Turkmenistan oder 4 1/2 Tage Zeit für 500 km.

Von der islamischen Republik in die suppresive Diktatur.

Die Turkmenische Wüste sollte mit 50°C, Wind und Trockenheit alles abverlangen. Das habe ich von anderen Radlern, die mir im Iran entgegenkamen, gelernt. Das hatte ich im Hinterkopf, als ich am Grenzzaun entlang fuhr. Die iranischen Grenzbeamten verabschiedeten mich freundlich, und die Turkmenen empfingen mich mit ernster Mine. Ich musste zum "Doktor", Fieber messen lassen und ein paar dämliche Fragen beantworten, dann durfe ich eine Weile das große Proträt des Führers an der Wand ansehen, bis sich irgendjemand mal mein kleines im Pass ansehen wollte. Das Gepäck wurde durchleuchtet und nach ganzen 40 Minuten - andere haben schonmal 5 Stunden gebraucht um einzureisen - fuhr ich bei 12°C aus dem Grenzhäuschen und zog meine Jacke den ganzen Tag nicht mehr aus. Wegen der 1,5 h Zeitverschiebung war es aber schon fast wieder Mittag.  Ich vergewisserte mich zum 5. Mal mit einem Blick auf das Visum: Ja, 14. bis 18. Oktober.



Von Straßen und Menschen

Was mir eher alles abverlangte, war der ständige Wechsel aus übler Schotterpiste und akzeptablem Asfalt sowie der Gegenwind vom ersten Kilometer an. Selbst die Kieslaster fuhren nicht schneller als ich (ich nehme aber an, eher wegen der Schlaglöcher als wegen des Windes) . Als mir gegen Abend einer anbot, mich ein paar Kilometer mitzunehmen, lehnte ich trotzdem nicht ab, denn so fand ich den Schlaf im Führerhäuschen, den ich in der Nacht zuvor beim roten Halbmond büßen musste. Bei einer Reifenwerkstatt setzte er mich wieder ab, es war mittlerweile dunkel. In dem winzigen Kabuff stand ein Generator und eine Liege, die mir für die Nacht angeboten wurde. Die Mechaniker waren super nett. So durfte ich noch von der ersten richtig schmackhaften Suppe seit ich Armenien verließ (ja, die persiche Küche ist wirklich nicht berühmt) essen. Und ich musste, kaum aus dem Iran draußen, gleich schon wieder Vodka trinken. Ein Kunde der den ganzen Kofferraum voller überreifer Erdbeeren hatte überreichte mir eine kleine Schale. Ich konnte gerade eine davon probieren, denn aus der Dunkelheit kamen wie aus dem Nichts zwei Mädchen, setzten sich kurz zu mir und aßen alle auf, während sie mich scheulos anflirteten und -fassten. Nach 7 Wochen Iran, in dem ein Händedruck einer Frau das höchste der Gefühle ist - selbst meine Gastmama bei der ich 8 Tage zu Besuch war reichte mir zum Abschied nicht mal die Hand - überforderte mich das etwas. Dann verschwanden sie wieder und winkten mir noch kichernd zu.  Ich rechnete damit, dass auch der letzte Mechaniker irgendwann nach Hause ging, doch die ganze Nacht kamen Kunden mit Plattreifen an, und immer wieder fielen Schraubenschlüssel (kling klong) auf den Estrich oder der Generator (brrrrrm) wurde angeworfen. Die vielen Fliegen (bsssss) gaben mir den Rest. Wieder eine schlaflose Nacht. Um 6 Uhr morgens machte ich im Morgengrauen einen Kaffee für uns beide und teilte mein Brot und meine Schokolade. Dann verabschiedete ich mich und fuhr der aufgehenden Sonne entgegen weiter nach Mary. Die Stadt ist eine lose Ansammlung an modernen Prunkbauten mit Gold und Marmor. Museen, Moscheen, Ämter, alles übertrieben groß und schön und mit perfekten Grünanlagen und viel Platz umgeben. Vor jedem Gebäude und ungelogen an jeder Straßenecke steht mindestens ein Polizist. Dazwischen fegen Frauen jeglichen Alters in bunten Kleidern im Abstand von 400 m die auch in der Rush Hour leeren Boulevards. Ansonsten bilden perfekt gekleidete Menschen das Straßenbild. Männer und Schuljungen im Anzug, Frauen in langen bunten Kleidern und Schülerinnen in bodenlangen grünen Kleidern und zwei Seitenzöpfen. Eine Stadt mit dem Flair von Plastikkitsch. Aufgrund der vielen Polizisten und offiziellen Gebäude war es mir praktisch nicht möglich ein Foto der Stadt zu machen, und von den Menschen habe ich mich nicht getraut. Sie sahen so aus als ob sie zum Lächeln in den Keller müssen.  In Bayramali tauschte ich auf einer Bank 15 Dollar ein. 52 Manat bekam ich dafür, die Schwarzhändlerin davor wollte mir gerade einmal 27 geben. Endlich wieder vernünftiges Geld, 6 Scheine und ein paar Münzen. Das sollte für die nächsten 4 Tage reichen. Ich hatte noch Nudeln, Linsen, Käse, Datteln und Kekse aus dem Iran und musste hauptsächlich Wasser und Brot kaufen, und das war billig - jeweils 1 Manat. Nach Bayramali gehen die Baumwollfelder langsam in Sanddünen über, bis man irgendwann mitten durch die Wüste fährt. Sanddünen links und rechts von der Straße, aufgestellte Strohmatten sollen den Sand davon abhalten auf die Straße geweht zu werden. Nach 130 km schlug ich mein Zelt in einer Senke zwischen den Dünen auf, 30 m neben der Straße aber außer Sichtweite. Ich kochte das erste mal seit 2 Monaten wieder auf einem Feuer, ein toter Busch gab genug Brennstoff her. Und das erste Mal seit 2 Monaten konnte ich mir sicher sein dass ich mal wieder ungestört und alleine war. Als ich im Schlafsack lag fing es an zu regnen. Hallo? Wo bin ich denn? Diese Einsamkeit in der "Wüste" war nach der langen Socialising-Phase im Iran dermaßen erholsam und beeindruckend dass ich mir wünschte, die "Wüste" wäre etwas länger als nur 2 Tage. Der Wunsch ging am nächsten Tag prompt in Erfüllung, denn an der Versorgungsstation Repetek vergaß ich bei der Mittagspause mein Handy an der Steckdose und durfte nochmal 30 km zurück fahren. Am Abend war ich wieder da wo ich umgedreht war, von dort waren es dann noch 40 km bis nach Turkmenabat bzw. 90 km bis zur Grenze. Ich zeltete abermals zwischen den Dünen, abermals regnete es in der Nacht und da ich noch 2 Tage für 90 km Zeit hatte, wartete ich morgens den Regen ab und trank ein paar Kaffee im Schlafsack. Ich näherte mich der Grenze bis auf 10 Kilometer, wo an der letzten Abzweigung ein paar kaputte LKW vor einer Art Restaurant standen. Es war kalt und regnete schon wieder und ich sehnte mich nur nach einer heißen Dusche und vielleicht einer Möglichkeit zu übernachten ohne wieder mein Zelt auspacken zu müssen. Ich blickte wohl etwas auffällig hin, denn da winkte mich schon die Köchin heran. In einem ansonsten leeren Zimmer lagen ein paar Decken und eine Matte auf einem Teppich, und für 10 Manat durften ich und mein Fahrrad dort schlafen, eine heiße Dusche gab es auch noch und die Köchin machte mir sogar noch etwas Essen warm und brachte mir morgens einen Kaffee und Kekse ins Zimmer. Super nett!
Am 5. und letzten Tag meines Visums rollte ich morgens ans Tor.
Die Turkmenischen Beamten der Ausreise nahmen sich zu zweit alle Zeit der Welt, jedes Döschen meines Gepäcks zu inspizieren, und forderten ein Lied auf der Ukulele. Dann durfte ich die Rampe nach Usbekistan hinunter rollen.

 

Uzbekistan


Wieder ein "Doktor", wieder Fieber messen. Vor was haben diese Länder Angst? Als der Zöllner erfuhr dass ich nach Kirgisistan will, sagte er, dort gäbe es viele Arschlöcher. Warum- fragte ich. Einen Grund nannte er nicht. Ob ich Arschlöcher mag, fragte er. Nein, sagte ich, wer mag schon Arschlöcher? Ich mag Arschlöcher, sagte der Zöllner mit einem breiten Grinsen. "Asshole very good!"
Es folgten weitere niedrige und unlustige Witzchen, er versuchte einen auf Kumpel zu machen und dann kamen wir endlich zur Sache. Er forderte meine Medizin und sah sich jede Pille genau an. Einige wurden dem Kollegen gereicht der dann im Computer nochmal recherchierte was das denn ist. "Give me your phone" sagte er schließlich. "You have sexy girls, Porn?". Als ich verneinte sagte fragte er "Why not? Why no Porn?" und durchsuchte sämtliche Photoalben auf meinem Telefon. Ich sah ihm an, dass er sich von einem schon lange alleinreisenden Mann anderes erhofft hatte, aber fündig wurde er nicht. Arschlöcher in Kirgisistan hin oder her - Dieser Typ war das bisher größte, linkische Grenzarschloch auf meiner Reise. Abermals war es fast Mittag, bis ich wieder frei und in einem neuen Land war.

 

Von Menschen...


Auch in Usbekistan sind die Menschen sehr willkommend und nett, und manche Menschen feiern einen wenn sie mit dem Auto vorbei fahren. Wenn sie einem die Hand geben, passiert genau das aber nichts weiter. Den ersten beiden hätte ich  fast die Hand zerquetscht, danach merkte ich mir dass man die Hand weder drückt noch schüttelt. Sie wird nur schlaff an die schlaffe Hand des gegenübers gelegt.
Was sonst auffällt ist, dass niemand mit Zahnlücken herumläuft. Zahnersatz scheint sich hier jeder leisten zu können, Wer Zähne einbüßen musste, läuft mit Gold herum, und aus manch einem Gesicht lacht eine die gesamte Reihe Beißer in Gold an, das sieht sehr eindrücklich aus. Nach 2 Wochen nachdenken auf dem Rad fand ich die Formel heraus: Wenn ein Mensch n Koldkronen hat, ist er 25+n+n^1.3 Jahre alt. Frauen tragen ihr Kopftuch wie ein Pirat, und Männer tragen traditionelle viereckige Kappen.

Mitten im Touri-Land


Bis Bukhara waren es noch 95 km. Und dass diese Stadt einen "Namen" hat war mir nicht klar. Auf meiner Landkarte sah ich zwar ein Unesco-Logo, aber dass sich hier die bisher größte Ansammlang an antiken Koranschulen, Moscheen und Citadellen befindet wusste ich erst, als ich in der Dämmerung an ihnen vorbei rollte. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus denn es nahm kein Ende. All diese wundervollen Bauten mussten vor nicht allzu langer Zeit aufwändig restauriert worden sein, denn sie sahen aus wie aus dem Ei gepellt. Das zweite was mir auffiel waren Touristen. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Man hörte überall Deutsch, Französisch - und Händler die einem auf Englisch irgend einen Touri-Souvenirkitsch andrehen wollen. Anscheinend gibt es wirklich genug Leute, die diesen Müll kaufen. Alle 10 Meter zischt es "Change Money, Sir? Dollar, Euro?" oder "Taxi Taxi, Sir?" - Alter, ich hab ein Fahrrad! Bist du blind?

