paar Zahlen:

Wien-Bishkek       
Tagesetappen:            115
Strecke mit dem Rad:        9 343 km
Strecke mit dem Zug:        ~ 600 km
Fahrzeit total:                576 h
Anstieg total:                77 469 m
mittl. Tagesetappe:        81,2 km
mittl. Geschwindigkeit:    16,2 km/h
mittl. Fahrzeit:            5 h
mittl. Anstieg:            674 m