Ich bin nicht mehr im Iran. Die Parks sind menschenleer und runtergekommen, die Straßen unbelebt, und es gibt viele Menschen die versuchen einen übers Ohr zu hauen, manchmal mit Erfolg. Hier kennt man besser die Preise. Im Iran konnte ich ohne die Preise zu wissen immer irgendeinen Geldschein reichen und bekam das korrekte Wechselgeld. Das macht man hier besser nicht. Anstatt voller Restaurants, fröhlicher Leute und grellbunter Saftbars finde ich hier triste Spelunken und dunkle Gestalten. Der Tee ist nicht mehr schwarz, sondern grün. Ich fragte mich zum billigsten Hotel durch. Wo es viele Touristen gibt, gibt es auch immer günstige Hostels, für die Backpacker.
Das sympatische, familiengeführte B&B Malikjon war genau das richtige für mich. Bett im Dormitory inklusive Frühstück für 10 $. Außerdem durfte ich die Küche benutzen. Im Innenhof stand mein Traum-Reiserad: Das Silkroad von ToutTerrain. Der Besitzer Johann, ein Schweizer, hat ein paar Tage vor mir Turkmenistan durchquert und erholt sich auch hier.
Das historische Zentrum Bukharas ist zwar pittoresk, wird aber nur von Touris und Schleppern besiedelt und wirkt wenig authentisch. Geht man 2 km raus, in die moderne Peripherie, ist es zwar nicht mehr fotogen, doch wird man hier wieder wie ein Mensch behandelt. Ein Ladenbesitzer verließ sein Geschäft um mir ein anderes zu zeigen wo ich fand was ich suchte.

Wenn man Geld wechseln will, geht man am besten zu den Schwarzwechslern, die überall herumlungern, denn bei ihnen bekommt man doppelt so viel wie auf der Bank. Dort wechselt demnach niemand. Man erkennt sie an den Plastiktüten mit den quaderförmigen Ausbeulungen der Geldbündel. Der größte Geldschein ist weniger wert als 1 €, man bekommt ihn aber nur auf Nachfrage, denn damit wird gegeizt. Der zweitgrößte hat den Wert von 17 cent. Ich verhandle hart, die Größe der Banknoten ist ein Argument. Beachtet man das nicht, bekommt man ein Kilogramm Banknoten für eine Euronote. Das ist völlig lächerlich. Selbst die Brothändler sind nur mit Geldzählen beschäftigt. Wer es sich leisten kann, hat eine Geldscheinzählmaschine.

 

Beschleunigt weiter: Abkürzung mit dem Zug


Ich blieb drei Nächte, dann fuhr ich zusammen mit Johann und dem Zug die etwa 250 km nach Samarkand. Das Flachland Usbekistans ist zu langweilig, um hier in der Kälte radelnd Zeit zu verbringen. Zersiedelung und Baumwollfelder statt Kultur und Natur. Die Zeit spare ich mir lieber für Kirgistan auf, denn es sind nicht mal mehr 3 Wochen bis ich in Bishkek sein muss. Total verrückt wie die Zeit vergeht. 5 Monde bin ich nun schon unterwegs und manchmal habe ich das Gefühl dass ich gar nicht weit gefahren bin in der Zeit, doch es sind nun schon fast 9000 km seit meinem ersten Tritt in die Pedale in Wien.
In Samarkand war vor ca 500 Jahren Timur (aka Tamerlane) zu Hause, der größenwahnsinnige Erorberer und Nationalheld. Er hat die tollkühnsten und großartigsten Moscheen in Samarkand in Auftrag gegeben. Architekten starben, weil ihm die Torbögen dann immernoch zu niedrig waren, als er von einem seiner Feldzüge kam, auf denen er Millionen von Toten hinterließ, alleine in Indien waren es 5 Millionen. Tatsächlich stehen hier immer noch bzw. wieder die atemberaubendsten antiken islamischen Bauten herum, die ich auf meiner Reise sehen durfte: Der Registon Platz, die Bibi Khanom Moschee, und die Ansammlung von Mausoleen für seine Verwandschaft und den halben Hofstaat. Was macht einen so brutalen und psychopathischen Menschen zum Held? Seine eigenen Monumente? Seine Brutalität? oder sein Erfolg? Hitler wird ja auch von einigen vielen ikonisiert, er hinterließ aber keine Monumente und hat versagt. Er war ausschließlich brutal. Ich denke aber auch, dass in 500 Jahren nicht mehr viele von ihm reden werden. Inshallah.

Eine weitere Zugfahrt gönnte ich mir nach Taschkent, eine Stadt die sicher keine Reise wert ist, hier besann ich mich mal wieder darauf Menshen zu fotografieren. Am nächsten Tag dann hieß es endlich: "Hit the road, Jacob, and don't you come back no more, no more....". 250 km und ein hoher Pass trennten mich vom Fergana-Becken.


On the road again - oder - Eine Hotelgeschichte

In Usbekistan muss man sich als Tourist alle drei Nächte in einem Hotel registrieren lassen, sonst drohen einem bei der Ausreise massive Probleme und hohe Geldstrafen. Nicht in jedem Ort gibt es Hotels, die einen registrieren. Jedes mal bekommt man vom Hotel einen Stempel und eine Unterschrift mit dem jeweiligen Datum auf einen Papierschnipsel, den man besser nicht verliert. Das Hotel ist verpflichtet, alle bisherigen Papierschnipsel zu überprüfen und zu kopieren. Ein Paradies für Bürokraten. Ich befinde mich gerade in meinem hoffentlich letzten Hotel Usbekistans, in Nemangan. Ein freistehender alter, baufälliger Sovjetbau, 7 Stockwerke hoch, das einzige Hochhaus inmitten einer Ansammlung aus besseren Hütten und 2-3-geschossigen Zweckbauten. unter dem Dach steht in großen Lettern "Hotel Zopsi", ich ging einmal um das Gebäude, vom Eingang keine Spur, nur kleine Geschäfte für gebrauchte Elektroartikel. Als ich nach der Rezeption fragte, holte mir ein junger Usbeke den Aufzug. Ich stellte mein Fahrrad inklusive Gepäck hochkant in den winzigen Aufzug, quetsche mich daneben und drückte auf "1". Der Aufzug ratterte mindestens in den 4. Stock. Dort ging die Tür wieder auf, und ich muss wohl ein seltsames Bild abgegeben haben, manövrierunfähig im Aufzug eingeklemmt, über die Schulter nach hinten dumm aus der Wäsche schauend. Ich bugsierte mein Rad und mich irgendwie nach draußen und stand in einem muffigen Raum mit welligem Linoleumboden. Über dem orange furniertem Tresen tickte mühsam eine Uhr. Der Sekundenzeiger schaffte es immer nur bis zur 8 und fiel dann auf die 6 zurück. Wahrscheinlich seit 40 Jahren; die Zeit war irgendeine aber nicht die aktuelle, weder auf der Uhr noch in dem Hotel. Aus dem vergilbten, bodentiefen und von Messingsprossen unterteiltem Fenster sah man die hektische Stadt. Die Straßen sind verstopft von kleinen weißen Minibussen koreanischer Hersteller. Jede Sekunde rauschen 3 oder 5 vorbei, sie hupen ununterbrochen 2 mal kurz hintereinander um die Menschen am Straßenrand auf sich aufmerksam zu machen, denn sie bilden das einzige Transportsystem der Stadt. Für Radfahrer die Hölle. Nicht nur die Huperei ist nervtötent. Ständig ziehen sie scharf bremsend vor einem nach rechts ran um Leute ein- oder aussteigen zu lassen. Öffentlichen Transport gibt es keinen. Die auch nicht gerade wenigen Autos dazwischen sind eine Mischung als alten russischen Ladas und neuen Kleinwagen von Chevrolet oder Daewoo. Vielleicht ein Abbild der Gesellschaft? Werden die alten russischen Werte von den westlichen verdrängt?
Die Rezeptionistin ist eine freundliche Dame Mitte 50, und ich habe den Eindruck, dass sie gleichzeitig die Managerin des Hotels ist. Durchaus machbar, viele Gäste hat das Hotel sicher nicht mehr. Außerdem arbeitet noch Mina, eine dicke Frau in weißer Schürze hier. Sie reinigt die Zimmer, und zeigte mir meines. Als ich mich erkundigte wo man Handschuhe kaufen kann, wurde Mina von der Rezeptionsmanagerin beordert mit mir auf den Bazaar zu gehen. Sie fragte uns durch, aber irgendwie war es enorm schwierig Handschuhe zu finden. Eine Frau, die ansonsten Socken und Unterhosen von einer Decke auf dem Boden verkauft, schaffte auf Nachfrage zwei Paar luftige Wollhandschuhe her, nachdem sie für 15 Minuten verschwand. Es ist Mitte Oktober und schon echt frisch und in den Bergen deutlich unter 0°C. Ich frage mich was die Usbeken machen wenn es im Winter richtig kalt wird. Warum ist die Nachfrage und das Angebot von Handschuhen gleich null? Ich denke sie halten sich einfach nicht draußen auf. Und wenn dann nur kurz zwischen Haus und Auto, und da reicht die Jackentasche. Motorrad und Fahrrad fährt hier keiner.
 Ich kaufte mir auf dem Bazar noch Salat, Kuchen, und ein paar Eier. Zurück im Hotelaufzug drückte Mina auf die "5", aber der Aufzug fuhr in die gleiche Etage wie bei mir als ich auf die "1" drückte. Ich denke die ersten 4 Stockwerke sind nicht mehr in Betrieb und sie haben den Aufzug entsprechen umprogrammiert. Ich bestellte noch einen Tee und dann war ich reif für die Dusche. Meine Haut hatte drei Tage keinen Kontakt mit Wasser. Die Dusche war ein Rinnsal aus kaltem Wasser. Zuerst wusch ich meine Klamotten, die Hose war nach zwei Wochen Dauergebrauch steif geworden. Als ich dran war, wurde es stockdunkel - Stromausfall. Ich ging kurz aus dem Bad um meine Stirnlampe zu holen. Als ich zurückkam, gurgelte die Dusche nur noch vor sich hin. Stromausfall heißt also auch keine Dusche, offenbar wird das Wasser hier hoch gepumpt. Ich verwendete das noch in der Leitung zwischen Duschkopf und Wasserhahn befindliche kalte Wasser um mich notdürftig zu reinigen, und hinterließ eine schwarze Pfütze in der Dusche und ein graues Handtuch. So richtig sauber wurde ich auch heute nicht. Wenn man sich drei Tage durch die staubigen Straßen Usbekistans und über einen 2300 m hohen Pass quält, bedarf man mehr als eines halben Liter Wassers um sich zu waschen.

 

Die letzte Stadt Usbekistans

Namangan liegt im Fergona-Becken, einer abgelegenen Region Usbekistans. Hier werden die schönsten von den für Usbekistan typischen Stempelbroten gebacken. Ein Fladenbrot das vor dem Backen in der Mitte mit einem Stempel einmal oder mehrmals verfestigt wird. Heraus kommt dann ein Brot in Form eines Erythrozyten, ein weicher Ring mit einem flachen, knusprigen Teil im Inneren.
Die Region ist von Bergen Kirgisistans und Tadschikistans umgeben. Der natürliche und leichteste Zugang vom Rest Usbekistans verläuft durch einen 100 km langen Teil des Tals der zu Tadschikistan gehört, und somit is dieser Weg blockiert. Der einzige Zugang auf usbekischem Territorium
verläuft über einen schmalen Korridor durch die Berge über den Kamchik-Pass und ist 300 km lang. Es gibt zwar eine Eisenbahnlinie durch das Flachland von Tadschikistan, doch benötigen selbst Usbeken ein Visum, und so bauen sie gerade mit hohem Aufwand auch eine eigenen Bahnlinie über den Pass. Ich bin froh, über den Pass gefahren zu sein. Endlich wieder Berge nach einer langen Zeit im Flachen. Nun freue ich mich auf Kirgisistan, viele Berge, und hoffe dass meine neuen Wollhandschuhe auch ein bisschen warm halten.

(Pictures in previous post)


A letter with exact entry and exit dates, the reasons for the travel, two filled in application forms, 2 passport images, a color copy of the passport, of the visa for Uzbekistan, and of the Iran visa is what you need to apply for the Turkmenistan Visa in Tehran. Five minutes to 11, i.e. 5 minutes before it was about to close for 2 days, I reached the small flap in the wall of the embassy. I planned to cycle to mashha, collect the visa from the consulate there after 10 days, cycle to the border in 2 days and then leave Iran.

Finally on the road agian
I chose the less direct but more beautiful route along the caspian sea and through golestan national park. That means I had to cross the Elburz mountains again, but I like mountains more than desert. The second I stepped out of the flat of my host in Tehran and sat on the saddle I felt this rush of happiness again I was missing for 2 weeks now. I had to shout out loud out of happiness, totally crazy, I felt like getting my drug after 2 weeks of deprivation.  I had to go more than 1000 km in 10 days, but despite the mountains I did 430 km in the first 3 days. Truck-surfing, a great tailwind as well as incredible hostibility of the people along the way made it possible. I didn't use my tent in 4 out of 5 nights. As soon as I entered a city in the evening, people invited me to stay in their homes. My hosts from the caspian still write me messages every other day and ask if I'm fine, what's my position and that they are worried about me. Another evening I was cycling toward the Golestan "Jungle" (everyone uses this word. After all, it is just an ordinary, rather dry forest) as the police stopped me and ordered me to stay with the bros of the nearby red crescent, because it would be too dangerous in the jungle at night. The red crescent bros welcomed me with tea and cookies, they prepared dinner, gave me a massage and even offered to wash my bike. Winged by all these nice people, I arrived almost 2 days earlier in Mashhad than I expected.

The additional day off I spend with the family of a friend on Warmshowers, where I could fully recover and got all my body batteries refilled. I was ready to set off to the Turkmenistan desert, but the consulate did not have my visum ready after the 10 days but asked me to come back after 2 more days. This happened 3 times in a row: I had big goodbyes with my lovely host family after breakfast, rode the 15 km to the consulate with full luggage, expecting to get the visa issued and then leave. Instead, I had to hang around to ask again in the evening, until at night, I kept crawling back to my family.

The holy shrine of Mashhad
In the end, I spend 9 days in Mashhad, a city that has not much to offer except a nice artificial mountain from where you can see the beauty of an illuminated city at night, and the biggest mosque in the world with the mausuleum of holy Imam Reza, the most important pilrgimage destination for all shia muslims. As a non-muslim, you are not supposed to enter the inner of the mosque. Instead, an official will pick you up on the entrance, show you quickly around the courtyards and tell you some fun facts about islam, the mosque and Imam Reza and leave you at the exit gate.
On one of the days, which I spend lurking around the consulate, I decided to visit it, anyway. I parked my bike in front of one of the huge gates, deposited my bags in the officials room, got my body inspected for weapons and enterd through one of the big gates. Officials in subtle uniforms were giving directions to the crowds by means of waving with some dust ................. in different colors. Blue guides you to the holy shrine, and green guides you to the next exit. The wide courtyards were amazingly decorated, with fountains, wood carvings and detailed stucco. Hundreds of people were sitting on carpets on the floor, resting, waiting, praying, eating or chatting. There were huge water supply stations with cues for men and women. From the outer courtyard, I followed a group of men to one of the inner courtyards, which were decorated even more crazy. Mosaics, beautiful tile and inlay works on the lower parts and stucco above. The crowds became more dense, women in full, black chadors were looking for shade to rest, but many of the carpets were in direct sun. It was fall already, but in here the heat had no chance to escape. My heartbeat increased when I kept following the men, still no guide for me in sight. Also, I didn't see a single tourist. I was determined to proceed until I get stopped, and avoided any eye contact with the officials that waved with the dedusters only 3 m away from me. Facing the floor, my beatles shirt and the blond scruffy hair still would have been enough evidence to reveal me as a western tourist. But I managed to take off my shoes and put them in a plastic bag, and follow the others over the door step, being the only one who didn't french kiss the wooden gate. I had to walk slowly now, the corridor was full of men, as far I could see.  The men chanted some verses starting with "Ah, Mohammed,..." and from time to time, someone shouted out some extra words, and the crowd responded accordingly in synchrony. I was mesmerized by all the spirituality in the air and the corridor that was completely covered in gold and mirrors. And then we entered the central, small room of the mosque, the mausoleum of Reza. Meanwhile, I had no influence on my movements, I couldn't even move my arms. The crowd was pushing me towards the shrine. I actually didn't want to go there, but all others did. So I had no choice. In despair, everyone tried to grab the grid around the shrine, and who managed to find a hold was not far away to pull himself close and exchange deseases with the others by sobbing against any part of the shrine. The spiritual atmosphere changed into an agressive one, people were pushing each other, yelling, only to be able to touch the shrine, and the pressure on my body was getting uncomfortable. With the recent events of mecca in my head, I was looking for green dusters..........
In the other rooms of the mosque it was much more comfortable. People were sitting or standing around, many of them read in one of Kuran books they took from the many shelves around. Some were reading aloud, some were disucssing things, and some were talking on the phone. I explored the whole place and discoverd the biggest, central praying room of this biggest mosque, which was at least 50 m wide. I sat down on the carpet and calmed down from the hazzle. And then I realized: Whereas outside, in the city, it was impossible to sit on a bench or in a juice bar for more than 90 seconds before a bunch of guys approach and ask thousand questions, in here I was complete left alone. Nobody talked to me within the last hour. This was kind of strange. Here, in a place I shouldn't be, I was left in complete peace.  More and more men were entering, and I realized it was praying time soon. Once I made it into here, I decided to observe this event, so I looked for a quite corner in the back were nobody would notice me. After some minutes, the mosque was full, every square meter was used by someone, and then the iqama started and the crowed became silent, stood up and formed perfect rows.  Only the kids were continuing babbling and crying. Soon after, the men went donw on their knees and bending over, pressing their forehead against a small piece of burned clay on the ground. In this moment I saw thousands of bottoms but not a single head. What a rare view.

Stuck...
The visa still was not ready, but the time I had to leave Turkmenistan was less than 3 days. Still being 200 km from the country and with no hope to get it today, I was making other plans. Changing the dates was not possible. I was exhausted and sad. I got stuck. Applying for a new Visa would take more than 2 weeks. Flying over Turkmenistan would not be allowed by the limitations of cash I had left. Afghanistan was not an option. The border regions in turkey were troubled by fightings as well. I  contacted some Iranian friends I made on the way, to visit them again on the way back, and changed 50 € in Rials, since I had only 2 € left in cash, which would have been enough for a train ticket to the border.
Just for fun, I went to the consulate again the next morning, having 30 hours left to go to the border, enter, cross the country and leave. Not possible even with a taxi. But then, the miraculous happened: The officer offered to issue me a visa for 5 days, starting the next day. I really got it in the evening. So again, I paid 55 US$ in perfectly unused bills, changed my Rials back at the first and last creepy black marketeer I could find, before my train left 15 minutes later. I reached Sarakhs at 10 p.m. and looked for the house of the Red Crescent, who were again welcoming me with open arm. However, these fellows were some adolsecent kids who wanted to see all my pictures on my phone, which is ok, but it took them ages, and everytime they saw an image of a woman with bare shoulders or skirt to the knees, they showed the same behaviour than 16 year old boys in Europe when you would show them a porn. They had fun to wake me in the night and smoke in the room I was supposed to sleep. So, this last time as a guest in Iran was also the least nice one, and with less than 3 hours of sleep I crawled out of my sleeping bag and towards the gates of the border terminal. I wanted to cycle across Turkmenistan, and every minutes is valuable.

I left Iran with a happy and a sad eye. I made many friends in this country, more than anywhere else on this trip, and I love the enthusiasm and the generousity of the people and how they love to share the great things in life and talk about almost everything. This gave me a lot of energy all the time. I liked the lively parks and the public services that make travelling very convenient (drinking water from the tab, free electricity plugs everywhere), and the feeling to be safe everywhere. On the other hand, I sometimes had too much people around me. I was excited what the other countries will bring. How the people look like in the Stans, and what they tell. I am looking forward to see the lonely desert in Turkmenistan, the monumental cities in Uzbekistan and the snowy mountains in Kyrgysztan. I am looking for change. Travelling is change. Life is change. Everything is change.

ein "Motivationsschreiben" mit den genauen Ein- und Ausreiseorten und -tagen, den Gründen für die Durchreise, ein Visumsantrag in doppelter Ausführung, 2 Passbilder, eine Farbkopie des Passes und des Visums für Usbekistan, das alles braucht man für die Beantragung eines lächerlichen 5-Tage-Transitvisums für Turkmenistan, ein unbedeutendes Land was wenig zu bieten hat außer dem zweiten Platz nach Nordkorea was Zensur, Pressekontrolle etc. angeht. Ich war perfekt vorbereitet als ich 5 Minuten bevor die Klappe in der Wand der Botschaft in Teheran geschlossen wurde, mit allen Dokumenten anrauschte, nachdem ich 2 km entfernt mein frisch eingeklebtes Usbekistan-Visum kopierte, was ich mit 55 US-Dollar in makellosen Scheinen bezahlen musste. Express-Bearbeitung bitte! Ich wollte in 10 Tagen das Visum in Mashhad abholen, dann in zwei Tagen zur Grenze radeln und dort nochmal einen Pausentag einlegen, um einigermaßen frisch die 500 km zu bewältigen. Soweit der Plan...

Endlich wieder radeln: Von Tehran ostwärts

Mir wurde von der französischen Botschaft empfohlen, Teheran, und unter Umständen auch den Iran so schnell wie möglich zu verlassen. Es fanden Ermittlungen über mich statt, und während ich mit dem Bus durch den Süden des Landes fuhr und dort die Städte besichtigte,wurde mein Host in Tehran verhört. Die Hintergründe hierzu sind lächerlich und haben auch nicht direkt mit mir zu tun, aber ich kann und will sie hier nicht näher erläutern.
Ich hielt das alles für sehr übertrieben, und mein Host meinte, außer meinem ungefähren Vornamen und meiner Telefonnummer wüssten sie sowieso nichts, und so stieg ich in Tehran wieder auf mein Rad. Für die Route nach Mashhad wählte ich die etwas längere aber interessantere Strecke im Norden, also nochmal über das Elburz-Gebirge ans Kaspische Meer und dann nach Osten, schließlich stetig bergauf bis nach Mashhad. 1000 km lagen vor mir. Ich kam zügig voran, 430 km in 3 Tagen, denn ich fuhr mit Rückenwind, und bis in die Dunkelheit und dann weiter bis in die nächste Stadt, und das Zelt auf- und abzubauen blieb mir meist erspart da ich fast in jeder Stadt abends von der Straße aufgelesen und von Menschen zu sich nach Hause eingeladen wurde. In Beshhar habe ich ohne es zu wollen in einem Hotel übernachtet, die Kosten übernahm die Stadtverwaltung. Nur eine Kopie des Passes musste ich abgeben. So wird man also als Ausländer im Iran behandelt. Und was passiert gerade bei uns in Deutschland?
Ein anderes Mal stoppte mich die Polizei im Halbdunkeln kurz bevor ich im "Dschungel" von Golestan war (jeder benutzt dieses Wort Dschungel, dabei ist es einfach ein gewöhnlicher Wald). Jedesmal wenn sich mir ein Polizist nähert bekomme ich aus oben genannten Gründen etwas Angst. Aber auch diese Gefährten waren offenbar nicht informiert und meinten nur: Es sei zu gefährlich in der Nacht dort. Der rote Halbmond sei gleich ums Eck, und dort könne ich übernachten. Dort angekommen wurde ich herzlichst mit Tee und Keksen empfangen, es gab ein Abendessen und ich wurde sogar massiert. Mein Fahrrad hätten sie auch noch gewaschen, doch das war mir dann zu intim.



Im Heiligtum

Mashhad ist berühmt für den Schrein von Imam Reza mit der größten Moschee der Welt. Als Nicht-Moslem bekommt man einen "Führer" (Aufpasser wäre treffender) zur Seite gestellt, der mit einem durch die Höfe der riesigen Anlage läuft und einiges erzählt. Ins innere der Moschee sowie zum Schrein darf man nicht. Einige dunkelhäutigere Touristen mit Schnauzer und entsprechender Kleidung haben es wohl schon ins Innere geschafft,und  auch Colin Tubron schreibt in seinem "Shadow of the Silk Road", dass es ihm gelang. Doch mit meiner blonden Matte und meinem Beatles-T-Shirt dachte ich gar nicht daran. An einem der 4 Tage, die ich mit vollem Gepäck und Rad in der Stadt unterwegs war und wieder mal um das Konsulat herumlungerte entschloss ich mich, es trotzdem zu besichtigen. Ich stellte mein Rad vor der Moschee ab, überfiel die Gepäckaufbewahrung mit meinen 6 Taschen (warum ist die Klappe zum Durchreichen der Taschen so klein dass nicht mal ein Backroller durchpasst???), und ging durch einen der vielen Eingänge, wo ich noch abgetastet wurde. Menschen in dezenten Uniformen mit Staubwedeln verschiedener Farben winken überall herum. Ein gelber Staubwedel bedeutet: "Hier nur Ausgang, bitte dort entlang", Ein blauer bedeutet "hier gehts zum Schrein" und ein grüner winkt einen zum nächstgelegenen Ausgang. Ich war sehr angetan von dem kuriosen Anblick und machte mich also auf den blauen Weg, wo ich darauf wartete, später von meinem Führer Empfang zu werden. Außer mir sah ich keinen Touristen. Alle Frauen waren in schwarzen Tüchern verhüllt. An den Wasserstellen gab es getrennte Schlangen für Männer und für Frauen, und ich ging einem Substrom von Männern durch einige der pompösen Tore hinterher. Einem Innenhof folgte ein weiterer, innenerer Innenhof, die Wandmosaike wurden immer detaillierter und der Stuck immer wundervoller. Mein Puls erhöhte sich als ich den Männern weiter folgte, an den großen Aufpassern mit den Staubwedeln vorbei, den Blick auf den Boden gesenkt, profesionell routiniert die Schuhe ausgezogen und fest entschlossen soweit zu gehen bis mich jemand aufhält. Inzwischen war ich komplett umschlungen von Gläubigen auf dem Weg zum heiligen Schrein, die allesamt das Holztor abknutschen als sie den goldenen Korridor betraten - ich sah vor lauter Menschen nur noch die Decke mit den bunten Spiegelmosaiken und ab und zu im Augenwinkel einen Staubwedel aus der Masse blitzen, wie ein Fisch der kurz dem Wasser entspringt. Ich ging über die Schwelle und dann war ich tatsächlich drin!  Die Männer murmelten im Gehen synchron Verse und ab und zu rief ein Synchronisator laut irgendetwas mit "Mohammed" aus. Und dann kamen wir in den relativ kleinen Raum mit dem Schrein. Ein vergitterter Glaskasten mit allerhand Verzierung stand in der Mitte des Raumes, doch nur die Hälfte des Raumes und des Schreins war zugänglich, die andere Hälfte war durch eine Wand abgetrennt,  und man konnte anhand der Stimmen erahnen, dass auf der anderen Seite der Wand die Frauen das gleiche taten wie diesseits die Männer. Ich hatte nun keinen Einfluss mehr auf meine Bewegungsrichtung, aufhalten konnte mich nun niemand mehr, ich wurde von der Masse geschoben, dicht an dicht gedrängt, nicht einmal die Arme konnte ich mehr bewegen. Der Druck erhöhte sich je näher ich zum Schrein kam. Ich wollte dort gar nicht hin, aber alle anderen, und so blieb mir keine Wahl. Das Gitter abzuknutschen und sich dabei alle möglichen Krankheiten zu holen ist wohl der zentrale Bestandteil dieser Wallfahrt. Mit einer determinierten Verzweiflung strecken sich ein Haufen Hände nach dem Gitter aus und wer es zu fassen bekommt kann sich glücklich schätzen, denn dann ist er nicht mehr weit davon entfernt den Herpes des Vorgängers mit seinen Lippen aufzunehmen und seine Tuberkulose für den Nachfolger zu hinterlassen. Für die anderen heißt es allerdings, sich weiterschieben zu lassen, durch die Ausgangstür, eine weitere Runde zu drehen und wieder den Eingang aufzusuchen. Ich habe es allerdings bei einer Runde belassen. Jedes Rockkonzert in der dritten Reihe ist entspannt dagegen. Mit den Ereignissen von Mekka im Hinterkopf suchte ich nun nach grünen Staubwedeln. Außerhalb dieses kleinen heiligen Raumes ist es deutlich entspannter. Dort sitzen und stehen viele Männer auf den Teppichen und lesen teils laut, teils leise im Koran, telefonieren oder unterhalten sich. Ich sah mich weiter um und entdeckte den wohl größten Raum dieser größten Moschee, vielleicht 50m breit und lang. Und dann fiel mir auf: Während ich draußen in der Stadt keine 2 Minuten auf einer Parkbank oder in einer Saftbar sitzen kann ohne dass lauter Menschen ankommen und tausend Fragen stellen, wurde ich hier völlig in Ruhe gelassen. Niemand hat mich in der letzten Stunde angesprochen. Ich setzte mich also und genoss diese Absurdität: "Ich will einfach nur hier sitzen" war hier in der mir verbotenen Zone, wo ich gar nicht hätte sein dürfen, endlich möglich und ich tat dies völlig ungestört.
Immer mehr Menschen kamen mittlerweile in den Raum und ich ahnte, dass bald Gebetszeit ist. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen wo ich schonmal hier war und ich überlegte mir, wie ich das wohl am besten anstelle. Soll ich mich unauffällig untermischen und so tun als ob ich mitbete? Aber ich kannte die Prozedur nicht. Oder suche ich mir eine Ecke in der ich möglichst wenig auffalle? Ich spielte alle möglichen Szenarien durch und entschied mich für letzteres. Ich zog mich in eine Ecke zurück und wartete auf den Iqama. Die Moschee war mittlerweile voll. Und dann ertönte das "Allahu akbar" und auf einmal wurde es still, nur die Kinder quengelten noch. Alle standen auf, ich sah lauter Ärsche vor mir, aus der Froschperspektive. Wenig später knieten sich alle hin und beugten sich nach vorne. Nun sah ich tausende von Männerärschen von oben, aber kein einziges Gesicht dazu. Und ich war wohl der einzige der seinen nicht in die Höhe streckte und ich sah auf einmal die gesamte Halle vor mir. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes sah ich dann doch noch einen Kopf, es war der des Imams. Ob er mich sah oder nicht weiß ich nicht, aber ich spürte dass ich zumindest den Menschen um mich herum egal war und lehnte mich entspannt zurück.

Gestrandet...

Der beantragte Zeitraum auf dem Visum war mittlerweile auf 2,5 Tage geschrumpft und ich immer noch 200 km vor der Grenze. Das Visum bekam ich diesem Tag nicht mehr, eine Änderung der Daten sei nachträglich aber auch nicht möglich. Mein Sicherheits-Zeitpuffer von 5 Tagen war erschöpft. Ich war gestrandet. Meine Reise sollte also hier enden. Niedergeschlagen begann ich an jenem Abend andere Pläne zu schmieden. Umkehren? Woanders hin fliegen? Oman, Emirate? Ich kontaktierte einige meiner neuen Freunde im Iran für ein Treffen auf meinem Rückweg, und tauschte nochmals 50 € in Rial ein.
Nur zum Spaß, und weil ich nichts besseres zu tun hatte, ging ich am nächsten Morgen ein letztes mal aufs Konsulat. Zeit -55h bis zur Ausreise von Turkmenistan nach Usbekistan, und ich war ja immer noch im Iran. Völlig unerwartet wurde mir dieses mal ein Visum versprochen, gültig ab dem folgenden Tag plus 4 Tage.  Es hat sich also gelohnt geduldig und hartnäckig zu sein. Am Abend holte ich es tatsächlich ab, bezahlte abermals 55 Dollar in makellosen Scheinen, die auch tatsächlich genau geprüft wurden, tauschte meine nun doch nicht benötigten Rials beim letzten Schwarztauscher auf der Straße zurück in Dollar, und verlud 10 Minuten später und das erste mal auf meiner Reise mein Fahrrad in einen Zug, der mich in der Dunkelheit noch an den Grenzort Sarakhs brachte. Dort kam ich wieder bei den Brüdern des roten Halbmondes unter, doch waren diese sehr junge und unreife Gesellen. Sie wollten alle Bilder auf meinem Handy sehen, und bei jedem Foto einer Frau die einen nur knielangen Rock oder ein Träger-Top trug, zeigten sie das Verhalten 15-jähriger Jungs in unseren Breiten beim Anblick eines Pornos. Außerdem rülpsten, sabberten, furzten und kicherten sie albern herum,  und machten sich nachts einen Spaß draus mich immer wieder zu wecken. Leider war dieser letzte Abend zu Gast bei Menschen im Iran auch der unschönste, und ich fand gerade einmal 3 Stunden Schlaf. Am Morgen wollte ich keine Minute verschenken und stand zur Öffnung des Grenztores bereits auf der Matte.


mehr von den Menschen

Was vom Iran hängen bleibt sind sicher nicht die (mittelmäßigen) Landschaften. Das Land besticht vor Allem durch die unglaublich aufgeschlossenen und gastfreundlichen Menschen. Ich habe das Gefühl dass man die meisten Menschen glücklich macht wenn man sie in ihren Häusern besucht, allerdings muss man ein Gespür entwickeln, wann eine Einladung ernst gemeint ist, und wann nur "Taarov", also aus Höflichkeit. "Taarov" schreibt nämlich auch vor, aus Höflichkeit etwas abzulehnen, und so pendelt es sich meist um das dritte mal Anbieten bzw. Ablehen ein, ob etwas zu stande kommt oder nicht.
Wenn einem aus einem fahrenden Auto eine Tüte frisch eingekaufter Dinge gereicht wird, ist dies meist Taarov, und die Tüte verschwindet beim zweiten Ablehnen wieder im Auto. Wobei es auch schon vorgekommen ist, dass ich auf der Landstraße überholt und anschließend angehalten wurde und mir dann eine Tüte Proviant zugesteckt wurde, die offenbar im letzten Laden schnell für mich eingekauft wurde. Und ich saß auf Treppen als Leute mir Brot oder Früchte hinlegen, ich ablehnende Gesten machte, sie aber nur die Hände hochhielten wie bei einem Überfall und wieder verschwanden. Das ist dann kein Taarov mehr.
Entschließt man sich fürs Eingeladen-Werden bedeuted das meist:
1.) jeder Wunsch wird von den Augen abgelesen, und man wird gefragt, wenn man durch die Straßen läuft: "You know this sweet?", "you know this drink?" Ist man ehrlich und verneint man, wird es hundertprozentig bei der nächsten Gelegenheit für einen gekauft. Antwortet man mit ja, folgt direkt darauf: "Do you like it?" und so geht das Spielchen weiter.
Kleine persönliche Besorgungen macht man am besten wenn man alleine ist, ansonsten hat man keine Chance zu bezahlen.
2.) Man wird völligst entmündigt: "Mister, don't drink the tea yet! It is too hot!", kurze Zeit später "Mister, drink your tea! It gets cold". An die Hand genommen worden um über die Straße zu gehen wurde ich zuletzt vor mindestens 25 Jahren, außer hier im Iran, da passiert das regelmäßig. In Tehran war ich eines Tages in der Stadt, es hatte 34°C, es fängt minimal an zu nieseln. Mein Host ruft mich von der Arbeit aus an: "Jacob, how are you?", "Fine, thanks", "But I'm worried for you, it is raining! Where can I go and get you with the car?"
3.) Wochen später noch bekommt man SMS von seinen ehemaligen Gastgebern, ob alles in Ordnung ist, und dass sie sich Sorgen machen. Und man soll niemandem vertrauen (ich vertraue hier fast jedem, schließlich habe ich auch so diese netten Menschen kennengelernt). In Täbriz sagte man mir, die Menschen in Ardabil seien schlecht. Dort sagte man mir, die Menschen in Teheran seien schlecht. Und so weiter und so fort.
4.) Gegessen wird meist auf dem Teppich, weil auf dem Tisch nicht für alle Platz ist. Dann wird eine lange, ca. 1m breite Plastikfolie (die gibt es auf Rollen zu kaufen wie bei uns Frischhaltefolie) auf den Teppich gelegt und dann darf ordentlich rumgesaut werden. Meist geht trotzdem etwas auf den Teppich. Aber das fällt aufgrund des aufwändigen Musters kaum auf und ein guter Teppich aus echter Wolle nimmt so ein Mittagessen dankbar an.
5.) Wenn man als Familie bei Freunden oder Verwandten eingeladen wird, dauert es in der Regel 1-2 Stunden bis das Essen fertig ist. Bis dahin gibt es hintereinander Tee, Kuchen, Früchte und es wird geplaudert. Das eigentliche Essen geht dann recht schnell über die Bühne. Dass man auf dem Teppich sitzen bleibt wie bei uns am Tisch und später nochmal einen Nachschlag nimmt, kommt nicht vor. Der Teller ist schnell wieder weg, das Essen auch. Man begibt sich wieder auf die Sofas, dann gehts weiter mit Früchten und Tee und den Süßigkeiten, die man als Gastgeschenk mitgebracht hat.
 Der Fernseher läuft die gesamte Zeit, aber niemand sieht zu. Abzuschalten kommt aber auch nicht in Frage. Ich denke er läuft er aus Höflichkeit, falls der Besuch sich langweilen sollte. Vielleicht ist es sogar so, dass es unhöflich ist, hinzusehen, weil man so signalisiert dass man sich langweilt. Ganz herausgefunden habe ich das nie.
6.) Je nachdem in was für einer Familie man landet, sind die Gesprächsthemen mehr oder weniger modern. In manchen Familien tragen alle Frauen dann auch zu Hause ihr Kopfuch. Meist war ich aber bei Familien zu Gast, die recht modern sind, und die auf Konventionen und Gesetze, die der Staat versucht vorzugeben, scheißen. Und man ganz generell einen Trend feststellen. Während die Omas meist im Chador auftreten, und die Mütter manchmal noch ein Kopftuch tragen, sind die Töchter zu Hause meist ohne  zu sehen und ziehen sich, sobald sie nach Hause kommen, ihre vorgeschriebene, lange Kleidung  aus und kurze T-Shirts oder Kleider an.
Iran upside down
- "Everything that is allowed elsewhere is forbidden in Iran, and the other way round, Iran is upside down", formulierte es ein Freund, und tatsächlich entdeckt man einige dieser Dinge, wenn man sich mal an diesen Satz erinnert. Wenn eine Frau beim Autofahren keinen Sicherheitsgurt trägt ist das völlig egal, aber wenn das Kopftuch fehlt ist es ein Riesenproblem.
- Kuchen und Gebäck wird vor dem Abendessen serviert, Haufenweise Früchte vor dem Schlafengehen konsumiert, das Lieblingsfrühstück ist eine deftige Suppe aus Schafsköpfen und -füßen, Kale-Puche genannt. Ordentlich Fettgewebe und Gehirn gibt Energie für den ganzen Tag!
- Hupkonzerte um 2 Uhr nachts sind völligst ok.
- Angeber die mit ihren Motorrädern im Stadtpark protzen gehören zum alltäglichen Bild, aber als unverheiratetes Paar lässt man sich hier besser nicht blicken. Die neue Freundin trifft man monatelang heimlich. Sie ist 33 Jahre alt und muss ihrem Vater vorlügen, dass sie zur Gymnastik geht.
- Hundebesitz, Satellitenfernsehen, die meisten ausländischen Internetseiten, soziale Medien etc. etc. ist alles verboten. Dran halten tut sich allerdings niemand. Jeder hat eine Satellitenschüssel unauffällig auf dem Dach, es gibt zig Sender auf Farsi, die nicht authorisiert sind und über Satellit von außen senden. im Internetcafe wird man gefragt, ob man den Antifilter braucht, und im Nachbarhof bellt ein Hund.

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Vor der Grenze

Ich gönnte mir zwei Luxus-Pausentage im sympathischen B&B von Marietta in Meghri, wie gesagt, 15 km vor der iranischen Grenze, denn ich wollte perfekt vorbereitet sein. Die letzten Erledigungen: den Computer vorbereiten, ein neues T-Shirt war längst fällig, alle Fotos auf den Server laden, überhaupt nochmal vernünftiges Internet nutzen. Vor allem wollte ich auch meine Erkältung auskurieren, die ich mir in den nasskalten Bergen zugezogen hatte. Für 40 Euro habe ich mich also 2 Tage lang päppeln lassen, inklusive reichhaltigem Frühstück und Abendessen, das für ein paar Personen mehr gedacht hätte sein können. Zum Glück stand auch immer eine Flasche Brandy auf dem Tisch, für überfüllte Mägen. Das Rad wurde fit gemacht. Neue Bremsbeläge, ein bisschen Bastelarbeit: der Rückspiegel war vor ein paar Tagen bei einem Umfaller abgebrochen. Der harnäckige Pistenschlamm wurde runtergebürstet - Iran soll gute Straßen haben -, der Sattel gefettet und alle Schrauben nachgezogen.
Und dann war es soweit: Morgens um 9 fuhr ich die wenigen Minuten zur Grenze ab. Was für eine Landschaft sich hier auftat! Auf beiden Seiten steile braune Berge, im Flusstal war es grün, die Ufer von Bäumen und Stacheldraht gesäumt. Leider alles Grenzgebiet, fotografieren verboten, bis zum Grenzübergang waren es noch 10 km, und dann rollte ich durch das Tor. Vor der Ausreise wurde mein gesamtes Gepäck geröntgt; das erste mal auf der Reise dass sich irgendjemand um mein Gepäck scherte. Die letzten 2 Personen vor dem Iran waren kurzberockte armenische Grenzbeamtinnen mit High Heels, offenen Haaren und knallrotem Lippenstift. Ob das Zufall ist oder Absicht sei dahingestellt, ich fand es jedenfalls bemerkenswert. Sie haben es sehr genau genommen mit der Passkontrolle, mit dem Fingernagel über das Bild gerubbelt, die Bindung wurde genau kontrolliert, mein Gesicht Ewigkeiten mit dem Bild abgeglichen. Mit einem wortlosen Kopfnicken wurde ich verabschiedet und ich fuhr über den Fluss. Ich war so angespannt wie bei keinem Grenzübertritt sonst. Was möchten die Iraner wohl von mir wissen? Was für Fragen werden gestellt? Könnte ich etwas im Gepäck haben was Probleme geben könnte? das GPS, die Medikamente? Ich schob mein Rad in die Grenzstation und gab meinen Pass am Schalter ab. 15 Minuten warten, viele vergebliche Versuche die Pass-Lesemaschine in Gang zu kriegen, Kollegen kamen und gingen, 20 Iraner wurden mittlerweile vor mir abgefertigt, und dann endlich ertönte es: "Zazing", das erlösende Geräusch des Einreisestempels. Ich liebe es.
In der Zwischenzeit war direkt hinter mir ein zweiter Reiseradler eingetrudelt: Ewald, 71 Jahre alt, ein Student für europäische Kultur aus Frankfurt/Oder. In seinen Semesterferien radelte er jetzt über Russland in den Iran. Im früheren Leben war er Lehrer für Politik, Sport und Mathematik.
Ich durfte mein Fahrrad weiterschieben, oder doch nicht? Nein, vorher wurde ich nochmal an einen anderen Schalter geordert und dann kamen tatsächlich ein paar Fragen. "Wie ist der Name meines Vaters? Welches ist mein Geburtsort? Ist das eine kleine Stadt? Welches ist die größte im Umkreis? Aha, München, ok! Schweinsteiger, Lahm? Dankeschön und gute Reise!" Was zur Hölle war das denn für ein Interview, ich konnte es kaum glauben, das war alles? Am letzten Schalter vor dem Ausgang tauschte ich mein restliches armenisches Kleingeld gegen ein Bündel Scheine mit lächerlich vielen Nullen, und dann rollte ich tatsächlich in den Iran hinaus. Das habe ich mir schwieriger vorgestellt.


Nach der Grenze

Mit Ewald radelte ich also Richtung Tabriz. Unsere erste Station war Jolfa, eine kleine Stadt 60 km flussaufwärts, d.h. westlich. An der Grenze zu Azerbaidschan tranken wir also in einem türkischen Restaurant einen russischen Kaffee und erkundigten uns nach dem Park, in dem man gerüchteweise zelten dürfte. So ganz ist es in meinem Kopf noch nicht angekommen, dass ich jetzt im Iran bin.
Der junge Kellner erklärte uns, man dürfte eigentlich in jedem Park im Iran zelten, und die Iraner machen genau dies mit Vorliebe. Er setzte sich zu uns und versorgte uns noch mit allerlei Tips und Wasser. Der Versuch zu bezahlen mit anschließender Diskussion wurde beendet mit den Worten "No! Please! I don't take money from tourists". Mh, ich muss also doch schon im Iran sein. "Please, come back for dinner"....
Nichts zu bezahlen während die Familien an den Nachbartischen mit einem Drittel der Kaufkraft unseres Geldes für ihr Essen berappen, wäre mir aber peinlich gewesen.
Wir sind an jenem Abend nicht hingegangen. Ich weiß immer noch nicht, was richtig gewesen wäre.

Aus Foren, Reiseberichten und von entgegenkommenden Reiseradlern die ich getroffen habe, wusste ich: Ist man in der Nähe von Marand, eine Stadt so groß wie Zürich, wird man von Akbar abgefangen, ein Netzwerk befreundeter Trucker kündigt ihm das Eintreffen von Radlern an, und ihm entginge keiner. Akbar, ein Mensch der Radler sammelt wie andere Menschen Autogramme, man werde fotografiert und nummeriert, und an seine Freunde im Rest Irans weitervermittelt. Wir fuhren unbehelligt nach Marand ein und am nächsten Morgen weiter Richtung Tabriz. Von Akbar keine Spur. Doch nur eine Legende?

Von Täbriz...

In Tabriz suchten wir die berühmte Touristeninformation von  Nasser auf, um nach dem Park zu fragen, der nur für Reisende reserviert ist und sogar Duschen hat. Er kennt die besten Geldwechsler, die bei Nachfrage mit einer Einkaufstasche voller Geldbündel in sein Büro kommen. Er sah unsere Räder und erzählte uns direkt, dass Akbar 2 Tage auf Radtour ist und uns deswegen in Marand wahrscheinlich nicht getroffen hat, richtig? Wie professionell und weitreichend ist denn das Netzwerk dieses Herrn Akbar dass sogar ein Offizieller in einer Großstadt 70 km entfernt bestens informiert ist?
Im Park lernten  wir Bill kennen. Er startet hier in Tabriz seine Fahrradreise, er kam frisch aus Sydney eingeflogen. Wir blieben drei Nächte in Tabriz und lernten in jeder wunderbare Iraner kennen, die eine Freude daran hatten uns zu begleiten und uns tolle Plätze zu zeigen, zu erfahren, was wir über den Iran denken, wie das Leben in Deutschland ist, usw. Ich habe so viele begabte, energische und motivierte junge Menschen getroffen, die gerne nach Deutschland zum studieren oder arbeiten kommen würden, denen aber mit TOEFL und Co., ganz zu schweigen von den Immigrationsbehörden riesige Steine in den Weg gelegt werden, die es fast unmöglich machen.
 Es ist leider schwierig, mit all den netten und interessierten Menschen in Kontakt zu bleiben, jeden Tag lernt man ein paar neue kennen. Manchmal scheinen die Menschen Schlange zu stehen und man müsste Termine vergeben, um mit jedem etwas zu unternehmen. Um gute Gesellschaft braucht man sich hier im Iran wirklich keine Sorgen zu machen.
Farin unterrichtet Englisch an einem privaten Institut. Er zeigte uns den Bazar, trank dort Tee mit uns und befreundeten Teppichhändlern und lud uns anschließend noch dazu ein, eine Englischklasse von ihm zu besuchen. Nun bin ich stolzer Besitzer eines kleinen Stückes alten Perserteppichs, von einem größeren Stück abgetrennt. Es wurde uns zum Abschied geschenkt und ist so groß wie ein halber Fußabtreter. Ich dachte erst, oh Mann, was soll ich denn auf dem Rad mit dem Teppich? Aber ich will ihn jetzt nicht mer hergeben. Mache ich irgendwo Pause auf Beton oder Gras, setze ich mich darauf. Abends wird er vor das Zelt gelegt, super zum Schuhe an- und ausziehen. Ein schönes heimeliges Gefühl. Ich bin so froh um diesen Teppich. Außerdem gibt er mir einen Haufen Street-Cred: Echte Iraner zelten auch nie ohne ihren Teppich.

...nach Ardabil

"Ardabil is very very cold. Be careful". Ich hörte es immer wieder, selbst Wochen später in Shiraz redeten die Leute noch über die Kälte dort, wenn man die Stadt erwähnte. Zum Glück hat es heiße Quellen in der Nähe:  braunes Wasser sprudelt am Fuße des Vulkans Sabalan in der Stadt Sar-Eyn in vielen Bädern aus dicken Rohren. Ein halber Tag sollte unsere Muskeln vom Bergauffahren regenerieren. In der Dunkelheit fuhren wir bei klirrender Kälte von vielleicht 23°C nach Ardabil und steuerten direkt den großen Park an, wo wir unsere Zelte auf dem perfekten Rasen auffschlugen. Ewald wollte ins Hostel, und ich glaube, auch alleine weiterfahren. Ich war jedoch froh, Gesellschaft zu haben, und mit Bill noch ein paar Tage gemütlich weiterzufahren war genau das Richtige. Ich konnte schöne Momente  und gutes Essen endlich wieder teilen, über Lustiges mit jemandem richtig laut lachen, über Kontroverses diskutieren sowie neue Inspiration schöpfen.
Weil aber alles seine Zeit hat, und jeder seinen eigenen Rythmus, verabschiedeten wir uns ein paar Tage später an einem frühen Morgen und ich sauste weiter. Mir lief ein bisschen die Zeit davon und ich wollte wieder Gas geben, während Bill lieber ausschlief und gemütlich machte.


Von Touristen und Fotos

Es ist Ende der Hauptreisezeit im Iran. Für viele Familien geht der Urlaub am Kaspischen Meer zu Ende. Ich kämpfe mich von Chalus das Elburz-Gebirge nach Tehran hoch. Eine endlose Autoschlange zischt sich an mir vorbei, jede Sekunde ein Hupen, ein Dopplereffekt-verzerrtes "Helloooouuuu", oder "How are you very much!" aus dem Fenster gebrüllt. Daumen nach oben werden aus dem Fenster gestreckt, junge Frauen auf der Rückbank winken einem kichernd zu (Der Flirtfaktor ist im Iran um ein vielfaches höher als in der Türkei!). Der halbe Iran ist hier unterwegs. Man wird gefeiert wie ein Radprofi. Autos überholen, ziehen nach rechts ran, 4 Leute springen raus, stellen sich einem in den Weg und fordern ein Photo.
Überhaupt scheint es der Lieblingssport von Iranern zu sein, sich mit seltsamen Touristen zu fotografieren, ich befinde mich auf mittlerweile mindestens 500 iranischen Facebook-Seiten, denn nach dem Foto fragt mich die Hälfte der Menschen, ob ich bei Facebook oder Instagram bin.
Aus einem Foto werden dann meistens vier, jeder ist mal dran. Das hält auf und nervt auf Dauer leider sehr, und irgendwann halte ich nicht mehr an und fahre um die Leute herum. Ich fühle mich schlecht: Die Menschen freuen sich so sehr dass man ihr Land besucht und heißen einen herzlich willkommen. Ich mache doch auch gerne Fotos von kuriosen Menschen. Ich rechtfertige vor mir selbst: Sollen sie soviele Bilder von mir machen wie sie möchten und können, aber ewig anzuhalten und mit jedem zu posieren ist nicht drin. Manche fragen noch nicht mal, scharen sich um einen herum, halten einen regelrecht fest, und fangen das Knipsen an. Ein Klassiker ist auch der Trick, großzügig Hilfe anzubieten, die gar nicht benötigt wird, um dann ein Foto zu fordern. Das hält dann doppelt auf. Ich bekomme ein bisschen das Gespür, wie sich berühmte Promis fühlen müssen, und kann absolut verstehen, wenn ab und zu einer von denen ausrastet. 


Indien

Manchmal erinnert der Iran auch ein bisschen an Indien. Manche Menschen vergessen anscheinend ihre Existenz. Am Kaspischen Meer hockte sich einer 50 cm vor mich hin und starrte mich an. Es folgten 10 weitere die sich im Halbkreis um mich scharten und zuschauten wie ich meinen Kocher zusammenbastelte. Eine Riesenshow. Was das wohl für ein kleines Wunderding ist? Alles wird angetatscht. Ich musste die Leute mit den Händen wegscheuchen wie kleine neugierige Welpen: "Achtung, Abstand halten! Gleich fliegt hier alles in die Luft! Kopf zurück, du Nulpe! Das hier ist Benzin", und der Funke des Feuerzeugs erzeugt eine große kurze Stichflamme. "Wusch!"
Ständig schallt einem auf der Straße die Frage der Fragen entgegen: "Countryyyy?", populär von einem Kopfschütteln und der wackelnden Hand begleitet. In dieser Situation, wenn noch nicht mal ein "Salam" oder "Hello" vorausgeht, teste ich gerne mal aus was passiert wenn man "Israel" sagt. Die Hälfte fängt an zu lachen, die andere Hälfte versteht "Switzerland".  Auch wenn man "Swasiland" sagt. Die Frage nach meinem Land beantworte ich am Tag zirka 20-50 mal. "Poland" wird als "Holland" verstanden, auch wenn man es drei mal wiederholt, und mehr als ein Drittel denkt man kommt aus Armenien ("Armanistan"), wenn man die Wahrheit sagt: "Alman". Manchmal kommen Leute mit einem Telefon an und fragen nach meiner Telefonnummer, bevor sie irgendetwas anderes sagen, nicht mal "Hello" oder "What's your name?". Gehts noch?


Iran, Ayran, Aryia

Wenn meine wahre Herkunft (Deutschland) erkannt ist, laufen manche Gespräche dann in die Richtung"Ahh, Aryia", auch gebildete Leute weisen einen darauf hin, dass die Deutschen und die Iraner ja die Arier sind. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Kann das jemand erklären? Liegt das nur daran weil die Nazis den Begriff der Arier misbraucht haben? Wie absurd. Warum sonst wird dies nur angesprochen wenn ich sage dass ich aus Deutschland bin. Bei anderen Ländern wird das nicht erwähnt. Iran, das Land der Arier... Sie sind sehr stolz darauf. Es gibt arisches Dies, arisches Das, das Wort liest man immer wieder. Nur Ayran, der flüssige Joghurt mit Salz, heißt hier "Doogh", denn "Ayran" ist schon belegt: Es ist die persiche Schreibweise für den Iran.
Anscheinden sieht man mir meine Herkunft an. Ab und zu werde ich auf der Straße auch mit "Heil Hitler" begrüßt. Dafür gibts einen einen Daumen nach unten!

Zum Kandovan-Pass geht es streng monoton steigend (ein Begriff den ich seit dem Mathe-Unterricht bei Herrn Weber nicht mehr verwendete, mir aber jetzt spontan dazu einfällt) bergauf, den ganzen Tag, von -30 auf ca. 2000 m NN.
Ab 1800 gekletterten Metern steuerte ich jeden Laden an und kaufte eiskalte Zuckerlösung unterschiedlicher Geschmacksrichtungen oder alkoholfreies Bier, welches es in tausend Variationen gibt. Es wird meist ebenfalls mit Zucker und Fruchtaromen versetzt, entspricht also im Prinzip alkoholfreiem Radler und ist gut für ebendiese. Nicht mehr lange bis zum Tunnel. Aber eigentlich will ich da gar nicht durch. Bei dem Verkehr erstickt man ja bevor man zerquetscht wird. Die Alternative, noch ein paar 100 m höher über den Pass zu kurbeln, ist jedoch keine Alternative. Es war schon spät.
Der Himmel sendete Mohammed mit einem großen Pick-up.
Er lud mich und mein Rad auf und ab ging es durch den Tunnel. Es stellte sich heraus, dass er in Tehran wohnte, und weil er es anbot, fuhr ich mit ihm mit den Elburz auf der anderen Seite hinunter und verbrachte die Nacht bei seinem Bruder. So sparte ich mir die Suche nach einer Bleibe in Tehran, und einen ganzen Tag.


Mööööööööööp

Teheran ist voll, laut und stinkt, sein berühmt-berüchtigter Verkehr (der Ruf eilt ihm voraus) ist faszinierend. Wie kann auf einer stark befahrenen 4-spurigen Kreuzung der Verkehr trotzdem fließen? Im Iran gibt es 2 Verkehrsregeln: Wer zögert verliert, wer hupt (bzw. klingelt) fährt. Vorfahrt gibt es keine. Nie und nirgendwo. Ampeln sind Vorschläge. Es ist eigentlich recht einfach und ich finde mich im scheinbaren Chaos schnell zurecht, ziehe es mittlerweile fast dem europäischen System vor, denn als Radler findet man immer eine Lücke irgendwo. Als Fußgänger braucht man allerdings ein gutes Vertrauen. Frei ist es nie. Eine 6-spurige, also faktisch 8-spurige Straße überquert man so: Man geht langsam und gleichmäßig, nur vorwärts, nie zurück. Die Autos sehen einen schon und brausen auf allen Seiten um einen herum. Ändert man dann Geschwindigkeit oder Richtung, wird das gefährlich.
Ich muss 10 Tage auf mein Usbekistan-Visum warten. Weil Tehran außer dem Verkehr recht wenig zu bieten hat, ließ ich mein Gepäck bei Mehdi und setzte mich mit Victoire - sie traf ich an diesem Tag zum dritten mal auf dieser Reise - spontan in den Bus und fuhr für 4 Euro ca. 600 km nach Süden: Isfahan, berühmt für seine Brücken, Paläste und einen der größten Plätze der Welt: Meydan-e-Imam, mit der reich verzierten Masjed-e-Shah (Königs-Moschee).


Couchsurfing im Iran (ohne Couchsurfing zu benutzen)

Isfahan
Iran ist das Land, in dem man sich etwas wünscht, und schon geht es in Erfüllung: AliReza, ein 15-jähriger Schüler, spricht uns noch im Bus an, möchte seine Englischkenntnisse ausprobieren, und lädt uns direkt zu sich nach Hause ein. Hier kommen wir die folgenden 3 Nächte unter, vom Balkon ein gigantischer Blick auf die Großstadt: Bis zum Horizont und weiter. Er erklärt uns: Isfahan hat zwar nur ein drittel der Einwohner Teherans, ist aber größer. Am nächsten Tag sehen wir es: Viel Grün, weite Parks, niedrige Häuser. Der Verkehr hat Platz, die Luft ist gut. Weil Ferien sind, zeigt er uns mit seinem Cousin Farshid zwei Tage lang die Stadt. Sie weichen nicht von unserer Seite: Ich stelle fest: Gehe ich drei Schritte zurück um ein Foto zu schießen, macht auch Farshid drei Schritte zurück. Ich musste es einfach ausprobieren: Ich bleibe stehen, gehe einen engen Kreis, gehe einen Schritt nach rechts und zwei nach links. Farshid macht alles mit, ohne es zu merken. Ein Synchron-talent.
Zeit für das nächste Level dieses Spiels: "Geht schonmal weiter, ich komm gleich nach". Und dann erkenne ich: Wir sind die VIP, Farshid ist mein Bodyguard, und Agent. Ständig am Telefon. Wir haben Hunger, Farshid checkt online das nächstbeste Restaurant ab. Wir möchten den Chehel-Sotun-Palast besichtigen, Farshid ruft seinen Vater an, dieser arbeitet in der lokalen Regierung. Die Ticket-Kontrolleure wissen schon Bescheid als wir ankommen und winken uns durch.
Unter, neben, und auf den Brücken Isfahans spielt sich das halbe Leben ab. Hier trifft sich jung und alt, arm und reich, sportlich und faul. Junge Paare flirten vorsichtig, immer auf der Hut vor der Sittenpolizei. Das "Fatma-Kommando" hatte auch schon Victoire an der Angel, zwei Frauen im Schador ergriffen sie auf der Si-o-seh Pol (33-Bogen-Brücke) und wollten sie abführen. Sie wusste gar nicht was los ist. Als sich herausstellte dass sie Touristin ist, ließen die beiden Frauen von ihr ab. AliReza erklärte: Ihr Schal saß zu weit hinten, nur den Pferdeschwanz bedeckend, das war wohl zu aufreizend gekleidet.
Unter der Kadhu-Pol (Königs-Brücke) in den Gewölben herrscht eine ganz besondere Akustik. Flüstert man in einer Ecke etwas ins Gemäuer, hört man das in der gegenüberliegenden Ecke wie durch ein Schnurtelefon phänomenal laut und deutlich. Hier sang ein Mann in Lederjacke traditionelle persische Lieder, und schnell versammelten sich um ihn herum etliche Zuhörer, die auf eine spezielle Weise mit den Fingern dazu schnipsten: Der Daumen der linken Hand schnippst den Zeigefinger der rechten Hand über den der linken Hand auf den Mittelfinger, und das macht einen Riesenknall, wenn man es kann.
Ich habe es stundenlang geübt, aber bei mir macht es nur ganz leise "pft". Auf der Brücke lernten wir auch Vincent, einen weiteren Franzosen kennen. Mit ihm reisten wir am nächsten Tag weiter nach Shiraz.

Shiraz
Der Plan sah vor, im Park zu schlafen. Dort wollten wir noch eine Decke auftreiben, die mir (ich war der einzige ohne Matte und Schlafsack) für die Nacht etwas Wärme spenden sollte. Das sollte kein Problem sein, wie gesagt, die Iraner sind Weltmeister im Park-zelten und picknicken. Hadi, Der Eigentümer einer großen Decke, auf der er mit zwei Freunden zum Tee saß, rief sofort seine Kollegin Masa an, die Englisch kann und 10 Minuten später dazu kam. Kurz darauf kamen noch die Ehefrauen der Männer, und dann wurde gemeinsam auf der Decke zu Abend gegessen.  Masa holte uns am nächsten Morgen mit Frühstück im Park ab, zeigte uns die Sehenswürdigkeiten, und zum folgenden Abendessen waren wir schon bei ihrer Familie eingeladen. Sie ist unsere neue Freundin hier in Shiraz, und angeblich hat es ihr soviel Freude gemacht wie uns, 3 Tage zusammen zu verbringen. Vincent und ich schliefen auf dem Dach, da die Wohnung nur ein Zimmer hatte, und da schliefen die Frauen.

Ein Grund nach Shiraz zu fahren war für uns, Persepolis zu besichtigen. Die 2500 Jahre alte Palaststadt, von Zirrus dem Großen gegründet, von Alexander dem Großen 200 Jahre später zerstört. Sie liegt ca. 50 km nördlich von Shiraz bei Marvasht. Hadi, der Mann mit der Decke, wohnt dort und hat schon am ersten Abend alles für uns organisiert gehabt: Wir werden von seinem Freund abgeholt und nach Marvasht gefahren, dort stößt Hadi zu uns und fährt mit uns nach Persepolis. Er schleust uns durch einen Hintereingang, er kennt die Wächter, wir bezahlen nichts. Sein Freund bleibt bei uns, Hadi holt uns 3 Stunden später wieder ab und lädt uns zum Essen ein. Zurück in Shiraz erklärt uns Masa mit ihrer Freundin, wo wir diese Nacht schlafen werden. Sie hat uns eine Wohnung organisiert, ein Freund ist gerade nicht in der Stadt. Dort wollen wir uns einen schönen Abend unter jungen Menschen machen. Zu fünft brausen wir 90 Minuten mit dem Taxi kreuz und quer durch die Großstadt: Essen besorgen, eine Gitarre bei einem Freund abholen, dann sich zur Wohnung durchfragen. Der Fahrer verlangt am Ende ca. 7 Euro.

Yazd
Mit Vincent nahm ich am nächsten Tag den Bus nach Yazd (Victoire wollte weiter in den Süden nach Bandar Abbas). Noch in Shiraz, beim Einsteigen in den Bus, hat uns schon jemand für die erste Nacht zu sich nach Hause eingeladen. Wieder ein Mohammed, er kam nach 3 Monaten auf dem Tanker nach Hause nach Yazd, und seine gesamte Großfamilie empfing ihn am Bus-Terminal. Es gab ein luxuriöses Abendessen, und uns wurden Matzratzen im Wohnzimmer bereitgelegt. Nach dem Frühstück fuhr uns Mohammed ins Zentrum und verabschiedete uns mit einer Tüte Granatäpfel, Nüssen, und Süßigkeiten.
Wir spazierten durch die Stadt, irgendwas zwischen 500 Tausend und 1 Mio Menschen wohnen hier. Es ist die größte aus Lehm gebaute Stadt der Welt, am Rande der heißesten Wüste der Welt. 60 mm Niederschlag pro Jahr, und hunderte von Kilometern weg vom Rest Irans. Warum man hier eine Stadt baut, ist mir völligst rätselhaft, aber offenbar ist sie aus diesen Gründen auch von vielen Eroberern verschont geblieben, einfach zu weit ab vom Schuss!
Die Hitze wurde früher durch die Windtürme bekämpft, die noch überall in der Stadt stehen. Sie ragen über die Häuser hinaus und der Wind der dort oben weht sorgt für einen ordentlichen Sog im Turm, so dass in den Räumen darunter ein kräftiges Lüftchen weht, was in Verbindung mit Wasserfontänen eine erstaunliche kühlende Wirkung erzielt. Komplett ohne Strom. Trotzdem sind die allermeisten nicht mehr in Betrieb, Energie ist einfach zu billig im Iran, Gedanken über die Umwelt macht sich hier eh kein Mensch (Müll wird selbstverständlich in der Landschaft verteilt, Licht braucht man nicht auszumachen wenn man die Wohnung verlässt, und eine Klimaanlage anzustöpseln ist halt wirklich einfacher als einen Windturm aus Lehm zu erhalten).
Die folgende Nacht verbrachten wir wieder in einem Park. Wieder schlugen wir unser Zelt auf dem Rasen in einer dunklen Ecke auf, wieder wunderten wir uns warum die Iraner direkt neben der Straße unter der Straße auf Zement zelten. Wir suchten ein Fleck Park mit möglichst weichem Gras, ich zog meinen Pullover an und legte mich auf meine verbleibende Kleidung, eine Decke erachtete ich auf Grund der Temperaturen (wir befanden uns schließlich neben der heißesten Wüste der Welt) als unnötig. Um 1 Uhr wurden wir von der Security geweckt. Sie faselten etwas von Wasser (das ist immer das erste Wort das ich in einer neuen Sprache lerne) und deuteten in Richtung der Straße, wo wir unser Zelt auf dem Zement aufstellen sollten. Offenbar wird nachts der Park geflutet und wir wären mit dem Zelt abgesoffen. Anstatt dankbar war ich stinksauer, ich war todmüde, hatte keine Lust umzuziehen, noch dazu auf den Beton, ohne Matratze. Wir  fragten per Google Translate ob sie eine Decke oder einen Teppich hätten. Beides wurde verneint. Wann das Wasser angestellt wird. In einer Stunde. Wir hatten keine Wahl, wir mussten auf den Beton. Was für eine Ironie. Da ist man in der trockensten Ecke Irans, und muss vor dem Wasser flüchten. Grummelig packten wir unsere Sachen und zogen um. Ich verfluchte die Security obwohl ich keinen Grund dazu hatte. Nach 15 Minuten kam ein Polizist mit einem Stapel dicker Wolldecken an unser Zelt.
In Yazd nahm das "Ich wünsch mir etwas und es geht sofort in Erfüllung" gespenstische Ausmaße an: Wir liefen abends durch den Park, Vincent bemerkte "Jetzt würde ich gerne Shisha rauchen", und "woosh", 20 Meter weiter saß eine Gruppe um eine Shisha und winkte uns heran. 2 Stunden später löste sich die Gesellschaft auf, wir waren mittlerweile hungrig und machten uns auf den Weg zum Supermarkt, doch "woosh", noch im Park lud uns eine Familie mit riesigen Töpfen und Kochern bewaffnet zum Abendessen ein. Eine Gitarre wäre toll. "woosh", jemand kam mit einer Gittare an. Ping Pong, Fußball, Kartenspiele, alles war im Park vertreten, und ich habe das Gefühl, dass die Leute sich sehr freuen wenn man sie auf ihren Decken besucht, oder in ihren Häusern. Für die allermeisten ist es der erste Kontakt mit Touristen. "Thank you, my dear Friend, for your visit. I am so happy that I know you now!" Überall wo man hingeht, ist man der erste Tourist, hat man zumindest manchmal das Gefühl.
Das gibt einem natürlich auch Verantwortung. Man vertritt dadurch das Reisen, Touristen, man vertritt auch seine Landsleute. Man vertritt aber auch andere Ansichten, was manchmal eine Gratwanderung ist. Ich will keine Gefühle verletzen, aber wenn mich jemand explizit nach meinem Glauben fragt, lüge ich nur selten.
 Mit manchen Gastgebern stehe ich noch länger in Kontakt, so schön und herzlich und persönlich interessant sind viele Begegnungen. Ich habe im Iran die Hälfte der Zeit in meinem Zelt im Park geschlafen und die andere Hälfte bin ich privat untergekommen. Bezahlt habe ich in 4 Wochen genau 1 Unterkunft. Heute schlafe ich übrigens in einem 3-Sterne-Hotel. Die Kosten übernimmt die Gemeinde. Gibt es das sonst noch wo auf der Welt?

ENGLISH VERSION

Entering Iran

After recovering my cold, refilling all my batteries and finally refurbishing the bicycle in Mariettas B&B in Meghri, I rolled down the last km to the Iranian borde. Such a beautyful landscape, unfortunaley without any chance to take a picture - near the border, photography was forbidden. Remarkably, the last two persons in Armenia where two dressed up ladies in high heels and a lot of make up. They checked my passport extraordinary thoroughly, I had to put my luggage into an X-ray scanner. Never before on this trip has I been this excited when crossing a border: What do the Iranians want to know? Is there anything in my bag that could cause problems? GPS, medication?
After 15 minutes of waiting, I heard the sweet noise of the embarkation stamp on my passport. That was easy. Meanwhile, I amde friends with anouther german cyclist, standing in line after me. Ewald was 71 years old an a student again. He decided to take his holidays to cycle to Iran. In former times, he was a teacher.
After all, I had to answer some questions to the police officers: What was the name of my father? Where have I been born? Is this a big city? Which one is the biggest around? Ah, Munich, Schweinsteiger, Lahm!? Have a nice journey!

That's it? I'm in Iran? On the last counter I exchange my residual Armenian change into a bunch of bills with alot of Zeros, and then I headed to Tabriz, together with Ewald.
The first night we wanted to spend in the park in Jolfa. After drinking a russian coffee in a turkish restaurant, we asked the waiter for directions to the park and the bill. He only said "I don't take money from tourist. You are my guests", and after some Discussion we gave up."Please, come back for dinner!" Ok, I believe it now. We are in the Iran.

Tabriz

In Tabriz, we stayed in the "Parke Mosafer", the "Passenger Park", a small park exclusively reservated for tourists, with showers, electricity, cooled water, kitchen, and everything for free. Public services in Iran are great. There are a lot of public toilets, plugs, you can sleep in every park, and in most cities, there are water coolers on the sidewalk.
There is not much to see in Tabriz, the most interesting thing is the bazaar, a huge complex (the biggest in the world, if I'm not mistaken) with great halls. We made friends with an english teacher on the street who wanted to show us around, and invited us to visit his class later. We spend the whole day with him. Every night, we spend with different people, sometimes they are standing in line to have some conversation, and some are so sympathic that you make friends and spend a lot of time. As a gift, we received a small peace of an ancient persian carpet, from a carpet workshop on the bazaar. It is half as small as a doormat, and  after I had doubts about the weight and everything in the beginning, I am really happy about it. It makes me a great seat when sitting on concrete, and in the evening it is super comfy for changing shoes in front of the tent. Also, it gives me some street cred. All Iranians have a persian rug in their tent.
We met another cyclist in Tabriz, Bill, a really nice guy from Australia, who started his trip right here. We decided to cycle for a couple of days together, heading to the Caspian Sea. I was glad to have company after a long lonely time, to share good food, nice memories, to have deep discussions, and laugh about hilarious things. We passed Ardabil, famous for its cold temperature (it wasn't cold at all!) and a holy shrine, and had a 40 km downhill ride to the Caspian Sea. After a week or so, our path separated again, I wanted to go to Tehran  as soon as possible to apply for my Uzbekistan Visa.

Of Tourists and Pictures.

It is high season in Iran. Many families spend their last days on the Caspian or are already on their way back home, in Tehran or further south. I'm climbing the Elburz, from Chalus to Tehran, an endless line of cars beside me, they love to use their crazy loud horns when they pass, shout "Hellllloooooouuuu", or "How are you very much!" Thumbs up, high five, girls giggling shyly in the back seats, I am celebrated like a star. Many overtake just to pull over in front of me, cutting my way. They jump out of their cars, run beside me and take a picture. After I while, I am fed up and don't stop anymore. It's annoying and costs a lot of time. That might be rude, and I feel bad. Because some are really nice and offer drinks, nuts, water, cookies, a lot of chai, of course, or fruits. So I continue playing the celebrety game and smile into their cameras again. I have an idea how famous people must feel, now.

India

Sometimes, Iran is a little bit like India. People sit down less than a meter in front of me, and stare. Others join, stare. I set up my tent (a tiny one, with two layers, but without window, and I have to put together the sticks, first, craaazy!), everything is being touched (they like to touch the brake discs first, grrrr!), what is this? what is that? "That's a cooker! And that's petrol! Back up, please! this is going to explode". I literally have to push back the people, most of them don't speak a word of english, and my farsi is really really poor.

"Countryyyyyyy?" is the most abundant word on the road. I hear it from half of the people, without saying Hello or Salam first. I have an allergy against it by now, especially when it comes with this peculiar head-shaking. In these situations, I try different things. "Israel", "Poland" is interpreted as "Switzerland" and "Holland", even if I say the truth ("Alman"), some people think I'm from Armenia (Armenistan). Even without asking, some people guess right that I'm from Germany right away, and occasionaly I'm saluted with "Heil Hitler".

 

Meeeeeep!

I'm still climbing the Elburz, 2000 m by now. It is late, the tunnel on the pass is near. But with this traffic, I don't want to pass it. I'm afraid of suffocating in there. Heaven sent Mohammed with his pick-up truck. After he gave me a ride through the tunnel, he offered to sleep at his brother's place in Tehran. That was perfect, I was looking for a host in Tehran, anyway, and riding with him down to Tehran saved my around 1 day.
Tehran is a noisy and stinky place and full of cars. 14 million people, it has been 7 million 20 years ago. Faszinating how such a dense traffic can still be half way fluid. There are no rules except: Hesitate and you will lose! and: the one who uses his horn first, goes first. Traffic lights are suggestions. It is pretty easy, and with the bicycle it is actually quite fast, there are small gaps opening up everywhere.
It is a bit more tricky to pass the street as a pedestrian: go slowly and never turn back. The drivers notice you and anticipate your movement. Sudden changes will render the passage dangerous!
I have to wait 10 days for my Usbekistan Visa. Since there is nothing else to see in Tehran, we catch the bus to Isfahan, I am travelling with Victoire now, the French I met in Trabzon and again in Yerevan.

 

Couchsurfing in Iran

We also visited Shiraz, and with another French guy, I went on to Yazd. These cities are great! Less traffic, beatiful buildings, and awesome people. In every city, we were hosted by random people we met on arrival, or even in the bus.
In Isfahan, 15 year old Ali and his cousin showed us around for 2 days, arranged free tickets for the Chehel-Sotun Palace, checking nearby restaurants online, etc. In the evenings, Ali's mother prepared us dinner. Again I felt like a celebrity, visiting a city with bodyguards and and agents, and everything is arranged for.
In Shiraz, we made friends with awesome Masa. She provided us a blanket for the first night in the park, brought us breakfast to our tent, showed us around the most beautiful and hidden places in Shiraz together with another friend of her, and visited the breathtaing Friday Mosque with us. For the nights, she arranged a place for us to spend the night. We soared around the city by taxi, a 90 minutes ride to get food, fetch a guitar from a friend, and search  for the place that she has arranged. In the end, the driver charged us 6 Eur.
Our visit to Persepolis, some 50 km away from Shiraz, was completely arranged. Someone picked us up, brought us there, someone else arranged free tickets, someone else showed us the place... Incredible! The people are so nice that you visit the country, and are happy to do everything for you. Any wish will come true in a few seconds. The people can read your mind.
I'm on the road again, now. I need to be in Mashhad to pick up my 5-day Turkmenistan Visa on Thursday, i.e. in one week. Still 650 km to go. I better go, now....